Jan Tschernjak: Der sowjetische James Bond

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Unternehmen Barbarossa – das war der Deckname für den Plan der Nazis zum Überfall auf die Sowjetunion. Jan Tschernjak ist es zu verdanken, dass die Sowjets Wind davon bekamen. Er war ein Spion, dessen wahre Identität erst auf dem Sterbebett enthüllt wurde.

1995 bekam ein früherer Übersetzer der Nachrichtenagentur „Tass“ Besuch an seinem Krankenbett. Dieser Besuch hatte das höchste russische Ehrenzeichen im Gepäck: die Auszeichnung als Held Russlands. „Wie schön, dass ich das noch erleben darf“, brachte der Geehrte noch heraus. Zehn Tage später starb er. Wer war dieser Held Russlands und was war sein Verdienst?

Sprachgenie und Spion zugleich

Jan Tschernjak. Foto: ArchivbildJan Tschernjak. Foto: ArchivbildJan Tschernjak war ein sowjetischer Agent und wurde zu einer Legende. Doch das wussten bis zu seinem Tod im Jahr 1995 nur die wenigsten. Er kam 1909 in der Nordbukowina, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, zur Welt. Seine Eltern, ein armer jüdischer Händler und eine Hausfrau ungarischer Herkunft, verschwanden im Ersten Weltkrieg. Der Junge wuchs in einem Waisenhaus auf und stellte sich früh als Sprachengenie heraus. Mit 16 Jahren beherrschte er seine Muttersprache Deutsch, Jiddisch, Ungarisch, Rumänisch, Tschechisch und Slowakisch – allesamt fließend. Mit einem überragenden Schulabschluss nahm er ein Studium an der Technischen Hochschule in Prag auf, das er 1931 abschloss. Dort brachte er sich noch Französisch und Englisch bei und wurde Elektroingenieur. Danach wird der Verlauf seines Lebens undurchsichtig.

Er selbst schreibt in seinem Lebenslauf, der in seiner Personalakte bei der Nachrichtenagentur „Tass“, für die Tschernjak von 1950 bis 1969 als Übersetzer arbeitete, aufbewahrt wird, er habe nach seinem Abschluss an der Prager Technischen Hochschule begonnen, in einem Elektromotorenwerk zu arbeiten.

In einem Porträt über ihn heißt es hingegen, er habe ein weiteres Studium an einer Berliner Hochschule für Technik begonnen. Dort sei er vom sowjetischen Militärgeheimdienst angeworben worden und habe danach in der rumänischen Armee gedient, in der er erstmals geheimdienstlich für Moskau arbeitete. Erst später sei er wieder nach Deutschland zurückgekommen und habe dort das Spionagenetz „Krone“ aufgebaut.

Die Arbeit des „Krone“-Netzes

In diesem Netz arbeiteten für Tschernjak angeblich ein Großbankier, ein Sekretär eines Ministers, der Leiter der Forschungsabteilung eines Konstruktionsbüros für Flugzeugbau, die Tochter des Leiters eines Ingenieurbüros für Panzertechnik und hochrangige Angehörige des Militärs. Zu den heute enttarnten Agentinnen zählten auch die von Hitler verehrten Schauspielerinnen Marika Rökk und Olga Tschechowa.

Die Informanten Tschernjaks kamen 1941 an eine Kopie des Barbarossa-Plans, 1943 beschafften sie den operativen Plan für den deutschen Angriff auf Kursk. Den ersten der von den Spionen übersandten hochgradig brisanten Dokumente sprach die Moskauer Führung nicht die gebotene Bedeutung zu. Die im Jahr 1943 zugespielten umfangreichen Pläne hingegen halfen ihr, die Wehrmacht bei Belgorod und Kursk zu schlagen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Großen Vaterländischen Krieg herbeizuführen.

Foto: kinopoisk.ruDer Film „17 Augenblicke des Frühlings“ erzählt die Abenteuer eines sowjetischen Agenten in Nazi-Deutschland im Frühjahr 1945. Der Charakter vom SS-Standartenführer Max Otto von Stierlitz - in Wirklichkeit Maxim Issajew - gilt als Symbol der Geheimdienste in Russland und Inbegriff aller Spionen von damals. Foto: kinopoisk.ru

Flucht in die UdSSR

Tschernjak leistete einen großen Beitrag zum Fortschritt der sowjetischen Kernwaffentechnik. Einzelheiten über die neuesten Entwicklungen erfuhr er in Großbritannien, danach reiste er auf Weisung seiner Auftraggeber nach Kanada und in die USA und schickte von dort mehrere Tausend Seiten Material über die amerikanische Atomwaffe und sogar einige Milligramm Uran 235, das sich für die Herstellung einer Atombombe eignet, in die Sowjetunion.

Das Hitlerregime deckte das von der Gestapo „Rote Kapelle“ genannte Spionagenetz auf und nahm alle seine Agenten fest. Die Nazis zerstörten auch ein weiteres Spionagezentrum, die „Krasnaja Troika“. Den Informanten der „Krone“ aber kamen sie nicht auf die Spur. Sie schafften es auch nicht, Jan Tschernjak zu enttarnen. Sie nannten ihn den „Mann ohne Schatten“, weil er keine Spuren hinterließ. Es heißt sogar, er habe es stets vermieden, zweimal am gleichen Ort zu übernachten. Er bewegte sich fortwährend durch Europa und nahm mit seinen Agenten nur dann Kontakt auf, wenn ein Treffen unumgänglich war.

Tschernjak hätte auch weiter im Ausland gearbeitet. Aber ein Kodierer aus dem Büro des sowjetischen Militärattachés in Ottawa, der Tschernjaks Identität kannte, floh von seinem Posten, und so musste dieser kurzfristig und unbemerkt in die Sowjetunion ausgeflogen werden.

Im Mai 1946 bekam Jan Tschernjak einen sowjetischen Pass. Damals begann er Russisch zu lernen. Auch diese Sprache beherrschte er schließlich perfekt.  Niemand bei der „Tass“ und nicht einmal seine eigene Frau wusste, wer Jan Tschernjak tatsächlich war. Erst nachdem ihm der Goldene Stern des Helden Russlands überreicht worden war, kam sein geheimnisvolles Leben Stück für Stück ans Tageslicht. Doch vieles bleibt weiter im Dunkeln.

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