Regisseur Alexander Sokurow: „Der Krieg geht mir unter die Haut“

In Sokurows aktuellem Film „Francofonia“ geht es um die Bedeutung der Kunst.

In Sokurows aktuellem Film „Francofonia“ geht es um die Bedeutung der Kunst.

Asac - la Biennale di Venezia
Der berühmte russische Regisseur Alexander Sokurow geht bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig mit seinem Film „Francofonia. Der Louvre unter Besatzung“ ins Rennen. Die deutsch-französisch-niederländische Koproduktion handelt vom Krieg und der Liebe zur Kunst.

Was war die ursprüngliche Idee für den Film?

Alexander Sokurow: Mich interessierte, wie der Louvre die Nazi-Besatzung überstehen konnte. Ich habe mich schon oft mit dem Krieg auseinandergesetzt, viele Dokumente und Wochenschauen angesehen. Dabei musste ich an jene Tage denken, als Hitlers Truppen in der Weltkulturmetropole einmarschierten. Was war los in Paris, als die Franzosen dem Einzug des Feindes in die Hauptstadt zusehen mussten während die Regierung in den Süden geflohen war? Wie konnte so etwas überhaupt geschehen? Ich betrachtete dies umso subjektiver, weil ich mich nur zu gut in der Geschichte meines eigenen Landes auskenne. Ich weiß, wie teuer uns dieser Krieg zu stehen gekommen ist. Mein Vater war im Krieg, uns allen gehen diese Erinnerungen unter die Haut.

Jeder Versuch, sich mit diesen Ereignissen auseinanderzusetzen, mit der Frage, warum ein großes Land den Feind hat einmarschieren lassen, wird in Frankreich stets argwöhnisch und mit Bedenken beobachtet. Dort ist das noch heute ein sehr heikles Thema. Als ich sagte, dass ich gedanklich verarbeiten wollte, wie das geschah, begriffen meine französischen Kollegen, dass es im Film um historische, politische und moralische Fragen gehen würde. Und diese Fragen sind in der Tat alles andere als einfach.

Spielszene aus dem Film "Francofonia ". Foto:  Asac - la Biennale di Venezia

Sie stellen also in Ihren Filmen „Russian Ark“ und „Francofonia“ die Eremitage und den Louvre als Quellen für eine Aufarbeitung der Geschichte dar?

Das stimmt zweifellos. Museen sind unter den von Menschen geschaffenen Institutionen der einzige Bereich, in dem uns greifbar und ohne Demagogie gezeigt wird, was für eine Rolle die Kunst für die Entfaltung eines würdigen humanitären Bewusstseins – für die Entwicklung der Zivilisation – spielt.

Wieso taucht Napoleon in einem Film über die deutsche Besatzung im Louvre auf?

Das hat etwas mit der Entstehungsgeschichte des Louvre und mit dem Aufstieg dieses Museums von einem Privatunternehmen zu einer staatlichen Mission zu tun. Die Franzosen haben als erste die großartige Idee von einem Museum als Mission des Staates formuliert. Das ist etwas, womit unsere Politiker jetzt erst anfangen: Ich spreche vom unlängst bei uns verfassten Dokument über Grundlagen der staatlichen Kulturpolitik. Dort wird verkündet, dass die Kultur Sinn und Ziel der Existenz des Staates sei. Das ist eine wichtige These, die im Widerspruch zu sowohl sowjetischen als auch russischen Praktiken steht. Nun ist sie festgeschrieben. Napoleon hatte sie bereits seinerzeit formuliert, als ihm bewusst wurde, dass man Museen für großangelegte politische Zwecke und Bildungsaktionen nutzen kann. Damit kann man dem nationalen Egoismus frönen.

Spielszene aus dem Film "Francofonia". Foto:  Asac - la Biennale di Venezia

Ihr Film wurde schon vor einiger Zeit fertiggestellt. Warum wurde er nicht in das Programm der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen?

Ich wollte keine pompöse Aufführung in Cannes, und schon gar nicht im Wettbewerbsprogramm. Wir einigten uns auf eine europäische Premiere im Rahmen des Festivals. Kurz vor den Festspielen sagten mir jedoch Eingeweihte, dass das französische Außenministerium gegen die Filmvorführung sei. Ein russischer Regisseur würde zwangsläufig eine russische Ideologie an den Tag legen, und unter den derzeitigen Umständen käme so ein Film ungelegen, hieß es. So wurde die Filmvorführung abgesagt. Mir hat das nichts ausgemacht. Letztendlich hat ihn ja Venedig genommen.

Hat sich das auf den Verleih in Frankreich ausgewirkt?

Der Streifen kommt dort im November in den Verleih. Die besagte politische Entscheidung war vermutlich eine Reaktion auf alle derzeitigen Komplikationen in den Beziehungen zwischen beiden Ländern. Die Filmfestspiele von Cannes sind staatsnah, sie sind sehr politisiert und waren es schon immer.

Alexander Sokurow: „Russlands kreative Szene ist zu sehr politisiert“. Foto: Asac - la Biennale di Venezia

Warum war Russland nicht an der Koproduktion beteiligt?

Ich arbeite nicht mit unseren Yuppies zusammen, die die Möglichkeit haben, auf staatliche Zuwendungen zurückzugreifen. Als Regisseur bin ich für sie uninteressant und ich glaube auch nicht, dass ich vom Kulturministerium für so einen Film Geld bekommen hätte. Angesichts der Politisierung im kulturellen Bereich und der Intoleranz gegenüber anderen Ansichten hätte dieser Film wohl kaum in Russland entstehen können. Mich persönlich stört es sehr, dass unser gesamtes kreatives Umfeld in das politische Geschwätz involviert ist. Es stört sehr, dass der Kulturminister eine Art Parteifunktionär ist. Das stört mich als Regisseur und auch als Bürger. Ich habe meine Gesetze, an die ich mich halte – die russische Verfassung und die Zehn Gebote. Wenn mir Leute mit einem zweifelhaften kulturellen Hintergrund irgendwelche anderen unausgegorenen Rechtsvorschriften oktroyieren, begreife ich nicht mehr, wo ich mich befinde. Ich habe kein Vertrauen in diese Zeiten – verstehen Sie, was ich meine?

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