Russische Sinnsprüche: „Verstand wird Russland nie verstehen“

Sergey Pyatakov/RIA Novosti
Russen seien im Herzen immer Barbaren geblieben und meist sei das Land auf sich allein gestellt: Sinnsprüche spielten schon immer eine große Rolle, wenn Europäer wie auch Russen selbst Land und Leute beschreiben wollten. Die vielleicht bedeutendsten Aussprüche verraten dabei einiges – über die Wahrnehmung der Russen im Ausland wie auch zuhause.

„Groß und reich ist unser Land, aber an Ordnung fehlt es ihm“

Die Einladung der Waräger: Rurik, Sineus und Truvor in Staraja Ladoga. / public domainDie Einladung der Waräger: Rurik, Sineus und Truvor in Staraja Ladoga. / public domain

Einst lebten auf dem Gebiet zwischen Dnepr und Wolga Stämme, die einen Schutzzoll an die Waräger entrichteten. Irgendwann vertrieben sie die fremden Herrscher und versuchten, eine eigene Regierung auf die Beine zu stellen.

Der Versuch scheiterte kläglich: Die Ostslawen zerstritten sich bis aufs Blut. Offenbar war das Sterben so gewaltig, dass sie die Rettung nur in den Warägern sahen. „Kommt, um über uns zu herrschen und zu verfügen“, flehten sie demütig. Denn: „Groß und reich ist unser Land, aber an Ordnung fehlt es ihm.“ So jedenfalls notierte es Nestor, ein Kiewer Mönch, in seiner Chronik aus dem 12. Jahrhundert.

Ein gewisser Rjurik kam der Bitte der Slawen nach und gründete die erste Fürstendynastie in Russland: die Rurikiden.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Spruch zerstrittener Slawen wieder aktuell – allerdings in einem satirischen Kontext. Böse Zungen zitierten die Nestorchronik, um zu spotten: Trotz Russlands Größe und Reichtum, gelinge es einfach niemandem, dort ein normales Leben in Gang zu bringen.

„Kratzt du an einem Russen, kommt ein Tatar durch“

/ Kinopoisk.ru/ Kinopoisk.ru

Dostojewski war überzeugt: Europäer hätten die Russen nie als Teil von ihnen anerkennen wollen, „um keinen Preis, um kein Opfer, in keinem Fall. Grattez, sozusagen, lе russе еt vouz vеrrеz lе tartаrе, so ist es bis heute. Wir sind bei ihnen zum Sprichwort geworden“, monierte der russische Schriftsteller.

Im 19. Jahrhundert kam dieser Sinnspruch aus Frankreich nach Russland. Welchem Franzosen er zuerst eingefallen war, ist unbekannt. Marquis de Custine aber schreibt in seinen Reisenotizen über Russland etwas ganz ähnliches: „Die Sitten der Russen sind rau, trotz all der Ansprüche dieser Halbbarbaren, und werden dies lange Zeit noch bleiben. Es ist noch kein Jahrhundert her, dass sie echte Barbaren gewesen sind. Und viele dieser Möchtegerns der Zivilisation tragen unter ihrer heutigen Eleganz immer noch das Bärenfell. Sie haben es nur auf links gedreht. Doch kaum kratzt man etwas an ihnen, schon kommt das Fell wieder durch und steht nach allen Seiten ab.“

„Verstand wird Russland nie verstehen“

Fjodor Tjuttschew / Tretyakov GalleryFjodor Tjuttschew / Tretyakov Gallery

Dies ist die erste Zeile eines Gedichtes des russischen Denkers Fjodor Tjuttschew aus dem Jahr 1866: „Verstand wird Russland nie verstehn, / Kein Maßstab sein Geheimnis rauben; / So wie es ist, so lasst es gehn – / An Russland kann man nichts als glauben.“

Dieser Spruch bringt das irrationale Wesen der russischen Zivilisation auf den Punkt. Mittlerweile greift man zu diesem Aphorismus, um jeden unvorhergesehenen Schritt Russlands und der Russen zu erklären – ganz gleich, wie man diesen Schritt bewertet. 1939 sagte Churchill im britischen Rundfunk: „Ich will es mir nicht anmaßen, vorherzusagen, wie Russland sich verhalten wird. Russland ist ein Rätsel umgeben von einem Mysterium, innerhalb eines Geheimnisses.“

„Russland hat zwei Verbündete: Flotte und Armee.“

Alexander III.Alexander III.

