Zwischen Liebe und Hass: Kaiser Franz Joseph I. und Russland

„Du Undankbarer“ schrieb Nikolaus I. (r.) einmal auf einem Porträt vom österreichischen Kaiser Franz Joseph I. (l). Die Politik seines Freundes hat ihn damals für immer enttäuscht.

„Du Undankbarer“ schrieb Nikolaus I. (r.) einmal auf einem Porträt vom österreichischen Kaiser Franz Joseph I. (l). Die Politik seines Freundes hat ihn damals für immer enttäuscht.

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Viele Zeitgenossen waren der Ansicht, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. seine 67 Jahre andauernde Regentschaft alleine Russland zu verdanken hatte. Die russische Armee sicherte Franz Joseph während der ungarischen Revolution den Thron. Jahre später versagte Österreich seinem Partner jedoch militärische Unterstützung und leistete so einen wesentlichen Beitrag zur Niederlage Russlands im Krimkrieg.

Franz Joseph bestieg im Jahre 1848 den Thron, nachdem sein Onkel Ferdinand I. diesen krankheitsbedingt verlassen hatte. Eben zu dieser Zeit entbrannte eine Revolution in Ungarn (1848-1849), die den Zerfall des Kaisertums Österreich hätte bedeuten können. Um dieser Revolution Einhalt zu gebieten, wandte sich das junge Staatsoberhaupt an den russischen Kaiser Nikolaus I.  

„Wie meinen fünften Sohn“

So sah der junge Kaiser Franz Joseph im Jahre 1855 aus. Johann Ranzi / wikimedia.orgSo sah der junge Kaiser Franz Joseph im Jahre 1855 aus. Johann Ranzi / wikimedia.orgDer ehemalige russische Senator Eduard Berendts beschrieb das Treffen der beiden Staatsoberhäupter, das im Mai 1849 in Warschau stattfand, mit folgenden Worten: „Der 19-jährige Franz Joseph reiste nach Warschau, um Zaren Nikolaus I. für seine Unterstützung zu danken. Doch der russische Kaiser ging ihm auf dem Treffen nicht entgegen, sondern wartete auf ihn auf dem Aufgang des Łazienki-Palastes. Als Franz Joseph mit seinem Gefolge am Palast ankam, ging er nicht einmal die Stufen hinunter, um ihn zu empfangen. Stattdessen begrüßte er ihn mit den französischen Worten: ,Bonjour, mon fils‘ (zu Deutsch: ‚Guten Tag, mein Sohn‘). Franz Joseph aber sprang auf, rannte mit unbedecktem Haupt die Treppen empor und küsste die Hand des russischen Kaisers. Dieser küsste den österreichischen Kaiser auf die Wange.“

Das Treffen wurde durch ein Abkommen besiegelt, welches vorsah, dass russische Truppen im Kampf gegen die ungarischen Aufständischen eingesetzt werden sollten. Eine besondere Rolle nahmen speziell die Truppen von General Iwan Paskewitsch in der Unterbindung des Aufstands und so auch im Fortbestehen der Donaumonarchie ein, welche in weiterer Folge zur Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie wurde.

Als Deutschland, ein Verbündeter Österreich-Ungarns im Rahmen des Dreibunds, im Jahre 1914 den Krieg erklärte, soll dem russischen Senator Berendts zufolge ein Mitarbeiter des Außenministeriums russischen Amtskollegen im Winterpalast versichert haben, dass Kaiser Franz Josef I. Russland als Zeichen seiner Dankbarkeit für die Unterstützung im Jahre 1849 niemals angreifen werde.

"Die Schlacht von Balaklawa" von Richard Caton Woodville. Bild: wikimedia.orgBei der Schlacht von Balaklawa während des Krimkriegs setzten sich die Alliierten mit dem Russischen Reich auseinander. Eine Enttäuschung für Nikolaus I., denn der österreichische Kaiser hat de facto seine Gegner unterstützt. Bild: Richard Caton Woodville / wikimedia.org

Umso mehr enttäuschte Kaiser Nikolaus die Haltung Österreichs während des Krimkriegs (1853-1856), als sich Österreich de facto auf die Seite der Gegner Russlands stellte. Anna Tjuttschew, die Tochter des berühmten russischen Poeten Fjodor Tjuttschew, erinnerte sich daran, wie der russische Kaiser vor lauter Entrüstung und Wut ein Porträt des österreichischen Kaisers im Kaiserhof umdrehte und auf dessen Rückseite die deutschen Worte „Du Undankbarer“ schrieb.

