Rasputin: Der „heilige Teufel“ am Zarenhof

Der Wunderheiler wurde heiß geliebt und zutiefst gehasst.

Der Wunderheiler wurde heiß geliebt und zutiefst gehasst.

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Er soll Menschen hypnotisiert und Kranke geheilt haben – mit religiös-mythischen Wunderkräften machte sich ein sibirischer Bauer einen Namen und schaffte es schließlich bis an den Zarenhof, wo er hohes Ansehen und noch größeren Einfluss genoss. Sein Name: Grigorij Rasputin.

„Die Straßen von Petersburg waren feierlich geschmückt, die Passanten hielten einander an und glückliche Menschen begrüßten und gratulierten nicht nur Bekannte, sondern auch Wildfremde … In der gesamten Stadt wurden in den Kirchen Dankgottesdienste abgehalten, in sämtlichen Theatern verlangte das Publikum nach der Hymne und forderte enthusiastisch eine Zugabe.“ So klingt nicht etwa eine Beschreibung des Kriegsendes oder einer Siegesparade. Mit solchem Jubel nahm am 30. Dezember 1916 die damalige russische Hauptstadt die Nachricht vom Tode Grigorij Rasputins auf.

Fast zehn Jahre zuvor, als der sibirische Bauer mit bescheidener Bildung in Petersburg auftauchte, hatte noch niemand ahnen können, dass sein Wort einmal das letzte bei staatstragenden Entscheidungen werden sollte und der Hass ihm gegenüber solche Ausmaße annehmen werde.

„Heiliger Mensch“

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Als Rasputin in Petersburg auftauchte – das war irgendwann zwischen 1904 und 1905 –, war er in geistlichen Kreisen bereits gut bekannt, als Sonderling, der zu Klöstern und heiligen Stätten pilgerte. Über ihn hieß es, dass er über besondere Fähigkeiten verfüge und Kranke heilen könne.

So interessierten sich in Sankt Petersburg viele einflussreiche Kirchenvertreter für ihn, darunter auch der Archimandrit Theophanu, der geistige Beistand der Zarenfamilie. Einer der zahlreichen Legenden zufolge soll er es gewesen sein, der Rasputin der Zarin Alexandra Fjodorowna und dem Zaren Nikolaj II. vorstellte. „Vater Theophanu begeisterte sich gänzlich für den Fremdling, da er in ihm die konkrete Gestalt eines ‚Knechtes Gottes‘, eines ‚heiligen Menschen‘ sah“, erinnerte sich Metropolit Wenjamin, ein Vertrauter des Archimandrits. 

Rasputin, der Wunderheiler

Sein großer Einfluss am Zarenhof wurde ihm zum Verhängnis. Foto: ArchivbildSein großer Einfluss am Zarenhof wurde ihm zum Verhängnis. Foto: Archivbild

Einmal in den Zarenpalast gelangt, vermochte es Rasputin, die Zarenfamilie für sich einzunehmen. Den größten Einfluss hatte er auf Zarin Alexandra Fjodorowna. Dies lag wohl an seiner positiven Wirkung auf deren einzigen Sohn, den Zarewitsch Alexej, der an der Bluterkrankheit litt. Als die Ärzte sich bei dem zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand des Kindes als machtlos erwiesen, griff Rasputin ein – tatsächlich mit Erfolg.

Dies zumindest berichtete Großfürstin Olga Alexandrowna, die sich auf mehrere Augenzeugenberichte stützte und in Ian Vorresʼ Buch „Die letzte Großfürstin“ zitiert wird. Ihre Worte haben alleine schon deshalb Gewicht, da sie den „Starez“ Rasputin nicht mochte.

Sünde und Gnade

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Rasputin nannte die Zarin „Mami“ und den Zaren „Papi“, und diese Nähe verhalf dem sibirischen Muschik zu einigem Einfluss. Wie der Historiker und Literaturwissenschaftler Alexej Warlamow in seinem Buch „Der neue Grigorij Rasputin“ schrieb, bot der Wunderheiler seinen Besuchern, die er in seiner großen Wohnung im Zentrum der Hauptstadt empfing, Protektion verschiedenster Art. Rasputin hörte sich ihre Bitten an, war bemüht niemanden zu enttäuschen, gab Geld, wenn man ihn darum bat, und telefonierte, wenn er es für notwendig erachtete auch nachts, mit Regierungsmitgliedern.

Als Beispiel für seine Macht nennt Warlamow einen Fall. Rasputin soll beim Innenministerium angerufen und dem Beamten an der anderen Seite der Leitung befohlen haben: „Ruf Aljoscha, deinen Minister.“ Der „Starez“ meinte damit Alexej Chwostow, den Innenminister in den Jahren 1915/16.

