Google-Fragen: Warum war Französisch so beliebt in Russland?

Ekaterina Lobanova
„Wie wird Wodka ...?“, „Warum ist Putin ...?“ – in der Reihe „Google-Fragen“ gibt RBTH Antworten auf die beliebtesten Suchmaschinen-Anfragen über Russland. Heute erklären wir, warum Russlands High Society des 18. und 19. Jahrhunderts öfter Französisch sprach als die eigene Muttersprache.

/ Ekaterina Lobanova/ Ekaterina Lobanova

Allein das imposante Volumen dieses Romans ist für jeden Zehntklässler eine Herausforderung: „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi bleibt für russische Schüler bis heute eine schwerverdauliche Lektüre. Vier Bände zählt das Werk. Doch da ist noch etwas: „Als ich die ersten Seiten öffnete, habe ich gesehen, dass rund die Hälfte auf Französisch ist. Ich dachte nur: Weg damit, davon lese ich lieber eine Zusammenfassung“, erinnert sich der 23-jährige Alexej aus Moskau an seine Erfahrung mit dem Epos.

Tatsächlich: Die Hälfte aller Dialoge des Petersburger Adels im Salon der Gesellschaftslöwin Anna Scherer, mit denen der Roman beginnt, besteht aus französischen Sätzen. Das ist jedoch kein skurriler Einfall des Autors, sondern ein Abbild der Umgangsformen der damaligen Zeit (der erste Band von „Krieg und Frieden“ spielt im Jahr 1805). „Er sprach jenes gewandte Französisch“, beschreibt Tolstoi einen seiner Charaktere, „das unsere Vorväter nicht nur gesprochen, sondern gedacht hatten.“ Im 18. Jahrhundert eroberte das Französische Russland und wurde zur inoffiziellen Sprache der Aristokratie. Doch welche Gründe gab es dafür?

Die Hinwendung zum Westen

Mit den Reformen Peters des Großen nahm alles seinen Anfang. Der dritte Zar der Romanow-Dynastie regierte Russland von 1682 bis 1725. Unter seiner Führung machte das Land eine Kehrtwende um 180 Grad: Peters Traum war es, sein Kaiserreich in eine europäische Großmacht zu verwandeln. Deshalb führte er nicht nur Kriege, sondern zerstörte auch Russlands patriarchalische Bräuche. Er zwang Adelsleute, ihre Bärte abzurasieren, europäische Kleidung zu tragen und zum Studium nach Europa zu reisen. Bald schon gehörten europäische Sprachen in den Versammlungen der Aristokraten zum guten Ton.

Französisch dominierte zur damaligen Zeit nicht nur in Russland sondern in ganz Europa. „Französisch war die erste Sprache, in der so etwas wie eine einheitliche Norm entstand“, erklärt der Psycholinguist und Übersetzer Dmitri Petrow. Zu verdanken habe man dies Frankreichs erstem Minister Kardinal Richelieu, der 1635 eine Akademie gegründet hatte, die sich mit der Schaffung und Regulierung einer sprachlichen Norm beschäftigte. Schließlich verdrängte Französisch Latein als Lingua franca.

Die französische Welle

Die Französische Revolution (1789-1799) gab der Verbreitung des Französischen beim russischen Adel einen weiteren Anstoß. Viele französische Aristokraten flohen vor Unruhen und Verfolgung und fanden unter anderem in Russland Zuflucht. Die Zahl der Auswanderer in diesem Zeitraum wird heute auf bis zu 15 000 Menschen geschätzt. Die Führung des Russischen Kaiserreichs stand jeglichen Revolutionen ablehnend gegenüber und empfing die französischen Monarchisten mit offenen Armen. Einige Einwanderer erreichten unerwartet hohe Ränge im Dienst am russischen Thron – wie etwa Armand Emmanuel de Richelieu, Enkelsohn des berühmten Kardinals. Er wurde zum Gouverneur der Stadt Odessa, die sich heute auf ukrainischem Boden befindet. Andere, weniger erfolgreiche Franzosen wurden Hauslehrer und brachten russischen Adelskindern das Tanzen und Fechten bei.

Frankophilie und Frankophobie

Schon lange vor Tolstoi stritten Schriftsteller und Publizisten darüber, wie es zu bewerten sei, dass der russische Adel dem Französischen derart verfiel. Für die einen waren Lehnwörter aus dem Französischen eine Bereicherung für die Kultur und eine Veredelung des Russischen. Andere sahen darin den Untergang der eigenen Muttersprache: „So führen wir unsere Sprache ins völlige Verderben“, mahnte Alexander Schischkow, Russlands Aufklärungsminister und eifriger Verfechter der Reinheit der russischen Sprache.

Mit scharfsinniger Ironie stellte der russische Dichter Alexander Gribojedow jene Russen bloß, die „allem Französischen“ hörig seien, obwohl sie die Sprache nicht wirklich beherrschten: Diese Leute sprächen „eine Sprachmelange“ aus Französisch und Nischnegorodisch, heißt es in seinem Stück „Verstand schafft Leiden“. Damit spielte er auf die russische Provinzstadt Nischni Nowgorod an.

Dennoch sprachen alle Adelsleute Französisch. Es war Hofsprache und Sinnbild zugleich: Edle Abstammung und erhabene Gefühle wurden mit dem Französischen in Verbindung gebracht. Selbst der Begründer des heutigen Russischen, der Dichter Alexander Puschkin, griff – wenn es um Gefühle ging – gern auf das Französische zurück: 90 Prozent seiner Briefe an Frauen sind auf Französisch verfasst.

Das Ende des Frankreich-Hypes

Während der Napoleonischen Kriege, als Frankreich Russland überfiel, büßte Französisch an Beliebtheit ein. Ihre patriotische Gesinnung verpflichtete die russische Bevölkerung dazu, Russisch zu sprechen. Manchmal war es auch eine Frage des Überlebens: Es kam vor, dass russische Bauern, die des Französischen nicht mächtig waren, russische Adelsoffiziere für Feinde hielten, „wegen derer unsauberen Aussprache des Russischen“, konstatiert der Dichter und Kriegsheld Denis Dawydow im Jahr 1812. Statt Lorbeeren ernteten die „Fremden“ vom Bauernvolk dann schon mal eine Kugel zwischen die Augen oder einen Beilschlag auf den Kopf.

Der Frankreich-Hype war zu Ende gegangen, viele Gallizismen sind im Russischen aber seit dem 18. Jahrhundert geblieben. Über die Herkunft von Wörtern wie „Presse“, „Charme“ und „Kavalier“ denkt man heutzutage wohl weder in Russland noch in Deutschland wirklich nach. „Einige häufig verwendete Lehnwörter sind im Sprachgebrauch erhalten geblieben, andere sind verschwunden. Weiteren Entlehnungen wird es genauso ergehen“, stellte einst der Schriftsteller Peter Vail fest.