Stecken die Freimaurer hinter dem Ende der russischen Monarchie?

Viele vermutete, dass Kerenski in eine Verschwörung zum Umsturz und der Ermordung des russischen Zaren involviert gewesen sei.

Viele vermutete, dass Kerenski in eine Verschwörung zum Umsturz und der Ermordung des russischen Zaren involviert gewesen sei.

RIA Novosti
Alexander Kerenski, der letzte Kopf der provisorischen Regierung, wurde im Oktober 1917 von den Bolschewiki gestürzt. Er war sowohl bei Linken als auch bei Rechten verhasst – und Monarchisten machten ihn für den Tod der Zarenfamilie verantwortlich. Der Vorwurf: Er habe einen Komplott der Freimaurer zum Sturz Nikolaus II. angeführt. Bis heute hält sich diese Theorie bei einigen Historikern. Ist sie glaubhaft?

Alexander Kerenski ist insbesondere durch seine Rolle als Abgeordneter der Staatsduma, dem Unterhaus des russischen Parlamentes, bekannt. Seine wohl berühmteste Rede hielt er nur Tage vor der Februarrevolution 1917.

„Die historische Aufgabe des russischen Volkes ist nun die sofortige Zerstörung dieses mittelalterlichen Regimes. Es gibt nur einen Weg, jene zu bekämpfen, die das Gesetz brechen: Es ist ihre physische Zerstörung.“

Ausgesprochen wurden diese Worte nur zwei Wochen vor der Revolution. Zarin Alexandra Fjodorowna zeigte sich geschockt und forderte, ihn aufzuhängen. Tatsächlich aber – in einer Wendung des Schicksals – waren es schließlich die Zarin und ihre Familie, deren Leben von der Unterstützung Kerenskis abhing.

In die Staatsduma war der Politiker 1912 als Mitglied der Sozialistischen Revolutionären Partei eingezogen. Als Abgeordneter schloss er sich dann einer Freimaurergesellschaft an – wie es für Parlamentarier damals üblich war. Schließlich wurde er Generalsekretär des Großen Rates des Großorients des Russischen Volkes, einer einflussreichen Freimaurergilde, die viele politische Figuren in ihren Reihen vereinte. Die Mehrzahl der Mitglieder arbeitete in der Duma. Aufgrund seiner Position und der markigen Worte gegenüber dem zaristischen System vermutete man schnell, dass Kerenski in eine Verschwörung zum Umsturz und der Ermordung des russischen Zaren involviert gewesen sei.

Kerenski und der Aufstand gegen den Zaren

Alexander Kerenski / Mary Evans/Global Look PressAlexander Kerenski / Mary Evans/Global Look Press

Eine solche Verschwörung der Freimaurer als eine der treibenden Kräfte hinter den Ereignissen des Februars 1917 war stets eine beliebte Theorie, um den explosionsartigen Kollaps der Monarchie zu erklären. Die Wissenschaft diskutiert den potenziellen Einfluss der Freimaurer auf die Revolution seit vielen Jahren. Laut dem Historiker Piotr Multatuli spielte Kerenski eine wichtige Rolle in den Ereignissen im Jahr 1917 – aufgrund seiner Verbindung zu Freimaurern in Russland und im Ausland.

Während dieses berühmten Februars spielte Kerenski tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Machtergreifung der Duma. Truppen, die der Regierung die Treue geschworen hatten, waren gerne von ihm gesehen. Eine Thronbesteigung Michails, des Bruders Nikolaus II., wollte er verhindern.

Kerenski war zudem der einzige Akteur, der enge Verbindungen zu beiden mächtigen Lagern im postzaristischen Russland unterhielt: dem Provisorischen Komitee der Staatsduma (das sich später zur Regierung umformen sollte) sowie dem Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Multatuli glaubt, dass Kerenskis Handlungen zu jener Zeit deutlich von den Freimaurern beeinflusst wurden. Mit ihm in der Position als Justiz- und später Premierminister habe der Geheimbund seine Machtposition halten wollen.

Die Verhaftung Nikolaus II.

Am 15. März 1917 fand die Abdankung des letzten russischen Zaren Nikolaus II. statt./ Getty ImagesAm 15. März 1917 fand die Abdankung des letzten russischen Zaren Nikolaus II. statt./ Getty Images

Multatuli ist sich sicher, dass Kerenski eine der treibenden politischen Kräfte hinter der Verhaftung des Zaren und seiner Frau nach dem erfolgreichen Aufstand in Petrograd gewesen sein müsse. So habe man deren Ausreise ins Ausland verhindern wollen. Allerdings sei die Entscheidung damals auf Druck der Botschafter Frankreichs und Großbritanniens getroffen worden.

„Die Verhaftung der Zarenfamilie fand unter dem Druck einer direkten Anweisung aus dem Ausland statt“, schreibt der Historiker. Als Quelle zieht er einen weiteren einflussreichen Politiker heran: Pawel Miljukow hatte bereits damals behauptet, der britische Botschafter George Buchanan habe großen Einfluss auf Kerenski ausgeübt.

Viele vermuten, dass Großbritannien den Zaren aufgrund dessen Sympathien für das Deutsche Reich während des Ersten Weltkriegs nicht habe akzeptieren wollen. Deshalb habe der Diplomat großen Druck auf die neue russische Regierung ausgeübt. Und auch Kerenski selbst gab damals zu verstehen, dass man Nikolaus II. nicht ausreisen lasse, da er in Großbritannien nicht willkommen sei. In seiner Funktion als Justizminister war er zwischen März und Juli 2017 direkt für die Aufsicht über die Zarenfamilie in Zarskoe Selo verantwortlich.

Der Zar im sibirischen Exil

Nikolaus II. im Juli 1918. / Global Look PressNikolaus II. im Juli 1918. / Global Look Press

Während Kerenskis Rolle im Umsturz der Monarchie nicht eindeutig zu klären sein wird, ist seine Person zweifelsohne eng mit dem weiteren Schicksal der Zarenfamilie verbunden. Im Juli, als Kerenski zum Premierminister aufgestiegen war, fiel die Entscheidung, die Familie aus Zarskoe Selo zu verbannen und in die sibirische Stadt Tobolsk zu bringen. Ein Verbleib so nahe an Moskau sei nicht mehr sicher.

Zu Beginn des Monats hatten in Petrograd Matrosen und Soldaten unter dem bolschewikischen Banner aufbegehrt. Die Regierung schaffte es zwar, die Proteste unter Kontrolle zu bringen, doch Kerenski war sich sicher: Wäre der Zar nicht nach Sibirien gebracht worden, hätte er bereits 1917 den Tod gefunden – und nicht erst im Jahr darauf.

In seiner Biografie stellt der Politiker klar, dass die Entscheidung zu einem Transfer der Zarenfamilie nach Sibirien vom Kabinett getroffen wurde, auch wenn Tobolsk seine Wahl gewesen sei. Dessen Abgelegenheit „verbot den Gedanken an spontane Vorfälle“. Anfang August bezog die Zarenfamilie das Haus des Ex-Gouverneurs in der Stadt. Bis 1918 lebte sie dort, bevor sie nach Jekaterinburg gebracht und dort in einem Keller kaltblütig ermordet wurde.

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