Jelena Gagarina: „Niemand kannte die Museen im Kreml“

In der Wirtschaft und Politik sind die Sanktionen deutlich spürbar – wie sieht es aber mit der Kultur in Russland aus? Darüber und über die künftigen Pläne sprach RBTH mit Jelena Gagarina, der Leiterin der Museen im Kreml.

Elena Gagarina / Moscow Kremlin MuseumsElena Gagarina / Moscow Kremlin Museums

Jelena Gagarina, Kunsthistorikerin und Tochter des ersten Kosmonauten Juri Gagarin, leitet seit nunmehr 16 Jahren die Museen des Kremls. Im Interview mit RBTH erzählt sie von der Schwierigkeit, internationale Ausstellungen nach den Sanktionen zu organisieren, dem bevorstehenden Umzug am Roten Platz und persönlichen Erfolgserlebnissen.

RBTH: Sie leiten schon lange die Museen des Kremls. Was war für Sie Ihr bislang wichtigstes Erfolgserlebnis?

Jelena Gagarina: Die wichtigste Errungenschaft ist, glaube ich, dass die Museen international bekannt geworden sind. Als ich hier anfing, hatte niemand in der Welt von einem Museum im Kreml oder seinen Sammlungen gehört. Heute nehmen wir an Ausstellungen im Ausland teil und bringen viele Ausstellungen hierher. Ein internationaler Austausch ist für ein Museum überlebenswichtig.

Sie sagten einmal, dass der weltweite Austausch zwischen den Museen vor allem zu politisch schwierigen Zeiten wichtig sei. Haben Sie die politischen Sanktionen gespürt?

Natürlich. Im Jahr 2014 kam es zu einem unangenehmen Vorfall mit Österreich. Die Botschaft bat uns um eine Esterhazy-Ausstellung und wir bereiteten uns gezielt darauf vor. Einen Monat vor der Ausstellung sagte uns Österreich plötzlich ab. Gründe dafür nannten sie nicht. Wir mussten uns daraufhin etwas Neues einfallen lassen, das Projekt „Karte von Russland“. Dafür hatten wir nur sehr wenig Zeit.

Seit ein paar Jahren findet leider kein Austausch mehr zwischen den Museen in Russland und in den USA statt. Grund dafür ist die Schneerson-Bibliothek. Manchmal kommt etwas von lokalen Sammlern oder regionalen Museen. Zum Glück findet aber weiterhin ein Austausch von Spezialisten statt. Wir organisieren gemeinsame Ausstellungen mit US-Museen außerhalb von Russland. Wenn der US-Präsident die nötigen Dokumente unterzeichnet, wird sich die Lage eventuell ändern.

Ein Exponat aus der kommenden Ausstellung „Herren des Ozeans“: japanische Steigbügel aus Holz, Ende 16., Anfang 17. Jahrhundert. / Moscow Kremlin MuseumsEin Exponat aus der kommenden Ausstellung „Herren des Ozeans“: japanische Steigbügel aus Holz, Ende 16., Anfang 17. Jahrhundert. / Moscow Kremlin Museums

Hatten Sie schon einmal Vorfälle mit höherer Gewalt? Haben Sie für solche Fälle einen Plan B?

Wir mussten eine Ausstellung zum Modedesigner Paul Poiret umgestalten, da die Exponate aus dem Metropolitan-Museum nicht angekommen waren. Damals haben wir Exponate aus dem Victoria und Albert Museum in London genommen. Für diese kurzfristige Unterstützung bin ich noch heute sehr dankbar.

Ganz schlimm war auch eine Ausstellung zu Charles Macintosh im Kreml. Es war eine Tragödie: Die Kunstbibliothek in Glasgow brannte ab und mit ihr die Lagerhalle. Die Welt verlor eine Reihe einzigartiger Denkmäler und wir verloren eine große Menge an Exponaten kurz vor Eröffnung der Ausstellung. Damals wandten wir uns an ein japanisches Privatunternehmen, das uns einige Arbeiten von Macintosh zur Verfügung stellen konnte.

Eine Ausstellung vollständig ersetzen zu müssen, kam bislang aber nur einmal vor – die bereits erwähnte „Karte von Russland“.

Wie viele Besucher aus dem In- und Ausland verzeichnet das Museum im Kreml?

Der Anteil der russischen und ausländischen Besucher ist in etwa gleich. Das heißt aber nicht, dass es auch für immer dabei bleiben wird. Die Zahl der chinesischen Touristen steigt weltweit. Dafür haben wir fünf Museumsführer, die Chinesisch beherrschen. Der Tourismus und die Koordination des Touristenstroms sind schwierig. Zu Sowjetzeiten war es für die Museumsverwaltung einfacher – damals durfte man den Kreml nur mit einer offiziellen Anfrage einer Organisation betreten.

Wann hat sich der Kreml geöffnet?

Das Museum wurde in den Neunzigerjahren zugänglicher, aber 2,5 Millionen Besucher wie im letzten Jahr hatten wir noch nie. Zu Sowjetzeiten gab es hier keine wechselnden Ausstellungen und somit war das Interesse gering. Man muss zudem bedenken, dass es sich um die Residenz des russischen Präsidenten handelt. Hier herrschen andere Bedingungen.

Die Museen des Kremls erweitern sich. In wenigen Jahren steht der Umzug auf den Roten Platz an, wofür die Mittleren Handelsreihen baulich angepasst werden. Was sind Ihre Pläne und Erwartungen?     

Ich bin nie pessimistisch, immer optimistisch. Ich hoffe deshalb, dass wir in ein paar Jahren diese Gebäude bekommen. Wir arbeiten mit dem Büro Megan, den Ausstellungsmachern und den Museumsmitarbeitern zusammen. Die staatlichen Insignien und Orden werden im Kreml verbleiben, der Rest zieht um.

Am neuen Ort wollen wir die Fabergé-Ausstellung anders gestalten. Im Kreml wird eine Reihe von Gebäuden eröffnet. Diese können wir in Ordnung bringen und unseren Gästen zeigen. Jeder Ort ist hier ein Denkmal.

Was werden die Besucher in diesem Jahr sehen können?

Wir zeigen japanische Objekte wie Kimonos oder Emaillen aus der Meiji-Zeit – Ende 18. bis Anfang 20. Jahrhundert. Diese stammen aus der Sammlung des britischen Professors und Philanthropen David Khalili. Die Ausstellung wird nicht nur wissenschaftlich, sondern auch visuell interessant sein.

Diese Vase aus Emaille, hergestellt um 1910, ist Teil der Ausstellung zur japanischen Meji-Zeit im Kreml-Museum. / KFTDiese Vase aus Emaille, hergestellt um 1910, ist Teil der Ausstellung zur japanischen Meji-Zeit im Kreml-Museum. / KFT

Am Ende des Jahres veranstalten wir die Ausstellung „Herren des Ozeans“: Sie behandelt die Zeit, in der Portugal andere Länder entdeckte und weltweit großen Einfluss ausübte. Die Besucher werden mehr als 200 Exponate sehen, unter anderem Kultgegenstände, Barocksilber, Rüstungen und Waffen, darunter das Schwert von Vasco da Gama.

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