Von Katzen und Grimassen: Die Kunst des Wassja Loschkin

Alexandra Mudrats/TASS
Einer der berühmtesten zeitgenössischen Künstler Russlands illustriert die Schattenseiten des russischen Lebens. Seine Protagonisten: Kater, alte Frauen, Oligarchen und aller Art Blutsauger.

Wassja Loschkin ist einer der schrägsten Stars der russischen Kunstszene. In der Tretjakow-Galerie sucht man seine Bilder vergeblich. Für renommierte Auszeichnungen wurde er auch nicht nominiert. Dafür sind seine Arbeiten in den sozialen Netzwerken ein Hit – Tausende teilen seine Bilder.

Seine größten Helden sind rothaarige Kater und böse alte Frauen mit Kopftuch. Die Kater stehen beim Publikum hoch im Kurs – die Fans müssen dafür tief in die Tasche greifen. Die alte Frau ist ein bizarres Erbe der russischen Kultur: eine Mischung aus Märchenfigur und böser alter Nachbarin, die den ganzen Tag mit ihresgleichen über alles und jeden lästernd und spottend auf einer Bank vor dem Hauseingang verbringt. Außerdem leben noch Bären, Hasen, Schweine, unrasierte Trinker und Kleinkriminelle in der Welt Wassili Loschkins – eine unattraktive, ja gefährliche Welt. Böse Fratzen baden in Erdöl, saufen und drohen mit Tod und Gewalt. Wie eine bissige Satire sieht das aus, eine Persiflage auf die russische Realität, menschliche Schwächen, Wirtschaftssanktionen, politische Unfreiheit und sowjetisches Erbe.

„Ich werde mich rächen“. Quelle: Wassja Loschkin„Ich werde mich rächen“. Quelle: Wassja Loschkin

Manchmal illustriert Loschkin – einem Außenstehenden möglicherweise unzugänglich – russische Aphorismen, Anekdoten und Losungen aus der Sowjetzeit. Andere seiner Arbeiten sind universeller Natur: ein frischgebadeter Kater mit der Überschrift „Ich werde mich rächen“ etwa.

„Ausland – Heimat“. Quelle: Wassja Loschkin„Ausland – Heimat“. Quelle: Wassja Loschkin

Oder eine Satire auf die allgegenwärtige mediale Propaganda: Das Diptychon „Ausland – Heimat“ zeigt die bunte, glückliche Heimatwelt einer freundlichen Bärenfamilie gegenüber der schwarz-weißen von Bestien bewohnten Auslandshölle hinter Stacheldraht.

„Bärenhöhle“.Quelle: Wassja Loschkin„Bärenhöhle“.Quelle: Wassja Loschkin

Und dann gibt es noch die gemütvollen Arbeiten Loschkins: Die „Bärenhöhle“ etwa zeigt eine Bärin mit ihrem Bärenjungen, die gemütlich unter einer bunten Decke schlummern.

Jurist im Körper eines Künstlers

In seinem wahren Leben heißt der Künstler Alexei Kudelin. Er ist 40 Jahre alt. Glatze, Brille, Bärtchen – eigentlich sieht er wie ein etwas durchgeknallter Professor aus, ist aber Jurist. Er selbst sagt, er sei „ein Künstler, der nicht zeichnen kann, ein Musiker ohne Notenkenntnis, ein Blogger ohne Anspruch auf Schreibtalent“. Seit seiner Kindheit macht er Musik, gleich nach der Schule gründete er eine Punkband. Berühmtheit aber erlangte er mit seinen Bildern. Loschkin hält sich für einen „Punker in der Malerei“.

In seinem wahren Leben heißt der Künstler Wassja Loschkin eigentlich Alexei Kudelin. Quelle: Alexandra Mudrats/TASSIn seinem wahren Leben heißt der Künstler Wassja Loschkin eigentlich Alexei Kudelin. Quelle: Alexandra Mudrats/TASS

Das Pseudonym Wassja Loschkin hat sich Alexei vor über zehn Jahren als Nickname bei Livejournal angelegt. Das Internet zog den Künstler in seinen Bann. Nach wiederholten Absagen verschiedener Galerien stellte er seine Bilder ins Netz. Dort wartete auf Wassja Loschkin der Ruhm: Die im Original mit Acryl auf Leinwand gemalten Bilder schlugen in der digitalen Welt ein wie eine Bombe. Landesweit stellten mehrere Galerien sie in den letzten Jahren aus. In Prag ist gar ein mit Loschkins rothaarigen Katern bemalter Nachtclub entstanden.

In allen Interviews erklärt Loschkin kategorisch, einen politischen oder sozialkritischen Subtext gebe es in seinen Bildern nicht. Gleichwohl provoziert eben dieser bei seinem Publikum Freude, Ärger oder Angst. Doch seine Gestalten sind kein Versuch, Russland als Ganzes abzubilden oder es an den Pranger zu stellen. Jeder Betrachter sieht in den Bildern das, was er sehen möchte. Den Künstler interessiert unterdessen der menschliche Wahnsinn, die Psychose, die Dummheit, die Halluzination, kurzum: die Grenzerfahrung, die geheimen Winkel der menschlichen Seele. Eine Welt mit den Augen eines psychisch Kranken betrachtet.

Bilder seiner Selbst

Konkrete Prototypen haben Loschkins Gestalten nicht. Der Künstler steht sich selbst Modell: Er stellt sich vor den Spiegel, verzieht das Gesicht, überspitzt die Züge und fertig ist ein einziges großes Selbstportrait. Eine andere Inspirationsquelle sind die Vorstadtzüge, mit denen Loschkin viel fahren musste, als er in dem kleinen Städtchen Solnetschnogorsk nahe Moskau lebte. Er hatte stets einen Zeichenblock dabei. Gelang ihm eine witzige Figur, entwarf er für sie ein Sujet. Aus der eigenen Fantasie ist wohl nur der Kater entstanden – das Volkstier der Russen gibt es schließlich in nahezu jedem Haus.

Wassja Loschkin
Wassja Loschkin
Wassja Loschkin
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Wassja Loschkin
 
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Nach Loschkins eigener Definition ist das Genre seiner Bilder der zeitgenössische Lubok: ein Volksbildchen mit einfältigem Sujet, lustiger oder auch moralisierender Botschaft, primitiv in der Ausführung und mit einer Erklärung versehen. Im Grunde handelt es sich also um ein Märchen. Und zwar – so sieht es der Künstler – mit einem Happyend. Auch wenn dies beim ersten Anblick der schrecklichen Fratzen kaum zu glauben ist.

Parallelwelten der Kunst in Moskau und Wien