Diana Wischnjowa: „Ballett ist so hart wie die Arbeit im Bergwerk“

Irina Tuminene
Sie ist der Star am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg und am New Yorker American Ballet Theater: Die Primaballerina Diana Wischnjowa ist seit vielen Jahren eine international gefeierte Tänzerin. Im Interview mit RBTH spricht sie über ihre Anfänge und die Zukunft.

RBTH: Was war schwerer – die Solokarriere aufzubauen oder danach die Verbindung zum Mariinski-Theater zu erhalten?

Diana Wischnjowa: Es ist klar, dass im Leben bei weitem nicht immer alles so glatt und reibungslos abläuft, wie es oft scheint. Ich musste um meine Position am Theater schwer kämpfen, da die Theaterstruktur für individuelle Karrieren nicht unbedingt förderlich ist. Auch politische und wirtschaftliche Faktoren haben gegen meine Entscheidung gesprochen. Aber ich habe für meine Vorstellungen gekämpft, meine Lebenseinstellung vertreten und damit am Ende stets Anklang gefunden. Als ich 20 Jahre alt war, gab es wohl ein sehr interessantes Angebot für mich. Ich habe erst nach Jahren davon erfahren. Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass es mir vorenthalten wurde.

Die persönliche Entwicklung und das Feilen am klassischen Repertoire sind sehr wichtig. In jungen Jahren wird dadurch eine Basis geschaffen, von der eine Balletttänzerin ihr Leben lang profitiert. Systematisches Arbeiten von klein auf kann zu einer großen Karriere führen.

Wie großartig die Aussichten aber auch immer sein mögen: Man sollte sich nicht zerreißen. Ich hatte Glück, dass Waleri Gergijew, der Leiter des Mariinski-Theaters, mich in zwei Ensembles gleichzeitig tanzen ließ. Er hat verstanden, dass New York eines der wichtigsten Zentren der Tanz- und Musikwelt ist. Gergijew hat mir zunächst erlaubt, in Berlin mit Wladimir Malachow zusammenzuarbeiten. Später durfte ich dann auch am American Ballet Theater tanzen. Der Zeitpunkt war passend. Ich hatte bereits einen Namen als Tänzerin. Das gab mir die Möglichkeit, bei der Auswahl der Stücke mitzureden.

Wie kam Ihnen die Idee zu einem Soloprogramm?

Das Repertoire an beiden Theatern war erschöpft. Es schien mir, als wäre die Zeit für etwas Neues und Individuelles gekommen. Unabhängig vom künstlerischen Hintergrund müssen solche Projekte von einem seriösen Sponsor getragen werden. Ich werde von Ardani Artist gefördert. Dennoch war es ein gewagter und schwieriger Schritt. Es ist gar nicht so einfach, Choreografen für Soloprojekte zu gewinnen. Sie sind es gewohnt, mit Theatern zusammenzuarbeiten, nicht mit einzelnen Balletttänzerinnen.

Kümmern sie sich darum persönlich oder haben Sie Assistenten?

Mit den Choreografen verhandele ich zunächst persönlich. Ist eine Übereinkunft für die Zusammenarbeit getroffen, übernimmt mein Team. Man benötigt auch einen Manager, vor allem, wenn man keine staatliche Finanzierung hat. So kam mir die Idee, eine eigene Stiftung zu gründen.

Foto: Pressedienst des Festivals "Context. Diana Vishneva". 

Sie gehören zu den wenigen klassischen Ballerinen, die nicht erst am Ende ihrer Karriere angefangen haben, modernes Ballett zu tanzen. Warum?

Man sollte Extreme vermeiden. Heute tanze ich klassisches Ballett und morgen modernes – das funktioniert nicht. Klassisches Ballett erfordert eine langjährige Ausbildung. Klassisch ausgebildete Balletttänzer können jedoch modernes Ballett tanzen. Man sollte mit moderner Choreographie frühzeitig und maßvoll beginnen, um Verletzungen zu vermeiden. Wichtig ist auch, was jeder einzelne unter dieser künstlerischen Transformation versteht. Ich habe mir nie ein bestimmtes Endziel als Priorität gesetzt und stets das künstlerische Schaffen in den Vordergrund gestellt. Natürlich sitzt auch irgendwo in meinem tiefsten Innern eine klassische Ballerina, die sagt: „Hör bloß damit auf! Du hast es nicht nötig, tanze weiter „Giselle“.“ Diese innere Stimme muss ich erziehen, bändigen und transformieren. Dieser Prozess ist sehr schmerzhaft. Nicht umsonst vergleicht man das Training im Ballett mit der harten Arbeit in einem Bergwerk.

Foto: Pressedienst des Festivals "Context. Diana Vishneva". 

Demnächst treten Sie in Sankt Petersburg auf. Welche weiteren Pläne haben Sie?

Ich setze die klassische Linie sowohl am Mariinski als auch in New York fort. Vor wenigen Jahren habe ich mit „Context. Diana Vishneva“ mein eigenes Festival gestartet. Ich bin dessen künstlerische Leiterin. Das kostet mich viel Zeit und Kraft. Ziel des Festivals ist es, zur Entwicklung der modernen Tanzkunst in Russland beizutragen und jungen Menschen eine Chance zu geben. Für mich ist es eine interessante Aufgabe. Ich mag es, mich damit zu beschäftigen, Managementerfahrung zu sammeln und dabei zu wissen, dass wir mit unserem Festival Bewegung in die russische moderne Tanzkunst bringen.

Ich habe auch Angebote, eine leitende Funktion zu übernehmen, und überlege mir diese Möglichkeit gründlich. Das Verhältnis zu unterschiedlichen Theatern ist ein Thema für sich. Ich kann mich nicht zerreißen. Aber ich habe neben meiner Vergangenheit, die meine harte Arbeit wert ist, auch eine Gegenwart.