Deutsche Spuren in Sibirien (3): Wie ein Luxuskaufhaus Wladiwostok eroberte

Das erste „Kunst und Albers“-Luxuswarenhaus in Wladiwostok.

Das erste „Kunst und Albers“-Luxuswarenhaus in Wladiwostok.

Archivbild
Nahezu gleichzeitig mit der Entstehung der Hafenstadt Wladiwostok an der russischen Pazifikküste verschlug es zwei Hamburger Geschäftsleute in den Fernen Osten: Ihr Warenhaus Kunst & Albers verwöhnte die neu angesiedelten Reichen mit Delikatessen und Luxuswaren. Die Erfolgsgeschichte sollte jedoch ein jähes Ende finden.

Als Gustav Kunst und Gustav Albers 1864 in den Fernen Osten kamen, war die Transsibirische Eisenbahn noch ein kühner Traum. Seit 1862 aber existierte bereits ein russisch-chinesisches Abkommen für eine Freihandelszone, deren Handels- und Verwaltungszentrum sowie wichtigster Freihafen das gerade erst entstehende Wladiwostok wurde. Die beiden Gustavs, zu dieser Zeit in ihren Zwanzigern, hatten sich erst kurz zuvor in Schanghai kennengelernt. In Wladiwostok eröffneten sie gemeinsam ein Luxuswarenhaus mit noblen Gütern aus China und später sogar dem fernen Europa. Als die Stadt acht Jahre später offiziell zum Militärhafen ernannt wurde, war ihr Erfolg besiegelt, denn mit dem Militär kamen gut situierte Menschen in die Stadt am Pazifik. Die abbestellten Beamten und Militärs brachten zudem ihre Familien und Personal. Für Kunst & Albers begann eine blühende Zeit.

Geschäfte eines tüchtigen Träumers

Währenddessen wuchs Adolph Dattan, Sohn eines Pastors, im kleinen thüringischen Rudersdorf bei Weimar als Kind einer Großfamilie heran. Nach der Schule machte Dattan eine Lehre im Geschäft eines Verwandten und zog mit 18 Jahren nach Hamburg. Es heißt, er habe schon damals die weite Welt bereisen wollen. Stattdessen landete er zunächst als Buchhalter im Hamburger Juweliergeschäft eines gewissen Fritz Albers. Dieser muss den fast schon pedantisch-akkuraten Buchhalter weiterempfohlen haben, denn sein Bruder Gustav Albers lud den gerade einmal 20-Jährigen als ersten festen Mitarbeiter in sein Kaufhaus nach Wladiwostok ein.

Adolph Dattan (ca. 1890) in der Kleidung ostsibirischer Eingeborener (Fischlederstiefel und Kuchljanka). Archivbild.Adolph Dattan (ca. 1890) in der Kleidung ostsibirischer Eingeborener (Fischlederstiefel und Kuchljanka). Archivbild.

Der Träumer Dattan nahm das Angebot an. Schnell erarbeitete er sich das Vertrauen seiner Vorgesetzten und stieg in nur sieben Jahren vom einfachen Buchhalter zum Geschäftsführer auf. Die Firmeninhaber Kunst und Albers zogen sich alsbald aus dem Tagesgeschäft zurück. Während Albers mit seiner Familie nach Deutschland ging, zog es den Weltenbummler Kunst weiter in die Welt hinaus. Der junge Dattan entschied sich dazu, in Wladiwostok zu bleiben: Er nahm die russische Staatsbürgerschaft an, und obwohl er in Deutschland heiratete, kehrte er sofort zurück. 1887 wurde er gar zum deutschen Konsul in Wladiwostok ernannt. Kunst & Albers bot seinen Kunden in der Zwischenzeit alles zum Kauf: von Getreide über Pelzmäntel, bis zu Schmuck, Delikatessen und Möbeln. Unter anderem versorgte das Unternehmen auch die Pazifikflotte des Zaren mit Proviant.

1891 sollte in Wladiwostok schließlich der Grundstein für den Bau der Transsibirischen Eisenbahn gelegt werden; ein Fest für einen Händler, dessen Liefer- und Reisezeiten von und nach Europa jeweils mehr als einen Monat in Anspruch nahmen. Entlang der geplanten Trasse wurden immer mehr Filialen des Unternehmens eröffnet. Die Ausweitung des Geschäftes nach China und Japan, später auch Europa und in die USA, folgte.

Dattan soll neben seiner Arbeit im Kaufhaus auch an ethnografischen Expeditionen teilgenommen haben. Er perfektionierte sein Russisch, gewöhnte sich schnell an Sitten und Mentalität seiner neuen Wahlheimat und baute gute Kontakte auf. Später sollten gar zwei Söhne seiner insgesamt sieben Kinder in der Armee des Zaren dienen. In der heutigen Zeit hätte man ihn wohl als perfekt integriert bezeichnet.

Abruptes Ende durch Neid und Krieg

Die Unternehmensleitung von „Kunst und Albers“ 1880: Am Tisch sitzend Gustav Albers, Gustav Kunst und Adolph Dattan (v. l. n. r.). Archivbild.Die Unternehmensleitung von „Kunst und Albers“ 1880: Am Tisch sitzend Gustav Albers, Gustav Kunst und Adolph Dattan (v. l. n. r.). Archivbild.

Der Erfolg aber währte nicht lang: Das deutsche Luxuskaufhaus geriet 1904 erstmals in die politische „Schusslinie“, als wegen des Russisch-Japanischen Krieges eine Filiale in Port Arthur blockiert wurde. In den Folgejahren nahm die antideutsche Stimmung im ganzen Land zu und die Konkurrenz machte sich dies zunutze. Mit einer Medienkampagne ging sie gegen Kunst & Albers vor.

Angeblich auf Bestellung der Besitzer des Konkurrenten Tschurin & Co. erschien ein Buch über Dattan und das Unternehmen, in dem der Sankt Petersburger Journalist Anton Ossendowski alias Mark Tschertwan im „verbissensten und brutalsten Journalismus der Geschichte“, so später der US-Historiker George Kennan, über die Geschäftsleute herzog. Die bitteren Folgen: Dattan wurde wegen des Verdachts der Spionage verhaftet und in ein zentralsibirisches Lager im Tomsker Gebiet verbannt. Juniorchef Alfred Albers, Sohn des Unternehmensgründers Gustav, musste als einfacher Fußsoldat in der Armee dienen.

Als 65-Jähriger kehrte Dattan 1919 in einem Güterwaggon nach Wladiwostok zurück zu seiner Familie. Von der Firma schien nichts mehr übrig zu sein, alles war bereits verstaatlicht worden. Alfred Albers versuchte die Rettung, aber gegen den Willen der Bolschewiken konnte er sich nicht durchsetzen. Die Dattans kehrten schon 1920 über die USA nach Deutschland zurück, wo Adolph Dattan 1924 in Naumburg verstarb. Sein Enkel besuchte vor etwa zehn Jahren die Wirkungsstätte seines Großvaters. In einem der ehemaligen Firmengebäude wurde ein Ableger der Eremitage eröffnet.

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