Siebzig Jahre Deutschland und Russland im Zeitraffer

Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion: Staatsbesuch des Bundeskanzlers Konrad Adenauer am 13. September 1955 in Moskau.

Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion: Staatsbesuch des Bundeskanzlers Konrad Adenauer am 13. September 1955 in Moskau.

Arch, Bild 183-32875-0001 / Heilig
In Berlin arbeitet die Ausstellung „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ siebzig Jahre wechselvolle Beziehungsgeschichte auf. Hochaktuelles ist dort aber nicht zu erwarten.

Siebzig Jahre sind vergangen seit der Unterschrift der deutschen Generäle unter die Kapitulationsurkunde der Wehrmacht. Siebzig Jahre – ein Menschenleben. Diese Zeit an zwei Handvoll Ereignissen festmachen zu wollen ist eine Herausforderung. Erst recht, wenn es sich um das Verhältnis zweier Völker und fünf Staaten dreht: UdSSR, BRD, DDR, das wiedervereinigte Deutschland, die Russische Föderation.

Die Berliner Sonderausstellung „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ stellt Dokumente in den Mittelpunkt. Die langen Korridore des Martin-Gropius-Baus an der Niederkirchnerstraße scheinen wie ideal für eine Schau, der es um Zeitläufte geht, um Geschichte im Fluss. Dennoch, erklärt die Kuratorin Julia Franke, habe man versucht, Geschichte nicht chronologisch oder linear abzubilden. Die Ausstellungsmacher, das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst in Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv der Russischen Föderation, haben Handlungsbögen identifiziert, Topoi auf der historischen Achse, deren Bedeutung sie mittels authentisch faksimilierter Dokumente, untermalt von Fotografien, in die Lebenswelt des Betrachters transponieren.

Neun solche „historische Orte“, die wie Eisberge aus dem Ozean der Geschichte ragen, hat das deutsch-russische Team ausgemacht: die Kapitulation am 8. Mai 1945, die Gründung zweier deutscher Staaten 1949, Adenauers Staatsbesuch in Moskau 1955, der Bau der Berliner Mauer 1961, das Erdgas-Röhren-Geschäft mit der BRD 1970, die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte 1975, der Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990, die strategische Partnerschaft der Männerfreunde Schröder und Putin 2005 und die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2014 mit der Rede des Sankt Petersburger Schriftstellers und Leningrad-Überlebenden Daniil Granin.

Der feste zeitliche Rahmen beantwortet auch die Frage, warum die hochaktuelle Belastungsprobe der deutsch-russischen Kooperation in der Ausstellung keinen Widerhall findet. Es ist eine historische Schau, und bis die Ukraine-Krise Geschichte wird, fließt noch viel Wasser Dnjepr und Wolga hinab.

Freudloser Minimalismus

Es ist auch nicht die erste Ausstellung, die mit dem Dilemma kämpft, Vergangenes zu vergegenwärtigen. Ihrem topischen Ansatz treu – Topos, der Ort – setzen die Ausstellungsmacher auf räumliche Mittel. Vitrinen gibt es keine. An ihrer Stelle ragen pyramidenartige Auswölbungen mit großformatigen Fotografien und kurzen, kondensierten Texten aus den Wänden. Weitere Schautafeln zeichnen die historischen Spannungsbögen, die uns geschichtliche Ereignisse als Orte in der Zeit begreifbar machen sollen. Und immer wieder faksimilierte Dokumente.

Unübersehbar ist, dass bei der Gestaltung die Archivare das Sagen hatten. Archivare sind die Minimalisten unter den Historikern, sie rekonstruieren Vergangenheit anhand von bedrucktem und beschriebenem Papier. Betrachter von anderem Temperament dürften Fleisch und Blut vermissen,

das Leben in seiner Dichte jenseits des Pergaments. Bestand die deutsch-russische Nachkriegsgeschichte wirklich aus siebzig Jahren Arbeit strenger, ernster Männer an Konferenztischen? Lediglich zwei Fotografien schenken dem Besucher ein Lachen – ein bemühtes auf den Gesichtern der Entourage von Gorbatschow, Kohl und Genscher im Kaukasus und ein fröhliches in Gestalt zweier munterer FDJ-Mädels neben den Kosmonauten Siegmund Jähn und Waleri Bykowski. Auch die zwölf dürren deutsch-russischen Biografien kompensieren nicht diesen Mangel an Eigenblut.

Es sind schwere Jahrzehnte gewesen nach 1945, aber dass da so gar nicht getrunken, gefeiert und geküsst wurde im deutsch-russischen Verhältnis, mag man auch nicht glauben. Schon richtig, die flüchtige Emotion hat keine Bedeutung für die Ewigkeit, aber sie hilft beim Verständnis der Zeit. Außerdem fängt man mit Speck Mäuse – im vorliegenden Fall: Besucher. Mehr Lebendigkeit und Leben hätten der Schau nicht geschadet. So bleibt das Fazit: von Historikern – für Historiker.

INFO:

Die Ausstellung „Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit“ ist noch bis zum 13. Dezember 2015 im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin) zu sehen.

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