Nikolai Polisski: „Menschen mögen es nicht, wenn man sie für dumm verkauft“

Laurent Boche / Pressebild
Seit 2000 ist Nikolai Polisski Land-Art-Künstler. In seinen Installationen verarbeitet er ausschließlich natürliche Materialien. Sein erstes Projekt waren „Snegowiki“ (zu Deutsch: Schneemänner) in Nikola-Leniwez. Das Dorf in der Oblast Kaluga ist inzwischen zu einem Wallfahrtsort für Landschaftskünstler aus ganz Europa geworden. Seit 2006 findet hier das Archstojanie-Land-Art-Festival statt.

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Ihre Arbeiten werden im MUDAM in Luxemburg ausgestellt. Wie kamen Sie auf die Idee, 2009 dort den Large Hadron C­ollider zu präsentieren?

Der Museumsdirektor Enrico Lunghi hat uns eingeladen. Das ist der erste Museumsraum, in dem wir gearbeitet haben. Ich dachte, wir müssten etwas Großes, Detailreiches, Globales machen. Damals war der Large Hadron Collider gerade angesagt. Und ich beschloss, ein Forschungslabor zu bauen, wie wir es verstehen. Haben die Künstler sich früher von der Natur inspirieren lassen, ist die gegenwärtige Welt der Dinge so reich, dass sie auch darauf eingehen. Als die Installation angeliefert wurde, sah dieses Holzding selbst in zerlegtem Zustand wie ein sehr kompliziertes Forschungsgerät aus. CERN-Wissenschaftler kamen, um sich das anzuschauen. Es gefiel ihnen sehr.

Wie ging es dann weiter mit dem Kunst­objekt?

Ein Teil der Installation blieb im Museum (Der „Quark-Zertrümmerer“ wird in der ständigen MUDAM-Ausstellung gezeigt, Anm. d. Red.). Der andere Teil hat sich in unseren Wissenschaftsprojekten aufgelöst. Fragmente des Colliders sind in der „Wselenskij rasum“ („Kosmischen Vernunft“, Anm. d. Red.) verbaut – einer Konstruktion in Nikola-Leniwez, die Energie ausstrahlt oder auch aus dem Kosmos empfängt.

"Large Hadron Collider" von Nikolai Polisski. Pressebild."Large Hadron Collider" von Nikolai Polisski. Pressebild.

Nimmt der Raum, in dem Sie arbeiten, Einfluss auf Ihre Projekte? Sie waren eingeladen, die „Jagdtrophäen“ im Schloss Chambord auszustellen. Die Holzfiguren sollten im dortigen Jagd- und Naturmuseum neben echten Jagdtrophäen aufgestellt werden. Letztendlich wanderte die Installation ins Pariser Hotel „Le Royal Monceau“.

Im Hotel wird nur ein Teil präsentiert. Ich wollte eine riesige Herde machen mit 300 bis 500 Tieren – einen schreckenserregenden Aufstand der Tiere darstellen. In seiner Abstraktheit war das Projekt mit einem anderen meiner Objekte verwandt: den Schneemännern. Es war als mobiles Objekt konzipiert, das man im Freien und gleichermaßen in Innenräumen zeigen kann. Im Chambord standen die Maßskizzen schon, der Katalog war fertig. Doch wegen des Führungswechsels konnte das Projekt nicht umgesetzt werden. Dafür wanderte ein Teil eben in ein Hotel, dessen Design Philippe Starck entwarf. Ich hoffe, irgendwann machen wir den „Aufstand“ in seinen ganzen Ausmaßen.

„Jagdtrophäen“ von Nikolai Polisski. Pressebild.„Jagdtrophäen“ von Nikolai Polisski. Pressebild.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem internationalen und russischen Publikum?

Geht es um die Arbeit im Freien, gibt es kolossale Unterschiede. Arbeitest du in Frankreich, muss das Publikum dich erst kennenlernen, sich seine Meinung bilden. Und wenn sie dich akzeptieren, dann genießt du volles Vertrauen und erfährst reges Interesse. Bei uns ist die Reaktion etwas anders, besonders in der Stadt: Einige meinen, der Künstler mache per se alles falsch. In Nikola-Leniwez aber wird alles bejubelt: Hier kommen vorbereitete Menschen hin, ein Publikum, dem unsere Kunst schon vertraut ist. Anfangs wurde ich gewarnt, dass die Objekte in Nikola-Leniwez zerstört würden, weil niemand den Park bewache. Doch das war nicht der Fall. Man springt darauf rum, nutzt sie als Sportgerät ... Aber sie hätten auch alles kaputtmachen können. Das Wichtigste, das ich verstanden habe: Menschen mögen es nicht, wenn man sie für dumm verkauft. Genau deswegen mögen sie zeitgenössische Kunst häufig nicht. 

Nikola-Leniwez: Land-Art-Kolonie in der russischen Provinz