Britta Kaiser-Schuster: „Verloren geglaubte Werke werden zurückgebracht"

Den Berliner Pergamon-Altar und die Dresdner Sixtinische Madonna gab die Sowjetunion in den 50ern an die DDR zurück.

Den Berliner Pergamon-Altar und die Dresdner Sixtinische Madonna gab die Sowjetunion in den 50ern an die DDR zurück.

Stefan Gloede, für DRMD.
Auf einer Konferenz feierte der Deutsch-Russische Museumsdialog sein zehnjähriges Bestehen. Leiterin Britta Kaiser-Schuster erklärt im Interview, was die Arbeit der mehr als 80 Museen ausmacht.

Am Montag und Dienstag trafen sich in Berlin rund 200 Direktoren von Museen aus Deutschland und Russland, die im Deutsch-Russischen Museumsdialog organisiert sind. Alle sind von Kriegsverlusten betroffen und arbeiten in Projekten eng zusammen, um verloren geglaubte Objekte wiederzufinden. Auf der Konferenz präsentierten sie das bisher Erreichte und vertieften ihre Zusammenarbeit durch die Erörterung neuer Projekte. Aus Anlass des zehnjährigen Bestehens ihrer gemeinsamen Initiative wollten die Museen ein klares Zeichen für den Kulturdialog zwischen Deutschland und Russland setzen.

RBTH: Frau Kaiser-Schuster, worum geht es bei den gemeinsamen Projekten des Deutsch-Russischen Museumsdialogs?

Britta Kaiser-Schuster: Uns geht es um die gemeinsame Erforschung der deutschen und russischen Kriegsverluste – von archäologischen Objekten über Gemälde und Skulpturen des Mittelalters und der Renaissance bis hin zur Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts. Parallel dazu beschäftigt sich der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog mit den kriegsbedingt verschollenen Büchern.

Welche Größenordnung muss man sich da vorstellen?

Der barbarische Angriffskrieg Hitlerdeutschlands führte zu gewaltigen Kriegsschäden in der Sowjetunion, die sich bisher kaum beziffern lassen. Nach dem Krieg erhielt die UdSSR allein aus westdeutschen NS-Depots mehr als eine halbe Million Objekte durch die Alliierten aus den Central Collecting Points zurück. Schätzungen gehen davon aus, dass aus deutschen Sammlungen etwa 2,5 Millionen Objekte von sowjetischen Trophäenkommissionen abtransportiert wurden.

Was wurde inzwischen zurückgeführt?

Von 1955 bis 1958 gab die Sowjetunion fast 1,6 Millionen Objekte an die DDR zurück. Darunter solche weltbekannten Kunstwerke wie den Berliner Pergamon-Altar und die Dresdner Sixtinische Madonna.

Und wie steht es heute um Rückgabeforderungen?

Uns geht es um wissenschaftliche Forschung und Aufklärung. Rückgabeforderungen klammern wir aus. Das ist auf der Regierungsebene zu klären.

Was wird hinsichtlich russischer Museen getan?

Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt widmet sich der Geschichte der russischen Museen im Zweiten Weltkrieg. Von den über 170 von Kriegsverlusten betroffenen Museen in Russland wurden sechs für Fallstudien ausgewählt: Nowgorod und Pskow sowie die Zarenschlösser Tsarskoje Selo, Peterhof, Gatschina und Pawlowsk.

Also vor allem Aufklärung und fachlicher Austausch?

Das steht im Zentrum unserer Tätigkeit, aber wir gehen inzwischen weit darüber hinaus. Gemeinsame Ausstellungsprojekte tragen dazu bei, lange verloren geglaubte Kunstwerke in die öffentliche Wahrnehmung zurückzubringen. Ich möchte hier nur die vom Moskauer Puschkin-Museum und der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha für 2016 geplanten gemeinsamen Ausstellungen nennen: „Cranach in Moskau“ und „Französische Malerei in Gotha“.

Besteht heute noch Aussicht, verloren geglaubte Objekte zu finden?

Sicher, denn so manches Objekt wurde von Soldaten mitgenommen, geriet als „Souvenir“ in private Hände. So wurde 1997 in Bremen ein Mosaik des Bernsteinzimmers aus dem Katharinenpalast auf dem Schwarzmarkt beschlagnahmt, seit 2000 ist es wieder in Puschkin – übrigens das einzige wiedergefundene Detail des Zimmers. Auf der Berliner Konferenz erhielt das Nowgoroder Museum ein kirchenslawisches Messbuch von 1651 und ein Schwert zurück. Letzteres übergab Veronika Ellert im Namen der Nachkommen eines deutschen Soldaten.

Wie soll es weitergehen?

Unseren Dialog sehen wir als Beispiel für eine ausgezeichnete deutsch-russische Kooperation in Zeiten schwieriger politischer Beziehungen. Wir wollen weitere deutsche und russische Sammlungen erforschen. Allerdings sind dazu Transparenz und ein unbehinderter Zugang zu den Archiven erforderlich. Leider gibt es dazu aufseiten der russischen Politik noch manche Hürde zu überwinden.

Deutsch-Russischer Museumsdialog (DRMD)

Im November 2005 gründeten über 80 deutsche Museen, die bis heute von kriegsbedingt verlagerten Kunst- und Kulturgüterverlusten betroffen sind, die Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog (DRMD). Ziel ist, Kooperationen zwischen Wissenschaftlern beider Länder in gemeinsamen Vorhaben zu intensivieren. Dazu werden Projekte initiiert wie zum Beispiel „Kriegsverluste deutscher Museen“, das Transport- und Verteilungslisten kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachter Kulturgüter auswertet. Es unterstützt die Museen darin, Klarheit über Art und Umfang ihrer Verluste zu gewinnen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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