Schon 1910/11 führte Rasputin bei Weitem nicht mehr das Leben eines Rechtschaffenen, als der er nach Petersburg gekommen war. In der Hauptstadt machten hartnäckige Gerüchte über seine Trunksucht, Unzucht und Gelage sowie seine Fähigkeit, die Vertreterinnen des „schwachen“ Geschlechts zu hypnotisieren, die Runde. Als man ihn mit diesen Vorwürfen konfrontierte, rechtfertigte er sich damit, dass die Frauen selbst die Nähe zu ihm suchen würden, und behauptete, dass man nur durch die Sünde Gnade erfahren könne.

Rasputin und die Zarin

Rasputin sagte, dass die Frauen selbst die Nähe zu ihm suchen würden. Foto: ArchivbildRasputin sagte, dass die Frauen selbst die Nähe zu ihm suchen würden. Foto: Archivbild

Für die stürmischste Reaktion sorgten jedoch die Gerüchte über sein Verhältnis zur Zarin. In Russland erzählte man sich, dass „Grischka“ (Grigorij) mit der Zarin und deren Töchtern leben würde. „Meine Seele findet nur Ruhe, wenn du, mein Lehrer, in meiner Nähe bist, und ich küsse deine Hände und meinen Kopf lege ich auf deine seligen Schultern“, heißt es in einem der Briefe Alexandra Fjodorownas an Rasputin, die Ende 1911 vervielfältigt und in Petersburg verteilt wurden. Nach den Worten des Ministerpräsidenten Wladimir Kokowzow gaben die Briefe „Anlass zu anstoßerregendem Geschwätz“, obwohl sie „in ihrem Kern Ausdruck der mystischen Stimmung (der Zarin)“ waren.

Veröffentlicht wurden sie von dem ehemaligen Mönch Iliodor, der sich anfangs unter dem Einfluss des „Starez“ befand, doch später zu einem seiner größten Gegner wurde und ein Buch über den „Heiligen Teufel“ schrieb. Er hatte die Briefe wohl von Rasputin selbst erhalten. Schon bald nach dem Briefe-Skandal stellte ein Duma-Abgeordnete eine offizielle Anfrage zu Rasputin an die Regierung und der Name des „Starez“ machte in allen Zeitungen des Landes die Runde. Dem Ruf der Monarchie war ein weiterer Schlag versetzt worden.

Der Mord an Rasputin und der Untergang der Zarenfamilie

Felix Jusupow. Foto: RIA NovostiFelix Jusupow. Foto: RIA Novosti

Ungeachtet der Skandale, in deren Folge Rasputin gezwungen war, Petersburg für mehrere Monate zu verlassen, wuchs sein Einfluss nun nur noch mehr. Das war kein Geheimnis und wurde populäres Gesprächsthema, auch wenn der Erste Weltkrieg im vollen Gange war, der für Russland nicht gerade erfolgreich verlief. Es machten Gerüchte die Runde, dass die Niederlagen Folge eines Verrats seien – man erinnerte sich daran, dass die Zarin aus Deutschland stammte. Zu den deutschen Spionen zählte man auch Rasputin. Die Wolken zogen sich über dem „Starez“ zusammen. Wie Warlamow schrieb, trank Rasputin in den letzten Monaten besonders viel, weil er angeblich seinen Tod voraussah, der, wie er prophezeite, auch den Untergang der Zarendynastie mit sich bringen würde.

Zum Höhepunkt kam es am 30. Dezember im Hause des Fürsten Felix Jusupows, einem Verwandten des Zaren, der eine Verschwörung zur Rettung der Reputation der Zarenfamilie organisiert hatte. Wie Jusupow sich erinnerte, bewirteten die Verschwörer, zu denen auch der Fürst Dmitrij Pawlowitsch und der Duma-Abgeordnete und Monarchist Wladimir Purischkjewitsch gehörten, Rasputin zuerst mit vergifteten Piroggen, schossen anschließend mehrmals auf ihn und warfen seinen Körper danach in ein Eisloch.

Nur zwei Monate nach Rasputins Tod wurde in Russland die Monarchie gestürzt. Die entthronten Alexandra und Nikolaj Romanow wurden zusammen mit ihren Kindern zuerst nach Sibirien verbannt – auf dem Weg dorthin fuhren sie an Rasputins Heimatdorf vorbei – und später gemeinsam mit ihren Bediensteten im Keller eines Hauses in Jekaterinburg erschossen. Nach der Exekution der Zarenfamilie wurden 57 Ikonen gefunden, von denen drei ein Geschenk Rasputins waren.

Dossier: Die Geheimnisse der Romanow-Familie