Diese scharfzüngige Bemerkung wird dem russischen Zaren Alexander III. zugeschrieben. Er pflegte, seine Minister zu mahnen: „Auf der ganzen Welt haben wir nur zwei verlässliche Verbündete: unsere Flotte und unsere Armee. Alle anderen werden bei erster Gelegenheit selbst gegen uns ins Feld ziehen.“

So dachte der Zar eben: Europa beäugte er misstrauisch.

„Wer mit einem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert umkommen“

"Alexander Newski" von dem sowjetischen Regisseur Sergei Eisenstein / Kinopoisk.ru"Alexander Newski" von dem sowjetischen Regisseur Sergei Eisenstein / Kinopoisk.ru

1938 kam Sergei Eisensteins Epos „Alexander Newski“ in die Sowjetkinos. In den letzten Szenen des Films lässt der mächtige Fürst die Ritter des Deutschen Ordens frei und gibt ihnen folgende Weisheit mit auf den Weg: „Geht und sagt allen in euren Landen, dass die Rus lebt. Sie sollen uns ohne Angst als Gäste die Ehre erweisen, doch wer mit einem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert auch umkommen. Darauf gründet sich das russische Volk für immer und ewig.“

In Wirklichkeit hatte der Fürst so etwas nie gesagt. Ursprünglich sollte Eisensteins Film mit dem Tod Alexander Newskis enden. Doch nachdem Josef Stalin das Drehbuch gelesen hatte, befahl er, den Film vorher enden zu lassen. „Ein so guter Fürst darf nicht sterben“, sagte er.

Kommentatoren erkannten Parallelen zwischen Newskis Schlusswort und Stalins Rede beim 17. Parteitag der KPdSU: „Wer Frieden will und Geschäftsverbindungen mit uns anstrebt, der wird bei uns immer Unterstützung finden. Aber die, die versuchen werden, unser Land anzugreifen, werden vernichtend zurückgeworfen.“

„Groß ist Russland, doch können wir keinen Schritt zurück. Hinter uns ist Moskau“

Denkmal zu Ehren der 28 Panfilow-Helden, Wolokolamsker Chaussee / Vladimir Sergeev/RIA NovostiDenkmal zu Ehren der 28 Panfilow-Helden, Wolokolamsker Chaussee / Vladimir Sergeev/RIA Novosti

Der Sowjetkommissar Wassilij Klotschkow soll diesen Spruch ausgerufen haben. Im November 1941 befehligte er die Panfilow-Division. Alle seine 28 Soldaten kamen in einem Gefecht bei Moskau um, schafften es aber, 14 Panzer der Wehrmacht aufzuhalten. Diese Heldentat wurde dank eines Artikels in der Zeitung „Roter Stern“ landesweit berühmt.

Der Dichter Nikolai Tichonow schrieb 1942 das Gedicht „Die Sage über 28 Gardisten“, in dem der Spruch des Kommissars aufgegriffen wurde: „Groß ist Russland, / Doch können wir keinen Schritt zurück. / Hinter uns liegt Moskau.“

Später stellte sich jedoch heraus, dass sich ein Zeitungsredakteur den Spruch ausgedacht hatte. Da war es allerdings schon zu spät: Die Losung hatte sich herumgesprochen.

„Zwei Übel gibt es in Russland: Straßen und Schwachköpfe“

"Die Troika auf dem Roten Platz" von Alexander Sokolow, 1960. / Sergey Pyatakov/RIA Novosti"Die Troika auf dem Roten Platz" von Alexander Sokolow, 1960. / Sergey Pyatakov/RIA Novosti

Wer der Autor dieser Weisheit ist, darüber streitet Russland seit Langem. Meist wird der Spruch Nikolai Gogol zugeschrieben.

Erstmals erwähnt wurde das Sinnbild in einem Monolog des russischen Satirikers Michail Sadornow zur Zeit der Perestroika. „Nikolai Gogol schrieb: „Zwei Übel gibt es in Russland: Straßen und Schwachköpfe“. Diese beneidenswerte Kontinuität bewahren wir uns bis heute.“ Der Verweis auf Gogol half dem Humoristen möglicherweise, die Zensur zu umgehen.

Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines Beitrages, der zunächst bei „Arzamas“ in russischer Sprache erschienen ist. Verfasst wurde er von Stanislaw Kuwaldin.

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