Rostower Finift: Keramik-Kunst auf höchstem Niveau

A. Milovsky/RIA Novosti
Aus Frankreich importiert, in Rostow Welikij zur höchsten Kunst vollendet – die Rostower Finift ist eine der schönsten Formen des russischen Kunsthandwerks. Alles, was man darüber wissen muss, erklärt Andrej Gilodo, Berater für die Verwahrung und Sammlung von Kunstgegenständen am Russischen Nationalmuseum der Volkskunst und dekorativen Gestaltung.

Die Rostower Finift, eine spezielle Art der Keramikmalerei, wurde erstmals in der antiken Stadt Rostow Welikij, etwa 200 Kilometer westlich von Moskau, praktiziert, genauer im 18. Jahrhundert. Ihren zweiten Höhepunkt erlebte das Verzieren und Bemalen von Keramikfiguren und -gegenständen nach der Revolution, als die örtlichen Meisterkünstler begannen, Miniaturfiguren mit farbenprächtigen Blumenmustern zu kreieren.

1. Ein russisches Kunstgewerbe mit französischem Akzent

Foto: Das russische KunstgewerbemuseumFoto: Das russische Kunstgewerbemuseum

Emaille ist in Russland seit dem Beginn des zehnten und Anfang des elften Jahrhunderts bekannt. Dabei hat Russland diese Keramik seinen Beziehungen zu Byzanz zu verdanken. Doch als eigenständige Kunst ist die Rostower Finift aus Frankreich nach Russland importiert worden, genauer aus Limoges, wo diese feine Art des Bemalens von Miniaturfiguren Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden war.

2. Im Feuer geboren

Foto: Alexey Kudenko/RIA NovostiFoto: Alexey Kudenko/RIA Novosti

Kunstgegenstände der Rostower Finift entstehen, indem mittels einer speziellen Technik in Emaille eingefasste Metallfiguren – aus Metalldraht angelötete Silhouetten und Muster – mit Keramikfarben bemalt werden. „Finift“ leitet sich vom griechischen Wort „fingitis“ ab und bedeutet zu Deutsch „grell, hell glänzend“. Die feinen Figuren erhalten ihre strahlende Pracht und Tiefe dadurch, dass ihre Farben nach jedem Auftragen etappenweise einzeln gebrannt werden.

3. Miniaturfiguren zu kirchlichen Zwecken

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Das russische Kunstgewerbemuseum
 
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Die Rostower Finift-Meister schmückten mit ihrer Kunst kirchliche Gegenstände, die Gewänder der Gottesdiener sowie die Einbände der einzelnen Evangelien mit biblischen Sujets. Seit den 1840er-Jahren wurden auch weltliche Gegenstände hergestellt – Miniaturporträts, Genre- und Sujet-bezogene Kunstprodukte.

4. Die Verwendung von Porzellanfarben

Das russische Kunstgewerbemuseum
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es Brauch, statt des Oxidierens von Metallen, was bis dahin als Tradition für die Emaille-Kunst galt, Porzellanfarben zu verwenden. Dies brachte für die Finift-Meister eine wesentliche Erleichterung ihrer Arbeit mit sich: Plötzlich war es im Falle eines Fehler nicht mehr notwendig, alles von neu zu beginnen, sondern es war vollkommen ausreichend, die nicht gut gelungenen Elemente einfach zu entfernen.

5. Orden aus Emaille

1. Der Orden der Heiligen Anna 3. Klasse. 2. Der Orden des Heiligen Stanislaw 2. Klasse. 3. Der Orden der Heiligen Anna 2. Klasse. 4. Der Orden des Heiligen Wladimir 4. Klasse. Foto: Alexxx Malev/www.flickr.com1. Der Orden der Heiligen Anna 3. Klasse. 2. Der Orden des Heiligen Stanislaw 2. Klasse. 3. Der Orden der Heiligen Anna 2. Klasse. 4. Der Orden des Heiligen Wladimir 4. Klasse. Foto: Alexxx Malev/www.flickr.com

In Russland bildeten sich mit der Zeit eigene Emaille-Traditionen. So gab es beispielsweise die berühmten Stroganower und Usolsker Emaille, die in Russland erstmals im 17. Jahrhundert verwendet wurden. Auch Moskau hatte seine eigenen Traditionen: den sogenannten Zellenschmelz, auch Cloisonné genannt, oder die Drahtemaille, die zu Zeiten vor Peter des Großen hergestellt wurde (zu Beginn und Mitte des 17. Jahrhunderts). Später bildeten sich in Moskau und Sankt Petersburg einflussreiche Traditionen in der Emaille-Herstellung. Mithilfe dieser Schmelzarten entstanden beispielsweise prächtige Porträts von Zar Peter des Großen oder Miniaturporträts von Mitgliedern seiner Familie, die als Orden verwendet und als solche verliehen wurden.

6. Die Finift als Propagandainstrument

Kliment Woroschilow, Marschall der Sowjetunion. Foto: Vsevolod Tarasevich/RIA NovostiKliment Woroschilow, Marschall der Sowjetunion. Foto: Vsevolod Tarasevich/RIA Novosti

Das typische Bild der Rostower Finift – filigrane Blumenornamente –, das zum Markenzeichen dieser Handwerkskunst geworden und von Blumenmotiven geprägt ist, entstand erst nach 1917 in Russland. Dank der Rostower Finift ist das feine russische Kunsthandwerk nicht untergegangen, ganz im Gegenteil, es entwickelte sich sogar noch weiter. Auf Basis dieser eigenen Richtung erlebte auch die Genre- und die Porträt-bezogene Finift einen erneuten Aufschwung. In den 1920er- und den 1930er-Jahren wurde jedoch auch die sogenannte „Propagande-Finift“ geboren. Ihre Motive waren für jene Zeit sehr typisch und enthielten beispielsweise Szenen, die mit dem neuen sowjetischen Staat – der UdSSR – und dessen Symbolik und Nationalhelden in Zusammenhang standen.

7. Von der Handwerks- zur Juwelierskunst

Foto: Vsevolod Tarasevich/RIA NovostiFoto: Vsevolod Tarasevich/RIA Novosti

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man in den Werkstätten der Rostower Finift das Sortiment zu erweitern – man stellte Zigarettenetuis her, Taschenspiegel oder Schmuckkästchen, die mit Emaille geschmückt wurden. Aus den Gegenständen, die man einst im Alltag verwendete, wurden so plötzlich Kunstgegenstände. Heute wird das Bild der Rostower Finift zum Großteil mit Juwelen und Schmuck assoziiert, die mit Blumenmotiven verziert werden. Später, in der postsowjetischen Zeit, erlebte das feine Kunsthandwerk eine neue Renaissance, sodass man es wieder aufnahm und heute auch zu kirchlichen Zwecken wieder verwendet.

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