Russland und Europa: Gemeinsame Geschichte, unterschiedliche Auslegung

Mikhail Woskresenskiy, Igor Russak/RIA Novosti; RBTH
Russen und Europäer haben eine lange und wechselvolle Beziehung, die unzweifelhaft gemeinsame historische Wurzeln hat. Doch warum gestaltet sich das Verhältnis heute so schwierig? Dieser Frage gingen Russlands Kulturminister Wladimir Medinski und der deutsche Politikwissenschaftler Alexander Rahr nach.

Wie sehen Russen und Europäer die Geschichte? Gibt es ein gemeinsames Geschichtsverständnis oder fällt die Beurteilung historischer Ereignisse doch ganz unterschiedlich aus? Auf der Frankfurter Buchmesse vergangene Woche haben Russlands Kulturminister Wladimir Medinski und der deutsche Politikwissenschaftler, Journalist und stellvertretende Vorsitzende des Verbands der russischen Wirtschaft in Deutschland, Alexander Rahr, diese Frage diskutiert.

„Russland und Europa haben zweifellos eine gemeinsame Geschichte“, meint Wladimir Medinski: „Beide Kulturen haben ihre Wurzeln im Römischen Reich.“ Zar Ivan der Schreckliche habe eine genealogische Studie erstellen lassen mit dem Ergebnis, dass er ein direkter Nachkomme Octavians, des späteren römischen Imperators Augustus, gewesen sei. Diese römischen Ursprünge seien weiterhin spürbar, „selbst wenn Russland auch durch das Byzantinische Reich, Asien und vor allem die Goldene Horde beeinflusst wurde“, so  Medinski. Alexander Rahr teilte diese Sicht nur zum Teil: „Ja, Russland ist ein unabdingbarer Teil Europas. Es ist aber ein ganz anderes Europa“, sagte er. Russland sei ein Land, in dem die Gerechtigkeit über dem Recht stehe. 

„Warum passt Russland so schlecht in die europäische Kultur?“, lautete eine Frage aus dem Publikum. Ein Großteil der russischen Gesellschaft mache es sich gar nicht erst zur Aufgabe, einen gemeinsamen kulturellen Nenner mit Europa zu finden, lautete Wladimir Medinskis  lapidare Antwort darauf. „Nach 80 Jahren Kommunismus versucht das moderne Russland zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Es gibt aber keinen Konsens darüber, ob diese Wurzeln im Russischen Kaiserreich vor der Revolution 1917 oder doch in der Sowjetunion liegen“, führte der Minister aus. 

Alexander Rahr stellte fest: „Während die Europäer sich nach der Freiheit jahrhundertelang gesehnt haben, geschah in Russland alles über Nacht. Deswegen unterscheiden sich Russland und Europa grundsätzlich.“ Der lange, teils schmerzhafte Prozess der Demokratisierung, wie ihn der Westen erleiden musste, sei den Russen erspart geblieben.

  

Die UdSSR: Besatzer oder Befreier?

Der Zweite Weltkrieg und dessen Auslegung durch den Westen, die von russischen Historikern nicht immer geteilt wird, war ebenfalls Gesprächsthema. Auch Medinski äußerte sich kritisch: „Noch vor 15 bis 20 Jahren hat niemand auf der Welt angezweifelt, wer im Zweiten Weltkrieg gewonnen und verloren hat, wer angegriffen und wer verteidigt hat, wer der Verbrecher und wer der Held war. Unstimmigkeiten bei der Bewertung des Kriegsgeschehens gibt es erst seit dem Zerfall der Sowjetunion, als neue Staaten mit der Suche nach ihrer nationalen Identität begonnen haben.“ 

Rahr zog einen Vergleich zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg. Er äußerte ein gewisses Verständnis für die Beharrlichkeit, mit der Länder des Warschauer Vertrages und die baltischen Staaten versuchten, die ganze Welt davon zu überzeugen, dass sie Opfer des sowjetischen Regimes geworden seien und Russland dies anerkennen und eine Entschädigung leisten solle. Der Experte gab jedoch zu bedenken, dass Russland, wenn es diesen Forderungen nachgeben würde, Gefahr laufe, die Rolle Deutschlands im Jahr 1945 zu übernehmen. Russland würde dann als alleinschuldig an der ganzen Not und am ganzen Elend des Kalten Kriegs dastehen. „Deswegen hat sich die russische Elite – nicht Putin, sondern die Elite – entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Nun ist diese Verzweigung sehr ernst geworden“, brachte Rahr es auf den Punkt. „Wir haben unterschiedliche Ansichten über den Zweiten Weltkrieg. Es wird immer schwieriger diese Ansichten zusammenzuführen“.

Medinski und Rahr waren sich einig, dass die Geschichte immer auch als eine politische Waffe missbraucht wird und dass man den kulturellen Eigenheiten der verschiedenen Völker möglichst rücksichtsvoll begegnen sollte. „Es gibt keine Glücksformel, die für alle Familien gilt. Genauso gibt es keine einheitliche Formel, um eine Demokratie aufzubauen. Die Aufgabe besteht darin, dass man die Identitäten verschiedener Kulturen respektiert und versucht einander besser zu verstehen“, resümierte der russische Kulturminister.

INFO:

Wladimir Medinski ist seit 2012 Minister für Kultur der Russischen Föderation. Zudem ist er Historiker und Autor. Seine Bücher „Mythen über Russland“, „Krieg. Mythen der UdSSR. 1939-1945“ und „Leichen im Keller der russischen Geschichte“ wurden auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Insgesamt wurden dort 800 russische Neuerscheinungen präsentiert.

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