Karl Bulla: Wie ein Preuße zum ersten Fotoreporter Russlands wurde

Karl Bulla (rechts) 1916 mit seiner Familie.

Karl Bulla (rechts) 1916 mit seiner Familie.

Karl Bulla / Wikipedia.org
Karl Bulla wanderte einst aus Preußen nach Sankt Petersburg ein, wo er zu einem der bekanntesten Fotografen aufstieg. Seine Fähigkeiten gab er an seine Söhne weiter – trotz harter Schicksale besteht ihr Fotosalon noch heute.

Straßenaufnahmen, wie sie heute täglich massenweise Instagram und andere soziale Netzwerke fluten, waren vor hundert Jahren noch genehmigungspflichtig und ausschließlich Sache von Profi-Fotografen. Als Erster erhielt eine solche Genehmigung in Russland der deutschstämmige Karl Bulla, der damit zum ersten Reportage-Fotografen im Zarenreich wurde – und das gerade am Vorabend der Revolutionen im Jahr 1917.

Ein Preußenjung’, der nach Sankt Petersburg ging

Selbstporträt von Carl Oswald Bulla. / Wikipedia.org
Selbstporträt von Karl Bulla, 1917. / Wikipedia.org
Karl Bulla wurde 1855, nach einigen Quellen 1853, als Carl Oswald Bulla im preußischen Leobschütz (heute Głubczyce in Polen) geboren. Zu seiner Jugend ist wenig bekannt und die Informationen widersprechen sich teilweise. Tatsache ist, dass er im zarten Jugendalter im Jahr 1865 seinen Heimatort verließ und nach Sankt Petersburg ging, angeblich sogar allein, und dort als eine Art Geflohener angesehen wurde.

In der russischen Hauptstadt fand er eine Anstellung bei der Firma Dupant, die Fotografie-Zubehör herstellte. Dort nutzte er die Chance, studierte ausländische Fotomagazine, wurde Laborant und eröffnete bald schon seine erste eigene kleine Fabrik für fertige Fotoplatten aus Glas, die bis dahin viele Fotografen noch selbst in Handarbeit herstellten. Bullas fertige Platten erleichterten ihnen den Alltag. Und mit dem Erfolg stellte er die Weichen für seine Karriere und die seiner künftigen zwei Söhne.

Nicht so verkrampft!

Nachdem Bulla 1875 sein eigenes Studio eröffnet hatte, wurde er einer der gefragtesten Fotografen der damaligen High Society, bei der er wegen seiner natürlichen Porträts beliebt war. Zeitgenossen erinnerten sich später an seine Anweisungen: „Seien Sie lebendiger, sitzen Sie nicht so verkrampft!“ Sich in den Salons der Hauptstadt fotografieren zu lassen, kam in Mode und um die Jahrhundertwende war es gerade Bulla, der die Zarenfamilie und Lew Tolstoj, aber auch die Arbeit in den Sankt Petersburger Armenhäusern, Kinderheimen und Kliniken besuchte und dokumentierte.

Grigori Rasputin (in der Mitte) mit General Putjatin (rechts) und Oberst Loman (links), 1904.\nKarl Bulla / Wikipedia.org<p>Grigori Rasputin (in der Mitte) mit General Putjatin (rechts) und Oberst Loman (links), 1904.</p>\n
Leo Tolstoi, 1902.\nKarl Bulla / Wikipedia.org<p>Leo Tolstoi, 1902.</p>\n
Wladimir Lenin w&auml;hrend des dritten 3. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1921 in Moskau.&nbsp;\nKarl Bulla/RIA Novosti<p>Wladimir Lenin w&auml;hrend des dritten 3. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1921 in Moskau.&nbsp;</p>\n
 
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Karl Bulla bekam die russische Staatsbürgerschaft zugesprochen und 1886 die Erlaubnis für „aller Art fotografischer Arbeiten außerhalb des Hauses“. Zunächst war sein Interesse an Straßenaufnahmen eher verhalten, da es keinerlei kommerziellen Sinn ergab. Als dann aber zwölf Jahre später das Innenministerium die sogenannten „Vordrucke offener Briefe aus privater Herstellung“, sprich Postkarten, erlaubte, wendete sich das Blatt – und Bulla sich der Reportage zu.

Er fotografierte Straßen, Architektur, verschiedene Berufe und Verkehrsmittel. 1904 wurde er als Fotograf der Zarenfamilie anerkannt – und in seiner Karriere ging es steil bergauf: Er wurde offizieller Fotograf des Ministers des Zarenhauses, der öffentlichen Bibliothek, der Stadtverwaltung Petrograd, der Russischen Gesellschaft des Roten Kreuzes sowie offizieller Illustrator der Zeitschriften „Niwa“, „Ogonjok“ und vieler mehr.

Die Bullas, die die Revolutionen festhielten

Nikolai II. im Jahr 1913 bei seiner Ankunft zum Festakt anlässlich des 300. Jahrestages der Thronbesteigung der Romanow-Dynastie in Sankt Petersburg. / Karl Bulla/RIA NovostiNikolai II. im Jahr 1913 bei seiner Ankunft zum Festakt anlässlich des 300. Jahrestages der Thronbesteigung der Romanow-Dynastie in Sankt Petersburg. / Karl Bulla/RIA Novosti

1908 eröffnete Karl Bulla einen neuen Salon direkt auf dem Newskij-Prospekt, der bis heute besteht. Hierbei halfen ihm dann schon seine zwei Söhne Alexander (geboren 1881) und Viktor (geboren 1883). Beide Söhne studierten in Deutschland und wurden berühmte russische Fotografen, Alexander besonders mit Porträt- und Studioaufnahmen. Viktor ging nach dem Studium als Fotokorrespondent in den Russisch-Japanischen Krieg. Als Bulla senior 1916 seine Arbeit aufgab und für seinen Lebensabend nach Estland aufs Land zog, führten die Söhne das Geschäft weiter.

Bullas Söhne Alexander und Viktor, 1910. Bild: Wikipedia.org
Nur ein Jahr später wurde Viktor berufen, die Revolutionen 1917 und die folgenden Ereignisse des Bürgerkriegs bis 1920 zu dokumentieren. Alexander hingegen wurde, während sein Bruder Lenin, Stalin und Co. fotografierte, der Konterrevolution beschuldigt und zum Kanalbau ans Weiße Meer geschickt, wo er 1934 verstarb. Aber auch Viktor wurde in den dreißiger Jahren denunziert, 1938 verhaftet und noch im selben Jahr erschossen. Vater Bulla hatte das glücklicherweise nicht mehr erleben müssen, er war bereits 1929  auf der estnischen Insel Saaremaa verstorben.

Die Bilder der Familie Bulla sind heute russisches Kulturgut: Nicht nur die Porträts der so unterschiedlichen Herrschenden zu Zaren-, Bürgerkriegs- und dann Sowjetzeiten finden sich heute in allerlei historischen Aufzeichnungen. Besonders berühmt sind Viktor Bullas Revolutionsbilder – von den Demonstrationen und Schüssen in die streikende Menge. Zu sehen sind viele von ihnen im Bulla-Museum im einstigen Fotosalon auf dem Newskij-Prospekt 54.

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