Rilke, Zwetajewa, Pasternak – eine Dreiecksbeziehung ohne Happy End

Liebesbriefe und – gedichte waren ein Ventil für die drei Dichter, die zwar geografisch voneinander getrennt waren, jedoch mental, bedingt durch die Isolation im Exil, die Einsamkeit und den angeschlagenen Gesundheitszustand, ihre Gedanken und kreativen Ansätze miteinander teilten.

Während der ersten Jahre des 1. Weltkriegs und der darauf folgenden Revolution der Bolschewiki lebten sowohl Boris Pasternak als auch Marina Zwetajewa in Moskau und verkehrten in den gleichen literarischen Zirkeln ohne jedoch gegenseitig auf sich aufmerksam zu werden.

Eine Liebes-Affäre per Brief

Zwetajewa verließ Russland im Jahre 1922 um in Prag gemeinsam mit ihrem bereits einige Jahre früher emigrierten Ehemann Sergej Efron zu leben. Ende des gleichen Jahres las Pasternak ihren Gedichtband “Werst”, woraufhin er ihr unverzüglich einen Brief schrieb, in dem er seine tiefe Hochachtung für ihre Arbeit zum Ausdruck brachte. Das war der Auslöser einer intensiven romantischen Beziehung, die in Briefen voll von Poesie, Liebe, Zweifel und Eifersucht ihren Ausdruck fand.

Sehr schnell erkannten die beiden Dichter, wie viele Gemeinsamkeiten sie hatten. Neben ihrem etwa gleichen Alter und ihrer Heimatstadt Moskau, hatten beide einen Professor als Vater und eine Pianistin als Mutter. Zudem hatten beide bereits mehrfach Deutschland besucht und teilten die Liebe zur deutschen Literatur.

Im Frühjahr 1926 durchlebte Boris Pasternak eine Periode tiefer künstlerischer Unzufriedenheit und zog sogar in Betracht, sich aus dem literarischen Schaffen zurückzuziehen. Dank der Unterstützung durch Zwetajewa und deren Verständnis für die Situation war er in der Lage, sein großes Poem „Das Jahr 1905“ zu Ende zu bringen. Dann folgten zwei Ereignisse - an ein und demselben Tag -, die ihm wieder Hoffnung und neue Energie gaben. Das erste war die Lektüre von Zwetajewas Gedicht „Poem vom Ende“, in welchem er sich selbst widerfand. In seiner Antwort schrieb er: „Du gehörst zu mir und hast immer zu mir gehört – all meine Liebe bist Du“. Das zweite war ein Brief seines Vaters an ihn, in dem ihm dieser mitteilte, dass Rilke einige seiner Gedichte in einer Pariser Zeitschrift gelesen habe, die ihm sehr gefallen hätten.

Das geistige Dreieck

Der Name Rainer Maria Rilke tauchte immer wieder im Briefwechsel zwischen Pasternak und Zwetajewa in den Jahren 1922-1925 auf. Im späten Frühjahr des Jahres 1926 schloss sich der böhmisch-österreichische Dichter ihrer Korrespondenz an.

Rilke schickte Pasternak seine Gedichte “Die Sonette an Orpheus” und “Duineser Elegien“. In seiner warmherzigen Erwiderung erwähnte Pasternak Zwetajewa und bezeichnet sie als eine große Dichterin und Verehrerin des Schaffens von Rilke. Auf Bitten Pasternaks sendete Rilke Zwetajewa Exemplare seiner neuesten Bücher, wofür sich diese mit den Worten bedankte “Sie sind die wahre Verkörperung der Poesie”.

Rilke starb am 29. Dezember 1926 an Leukämie in einem Kurhaus im schweizerischen Val-Mont, sodass der Briefwechsel der drei kurz aber intensiv war. Jeder Dichter war mit seiner eigenen Form der Isolation konfrontiert, ob nun Exil, Tod oder Entfremdung – und ihre Briefe waren für Sie eine Möglichkeit, dieser Einsamkeit zu entkommen und zurückzufinden in die Welt der Lyrik und der Leidenschaft.

Kein Happy End

Zwetajewa und Pasternak wollten Rilke unbedingt in der Schweiz besuchen, aber diese Begegnung kam nicht mehr zustande. Zwar setzten Zwetajewa und Pasternak ihren Briefwechsel für weitere neun Jahre fort, aber ihre Briefe verloren an Intensität und ihre Romanze verblasste – insbesondere nachdem Zwetajewa erfuhr, dass Pasternak seine Frau für eine andere verlassen hatte.

Schließlich trafen sich beide Dichter im Jahre 1935, als Stalin Pasternak gezwungen hatte, am sowjetisch inspirierten „Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ in Paris teilzunehmen. Pasternak befand sich kurz vor einem Nervenzusammenbruch als er beim Kongress eintraf und seine Begegnung mit Zwetajewa erwies sich als Fiasko. Ungeachtet ihrer außergewöhnlichen literarischen Intimität in den letzten Jahren, waren sie nicht in der Lage, eine gemeinsame Sprache zu finden. Als Zwetajewa ihn auf eine mögliche Rückkehr nach Russland ansprach, antwortete Pasternak: “ “Sie werden die landwirtschaftlichen Kolchosen lieben lernen“ – ein Kommentar voller Sarkasmus, dem Zwetajewa nicht folgen konnte.

In einem Brief an die befreundete Dichterin Anna Teskowa schrieb Zwetajewa: “Es fand statt – erwies sich jedoch als sinnlos“. Sie warf Pasternak auch Mangel an Zivilcourage vor, da er sich nicht geweigert habe, an der Konferenz teilzunehmen. Die literarische und emotionale Beziehung der beiden hatte ihr Ende gefunden.

Pasternak und Zwetajewa begegneten sich später noch einmal, allerdings unter traurigen Umständen. Pasternak versuchte alles, um zu helfen, als der sowjetische Geheimdienst NKWD Zwetajewas Ehemann und Tochter nach deren Rückkehr nach Russland wegen Spionage verhaftet hatte.

Die Beziehung, die der Schriftsteller Joseph Brodsky als eine der größten und atemberaubendsten Liebesgeschichten in der russischen Literatur bezeichnete, endete ohne Happy End.

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