Glockengeläut: Die stille Demut der Russen

Das Läuten ist eine Allegorie des menschlichen Lebens.

Das Läuten ist eine Allegorie des menschlichen Lebens.

Grigory Sysoyev/TASS
Wieso erstarren Russen in Ehrfurcht, wenn sie das Läuten einer Glocke vernehmen? So viel sei bereits verraten: Es liegt nicht nur am einzigartigen russischen Klang.

Andrei Tarkowskis Monumentalwerk „Andrej Rubljow“, den die britische Filmzeitschrift „Sight & Sound“ als einen der besten Filme der Kinogeschichte bezeichnete, erzählt von der mittelalterlichen Rus und einem ihrer wichtigsten Ikonenmaler – Andrej Rubljow. Eine Szene in diesem Film ist besonders prägnant: Russische Bojare und Menschen aus dem einfachen Volk erstarren in angespannter Erwartung – wird die neue, gerade erst gegossene Glocke erklingen? Eine Spannung, die auch das Publikum auf der anderen Seite der Leinwand gefangen hält. Warum aber verschlägt es den Russen beim Erklingen einer Glocke noch heute den Atem?

Geburt und Tod

Um die wundersame Wirkung der Glocke auf das Gemüt des Menschen wusste man schon lange vor der neuzeitlichen Ära. Das Geheimnis lasse sich leicht ergründen, sagt Konstantin Mischurowski, Historiker und Glöckner im Moskauer Kreml und in der Christ-Erlöser-Kathedrale: Die Glocke führe zwei einander entgegen gesetzte Qualitäten zusammen – den Schlag auf der einen, den in die Länge gezogenen Gesang auf der anderen Seite.

„Das Ertönen einer Glocke erschüttert den Menschen durch die Plötzlichkeit des Schlages und die Tiefe und Komplexität dessen, was darauf folgt“, sagt Mischurowski. Es sei wie beim Erwachen aus einem Traum: „Der Mensch schläft, dann öffnet er plötzlich seine Augen – die Welt strömt auf ihn ein und beginnt, ihr eigenes Leben zu leben. Es ist wie der Beginn des Lebens“, erklärt der Glöckner, „deshalb nehmen die Glocken im Christentum eine so wichtige Rolle ein“. 

Vielleicht ist das eine rein russische Theorie. Die Glocken hatten in Europa anfangs vor allem die Aufgabe eines „Signalgebers“. Sie markierten den Beginn und das Ende eines Arbeitstags, alarmierten bei Feuer und Epidemien. Später erst kündigte das Geläut den Gottesdienst an. In der Rus entwickelten sich Glocken vor allem zu „klingenden Ikonen“ („Aural icons“), wie der amerikanische Glockenkundler Edward Williams in seiner Arbeit „Die Glocken Russlands“ herausstellte, auch wenn ihre Signalfunktion erhalten blieb.

Die Glocken laden die Gemeinde in die Kirche ein, begleiten den Gottesdienst, die Prozession, sie erklingen zur Taufe und zur Beisetzung. Die Glocke ist die Stimme Gottes, Gebet des Menschen und Allegorie des menschlichen Lebens. Beim Sterbegeläut etwa symbolisiert die Klangfülle das Leben des Menschen, der Schlag als solcher den Tod seines Körpers und das feierliche Geläut das ewige Leben.

Ein Mann allein kann das Feld nicht behaupten

Als Teil des orthodoxen Gottesdienstes wurde die Glocke zur Quintessenz der „Sobornost“, eines Konzepts, das in den Arbeiten von Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski eine prominente Rolle spielt. In der orthodoxen Tradition steht Sobornost für die Vereinigung der Kirchenmitglieder hinter dem einheitlichen Ursprung in Christus. Die Glocke verkörpert die Sobornost in jeder Phase ihres Lebens. Sie wurde erschaffen, um die Menschen in der Kirche zu versammeln, sie während des Gottesdienstes zu vereinen und für eine gewisse Zeit von allem Weltlichen abzuschirmen. 

Das Glockenspiel nahm bisweilen sogar den Charakter eines Konzertes an. So schrieb Stepan Smolenski, ein Musikwissenschaftler des ausgehenden 19. Jahrhunderts: „... es ertönt der erste Schlag, ein besonders weicher, zurückhaltender ... Er weckt ganz Moskau. Fünf bis sechs Sekunden später schlagen alle „vierzig mal vierzig“ (…). Sie läuten mit ungewöhnlicher Stärke. In der Kraft ihres Klanges verschwindet alles ... Der Klang ist betäubend, machtvoll, ein wahres Fest! ... Eine solche Musik kann man nur in Russland hören“.

„Russischer“ Klang

Der russische Glockenklang ist tatsächlich einzigartig. In Europa wird der Glockenton gestimmt wie ein Instrument, bis ein reiner Ton entstanden ist. In Russland bleiben die Einzigartigkeit jeder Glocke und die Vielschichtigkeit eines Tones erhalten.

In Verbindung mit den besonderen Vorschriften des Kirchenkanons ging aus dieser klanglichen Besonderheit im 18./19. Jahrhundert das spezifisch russische Geläut hervor. In ihm fließen die pulsierenden Schläge der großen Glocke – der Verkünderglocke – und der Klangteppich der kleinen mittleren Glocken zusammen.

„Stellen Sie sich eine Prozession vor, ich begleite sie mit dem Geläut“, erläutert Mischurowski. „Woher weiß ich, wie lange sie dauern wird, ob die Gläubigen schnell oder langsam voranschreiten? Wenn der Zug vor der Kirche zum Stehen kommt, muss ich das Geläut umgehend stoppen. Es muss daher in jeder Sekunde wohlklingend sein, ob ich 15 Sekunden oder eine halbe Stunde läute. Wie ein Ornament auf einem Band. Ich kann einen kleinen Abschnitt besticken oder einen langen. Wo es nötig ist, schneide ich es ab.“

Eine ideale Komposition von Glocken gibt es nicht. Selbst im „reinsten“ Glockenturm, dem Turm der Mariä-Entschlafens-Kathedrale von Rostow, gibt es eine Glocke, die überhaupt nicht zu den anderen passt. Erfahrene Glöckner gaben ihr einen Platz in dem Geläut – als besondere Note. Und jedes Mal auf eine andere Weise. Denn ein Glöckner wiederholt sich nie. 

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