Die Schätze von Troja: Wie ein deutscher Sensationsfund nach Moskau kam

Seit seiner Kindheit träumte Schliemann von der antiken Stadt Troja.

Seit seiner Kindheit träumte Schliemann von der antiken Stadt Troja.

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Die Schätze von Troja, die auf dem Gebiet der heutigen Türkei von dem deutschen Hobbyarchäologen Heinrich Schliemann gefunden wurden, legten einen langen Weg zurück, ehe sie nach Moskau kamen. Sie erzählen die Geschichte von Streit und Versöhnung.

Ein kleiner Saal im Staatlichen Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin: In den Vitrinen sind Schmuck, Äxte aus Stein und Schalen ausgestellt. Es sind die Schätze von Troja, die einst von dem deutschen Kaufmann Heinrich Schliemann bei Ausgrabungen auf dem Gebiet der heutigen Türkei entdeckt wurden.

Der Sensationsfund eines Deutschen

Foto: Lori/Legion-Media
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Heinrich Schliemann begann seine Karriere in einer einfachen niederländischen Handelsfirma, wurde aber schon bald dank seinen herausragenden Sprachkenntnissen zu deren Vertreter in Sankt Petersburg und später in Moskau. Im Jahr 1846 nahm er die Staatsbürgerschaft des Russischen Reiches an und heiratete 1852 Jekaterina Lyschina, die Tochter eines wohlhabenden russischen Kaufmanns.

Doch der erfolgreiche Geschäftsmann blieb nicht in Russland. Seit seiner Kindheit träumte Schliemann von der antiken Stadt Troja. Nachdem er zu Studienzwecken die ganze Welt bereist hatte, nahm er die Suche nach der verlorenen Stadt auf und fand schließlich bei Ausgrabungen am Hügel Hissarlik im Jahr 1873 den ersten Schatz. „Der Schatz des Priamos war weltweit eine absolute Sensation“, erzählt Wladimir Tolstikow, Leiter der Kunst- und Archäologieabteilung der Antike am Puschkin-Museum.

Schliemann setzte seine Ausgrabungen bis zu seinem Tod im Jahr 1890 fort. Nach verschiedenen Schätzungen entdeckte er 19 bis 21 Schätze. Er übergab die wertvollen Funde an die Stadt Berlin, wo sie im Museum für Vor- und Frühgeschichte bis zum Jahr 1941 aufbewahrt wurden.

Ab 1941 wurden die Schätze im Keller einer Berliner Bank aufbewahrt und nach Luftangriffen auf die Stadt in einen raketensicheren Bunker verlagert. Bei der Schlacht um die deutsche Hauptstadt im April 1945 übernahm Wilhelm Unverzagt, der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, persönlich die Verantwortung für die wertvolle Sammlung. Unverzagt habe sich um den Erhalt der Schätze gesorgt, erzählt Wladimir Tolstikow, deshalb habe er die Kisten mit den Exponaten freiwillig an sowjetische Soldaten übergeben. Im Juli 1945 wurden sie sicher mit einem Flugzeug nach Moskau gebracht.

Streit um die Schätze

Wladimir Tolstikow, Leiter der Kunst- und Archäologieabteilung der Antike am Puschkin-Museum. Foto: Nadezhda SerezhkinaWladimir Tolstikow, Leiter der Kunst- und Archäologieabteilung der Antike am Puschkin-Museum. Foto: Nadezhda Serezhkina

Als die Deutschen nach dem Krieg den Verlust entdeckten, begann eine weltweite Suche. Doch bis zum Jahr 1994 blieb die Sammlung verschollen. „Von ihrem Standort wussten weltweit nur zwei Personen – der Direktor des Puschkin-Museums und der Kurator der Sammlung“, sagt Tolstikow.

Das wäre auch noch lange so geblieben, hätte nicht ein Mitarbeiter des russischen Kulturministeriums das Schweigen gebrochen. Grigori Koslow, der Zugang zu den Archiven und offiziellen Korrespondenzen hatte, erzählte der amerikanischen Presse von dem Verbleib des Schatzes. Danach blieb Kulturminister Jewgeni Sidorow keine Wahl: Er musste eine öffentliche Ausstellung organisieren. Im Jahr 1995 wurden deutsche Experten und Spezialisten eingeladen, die die Echtheit der Sammlung bezeugten. Ein Jahr später fand die viel beachtete Eröffnung der Ausstellung statt.

Gleichzeitig erhob Deutschland Protest und forderte die Rückgabe der Exponate. Die russische Duma antwortete darauf im Jahr 1998 mit einem Gesetz namens „Über Kulturgut, das sich aufgrund des Zweiten Weltkriegs in Russland befindet“. Demnach gehören alle Objekte der Russischen Föderation. „Das Gesetz ist in Kraft getreten und niemand hat es seither angerührt“, erklärt Wladimir Tolstikow. „Die deutschen Kollegen haben es schließlich akzeptiert. Heute arbeiten wir erfolgreich zusammen und organisieren gemeinsame Ausstellungen.“

Alles im rechtlichen Rahmen

Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs ist bekannt – er endete mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. „Das ist ein juristisch bindendes Resultat, das rechtliche Konsequenzen nach sich zieht“, sagt Alexandra Skuratowa, Juristin und Dozentin an der Fakultät für Völkerrecht am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen.

Sie findet, die Schätze von Troja könnten zumindest teilweise als Kompensation für die Zerstörung der Kulturgüter auf dem Gebiet der Sowjetunion angesehen werden. Nach der offiziellen Statistik wurden im Zweiten Weltkrieg in Russland mehr als 160 Museen, 4 000 Bibliotheken und 115 Millionen Publikationen vernichtet.

Zwar gibt es die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten, die untersagt, Kulturgüter aus besetzten Ländern zu entwenden. Doch diese, so hebt Skuratowa hervor, wurde 1954 unterzeichnet und trat somit erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Kraft. Und laut dem Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge von 1969 hat die Konvention keine rückwirkende Geltung. Das hätten die Vertragsstaaten auch nicht gewollt, meint die Juristin.

Für die Schätze von Troja ist der Verbleib in Russland damit also recht sicher. Was andere Kultursammlungen angeht, zeigte die UdSSR sich jedoch entgegenkommend: Sie gab eine beträchtliche Anzahl von Kulturgütern freiwillig an Deutschland zurück, insgesamt etwa 1,7 Millionen Exponate. Darunter sind ebenfalls große Schätze wie die wertvolle Sammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Reliefs des Pergamonaltars.