Korpulente Frauen und betrunkene Bauern: Die Welt des Wladimir Ljubarow

Vladimir Lyubarov

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Genrietta Peryan/Global Look Press
Die malerische Vergangenheit der Sowjetunion, betrunkene russische Bauern und Erzählungen der jüdischen Großmutter: In den Werken Wladimir Ljubarows verschwimmen Realität und Fiktion. Der Künstler eroberte mit seinen Werken zunächst die Tretjakow-Galerie – und später die Kunstsalons in aller Welt. RBTH stellt seine Arbeit vor.

Märchen oder wahre Geschichte?

Vladimir Lyubarov  / Genrietta Peryan/Global Look PressVladimir Lyubarov / Genrietta Peryan/Global Look Press

Sein Stil ist unverwechselbar, obwohl inspiriert von vielen Kunstrichtungen. In Wladimir Ljubarows Werken erkennt man die Naivität eines Henri Rousseaus und die Romantik eines Chagalls. Seine Eiskunstläufer erinnern an Bruegel und seine Bildserie „Fresser“ an van Gogh. Die universellen Geschichten verschmelzen hier mit dem Lubok – den russischen Volksbilderbögen mit satirischem Charakter.   

Jede Arbeit des Künstlers stellt eine Geschichte dar, mit detailliert gemalten Haupt- und Nebenfiguren, einer klaren Umgebung und leicht nachvollziehbaren Handlungssträngen. Nicht zufällig inspirierte Ljubarow ein Stück fürs Puppentheater, das für die renommierte russische Theaterauszeichnung „Solotaja Maska“ (Goldene Maske) nominiert wurde. Seine Werke und Motive setzen auch ein Studierendentheater in Moskau und ein Balletttheater aus Dänemark ein.

Wladimir Ljubarow. Foto: Sergei Karpov/TASSWladimir Ljubarow. Foto: Sergei Karpov/TASS

Darf man also auf Grundlage seiner Bilder über das russische Leben urteilen? Ja! Aber sie sind genauso realitätstreu wie die Darstellung russischer Landschaften in russischen Märchen. Die Welt des Künstlers ist eine Mischung aus der kollektiven sowjetischen Vergangenheit, dem Leben in russischen Dörfern und den Erinnerungen seiner Großmutter. 

Inspiriert von der eigenen Welt

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Die Märchenwelt des Künstlers hat jedoch zumindest einen Bezug zur Realität – sie ist inspiriert vom Dorf Peremilowo, drei Autostunden von Moskau entfernt. Eine Legende besagt, dass die Siedlung bereits unter Katharina II. existierte. Ein einstiger Favorit der Zarin, den sie irgendwann nicht mehr liebhatte, soll dorthin verbannt worden sein. Der Name des Dorfes enthält ein Wortspiel: milo heißt auf Russisch lieb. Zudem wurde in der Umgebung von Peremilowo im 14. Jahrhundert der bekannte russische Ikonenmaler Andrej Rublew geboren.

Bevor er ins Niemandsland ohne ausgebaute Straßen zog, machte Ljubarow Karriere in der russischen Hauptstadt. Er begann in den 1960er-Jahren, in der sogenannten Epoche des Tauwetters. Während seiner Ausbildung beschäftigte sich Ljubarov mit Gebrauchsgraphiken, die damals zu einem Zufluchtsort für alle wurde, die die Ästhetik des sozialistischen Realismus nicht unterstützten und Rettung vor der sowjetischen Zensur suchten. Seine Zeichnungen findet man in Werken von Schriftstellergrößen wie Jules Verne und Edgar Po, Voltaire und Hoffmann. Zudem konzipierte Ljubarow ein originelles Design für die populärwissenschaftliche Zeitschrift „Chemie und Leben“. Während der Perestroika gründete er zusammen mit einer Gruppe Schriftstellern den ersten privaten russischen Verlag Tekst. Am Gipfel seiner Karriere angekommen, änderte der damals 50-jährige Ljubanow im Jahr 1991 sein Leben radikal.

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Der Rückzug in die Provinz war für russische Intellektuelle schon immer ein wichtiger Schritt. Als Beispiele dienen Leo Tolstoi, der die Wahrheit und den Sinn in der Einfachheit suchte, und der Zeitgenosse Nikolai Polisskij, der vor 15 Jahren das Dorf Nikola-Leniwez nicht weit von Kaluga in ein Zentrum der russischen ländlichen Kunst verwandelte. Im Dorf Ljubarowskoje Peremilowo begann Ljubarow, Obst und Gemüse anzubauen, Holz zu schlagen und seine Nachbarn zu malen. Das Dorf wurde ebenfalls zu einem Teil der Märchenlandschaft – diese Serie malt er seit 15 Jahren. Die Dorfbewohner, auf seinen Gemälden verewigt, wurden so mittlerweile weltberühmt: Ljubarows Werke wurden nicht nur in der Tretjakow-Galerie oder dem Russischen Museum ausgestellt, sondern auch in den Kunstsalons Belgiens, Deutschlands, Österreichs, Chinas und weiterer Länder.  

Zeitlose Gesichter

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Ein bärtiger Bauer, der eine geflickte Hose trägt und liebevoll einen Engel an seine Brust drückt, korpulente Frauen in Volantkleidern mit Laiben Weißbrot unter dem Arm, Verkäuferinnen mit Dauerwelle, Bauern mit einem Glas Wodka – all dies sind gut erkennbare Figuren, ähnlich derer, die bereits vor 100 Jahren aber auch heute noch auf dem Lande leben. „Barbarisch, tapsig, witzig, aber freundlich und eigensinnig. Echte Philosophen, besonders wenn beschwipst“, sagte Ljubarow einst über seine Modelle.

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Eine weitere große Serie des Künstlers heißt „Jüdisches Glück“. Sie wurde durch die Erzählungen seiner jüdischen Großmutter inspiriert, die noch vor der Revolution eine Bar mit dem Namen „Bei Madame Ljubarow“ besaß und gefüllten Fisch servierte. Die persönlichen Erinnerungen werden dabei mit der Prosa von Scholem Alejchem kombiniert.

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Ljubarows Zeichnungen enthalten viele Details, die man aus der eigenen Kindheit kennt, aber langsam in Vergessenheit geraten. Skifahrer-Mützen, eine Sauna mit einem Bündel aus Zweigen, Haferflockenpackungen in Lebensmittelläden und eine große Waage aus Eisen, Teegläser mit Untersetzer im Zug, Kartoffelsäcke und eingelegte Gurken auf dem Markt – es sind typische Symbole des sowjetischen Alltags, die der Künstler mit einer gutmütigen Ironie darstellt. Über seine eigen Arbeit sagt Ljubarow: „In meiner Vorstellung ist es das Bild Russlands, das nach den Gesetzen des russischen Wunders lebt. Dieses Russland hat seinen eigenen Raum, eine eigene Zeit, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft erfasst.“

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