Nikolaus sagte später zu Graf Pawel Kisseljow: „Ich wurde hart bestraft für meine unnötige Gutgläubigkeit, die ich für meinen kleinen Nachbarn (den österreichischen Kaiser) empfand. Dabei fühlte ich von unserem ersten Treffen an eine tiefe Zuneigung für ihn wie für meine eigenen Kinder. Ich habe ihn mit endlosem Vertrauen als meinen fünften Sohn in mein Herz geschlossen.“

Eine russische Seele

Trotz der Abkühlung der bilateralen Beziehungen, die sich durch den Kampf um die Vormachtstellung auf der Balkanhalbinsel zusätzlich noch verschlechterten, hegte Franz Joseph nach wie vor tiefe Gefühle für Russland. So trug das österreichische Staatsoberhaupt, das normalerweise nur zu entsprechenden Anlässen ausländische Orden trug, stets – auch in privatem Umfeld – den russischen Orden des Heiligen Georg der vierten Stufe. Diesen hatte er von Nikolaus im Jahr 1848 verliehen bekommen.

Auf vielen Festporträts und beispielsweise auch auf einer Münze, die 1898 anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums herausgegeben wurde, zeigte sich der österreichische Kaiser mit dem russischen Orden. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs und als Oberhaupt einer der Feinde Russlands war Franz Joseph der älteste Träger dieses Ehrenabzeichens.

Kaiser Franz Joseph I. im Jahre 1874: Ein Porträt von Heinrich von Angeli. Auch auf dem Porträt von Heinrich von Angeli aus dem Jahre 1874 trägt der Kaiser den russischen Orden des Heiligen Georg. Das ist das weiße Kreuz an einem orange-schwarz-gestreiften Band. Bild: wikimedia.org.

Der Kaiser war ab dem 28. Dezember 1848 zudem Oberbefehlshaber des russischen Keksholmer-Leibgarde-Regiments des Österreichischen Kaisers, das in Warschau stationiert war. Während eines Staatsbesuchs in Sankt Petersburg im Jahre 1874 porträtierte der österreichische Maler Heinrich von Angeli Franz Joseph in seiner Keksholmer-Leibgarden-Uniform mit dem Orden des Heiligen Georg für das Winterpalais des russischen Zaren.

Später, als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde das kaiserliche Leibgarden-Regiment in die Leibgarde des Keksholmer Regiments umbenannt, wobei Franz Joseph als Oberbefehlshaber des berühmten Regiments abgesetzt wurde. Nach der Oktoberrevolution 1917 ging das Porträt des österreichischen Kaisers, dessen Beschriftung verloren gegangen war, in die Sammlung der Eremitage über. 1940 wurde das Gemälde schließlich in eine Galerie der Kunstbehörde der Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik verlegt.

1995, als der militärische Konflikt in Tschetschenien seinen Höhepunkt erlebte, gelang es den Mitarbeitern des russischen Katastrophenschutzministeriums und des Kulturministeriums in Grosny, das Bild aus den Trümmern der zerstörten Galerie zu bergen. Nach seiner Restauration im Kunstrestaurationszentrum Igor Grabar wurde das Gemälde 2002 offiziell in der Tretjakow-Galerie ausgestellt. Auch wenn auf dem Bild der österreichische Kaiser deutlich zu erkennen ist, wurde es zunächst mit der offiziellen Bezeichnung „Porträt eines Offiziers mit dem Orden des Heiligen Georg“ präsentiert.  

Die Verbundenheit währt ewig

Fragment einer sowjetischen Karte aus dem Jahre 1938. Die ganze Inselgruppe heißt im Russischen Franz-Josef-Land. Bild: wikimedia.orgFragment einer sowjetischen Karte aus dem Jahre 1938. Diese Inselgruppe befindet sich im Nordpolarmeer und heißt Franz-Josef-Land. Bild: wikimedia.org

Paradoxerweise befindet sich heute das größte Denkmal, das Kaiser Franz Joseph I. gewidmet ist, in Russland. Die Rede ist von der arktischen Inselgruppe Franz-Josef-Land im Nordpolarmeer, die vom österreich-ungarischen Polarforscher Julius Payer im Rahmen einer Expedition auf der „Tegetthof“ zum Nordpol entdeckt und nach dem damaligen Monarchen benannt wurde.

Die Inselgruppe umfasst eine Fläche von etwa 16 000 Quadratkilometern, was in etwa 20 Prozent des heutigen Österreichs ausmacht. Im Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ von Jaroslav Hašek wird die Insel humorvoll als die einzige Kolonie Österreich-Ungarns bezeichnet, die strategisch wichtig für die Versorgung ganz Europas mit Eis wäre. Tatsächlich war die zugeschneite Inselgruppe allen in Wien gleichgültig.

1914 hisste Ishag Isljamow, Kapitän ersten Ranges, auf der Inselgruppe die russische Flagge, wobei das Archipel 1929 endgültig von der Sowjetunion beansprucht wurde. Ungeachtet der zahlreichen Versuche, die Inselgruppe umzubenennen – beispielsweise zu Ehren von Michail Lomonosow, des anarchistischen Fürsten Pjotr Kropotkin, des norwegischen Pioniers Fridtjof Nansen oder aber im Namen der Romanow-Dynastie – trägt sie immer noch den Namen Franz Joseph und verbindet damit den österreichischen Kaiser auf ewig mit Russland.