Neuland-Kampagne: Wie Chruschtschow die Sowjetunion abspeisen wollte

Kazakh SSR. USSR. First Secretary of the Communist Party of the Soviet Union Nikita Khrushchev visits fields of the Moskovsky State Farm.

Kazakh SSR. USSR. First Secretary of the Communist Party of the Soviet Union Nikita Khrushchev visits fields of the Moskovsky State Farm.

Valentin Sobolev/TASS
Wie „rücksichtslos“ Millionen Hektar Ackerland erschlossen wurden.

Nikita Chruschtschow / Valentin Sobolev/TASSNikita Chruschtschow / Valentin Sobolev/TASS

„Jugend, ab nach Neuland!” - Unter diesem Motto begann 1954 Nikita Chruschtschow seine berühmte Neuland-Kampagne. Als Erster Sekretär der KPdSU initiierte er die Reform, um die Situation in der Landwirtschaft des Riesenlandes zu verbessern.

Die Kampagne war als Anordnung „Über die Bewässerung und die Entwicklung von Neuland” offiziell erst am 16. August 1956 beschlossen worden. Mehr als 1,5 Million Menschen zogen in die Steppen Kasachstans, der Wolga-Region, nach Sibirien und in den Ural, um das Land urbar zu machen.

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Arbeitskräfte wurden hauptsächlich aus dem westlichen Teil der UdSSR entsandt. Es waren rund 300 000 junge Komsomolzen, die freie Fahrt und ein günstiges Zehnjahresdarlehen für den Wohnungsbau bekamen. Dafür wurden 20 Milliarden Rubel aus dem Staatshaushalt bereitgestellt. Von 1954 bis 1959 beteiligten sich 1,7 Millionen Menschen an der Kampagne.

/ Mikhail Ozerskiy/TASS/ Mikhail Ozerskiy/TASS

1955 wurde Leonid Breschnew, der Chruschtschow als Staatschef 1964 ersetzte, zum ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Kasachischen Sowjetrepublik ernannt. Die Jahre seiner lokalen Parteiführung fielen mit dem Beginn der Neulandgewinnung zusammen. Später veröffentlichte er das Buch "Neuland: Erinnerungen”. „Der Aufschwung der Neulandgewinnung war im Jahre 1956. Die Erträge waren enorm", schrieb er.

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In der Tat wurden in jenem Jahr man extrem hohe Erträge eingefahren. Mehr als 125 Millionen Tonnen Getreide wurden angebaut: so viel wie nie zuvor in der Sowjetunion. Die Hälfte davon wurde auf den neuen Anbauflächen produziert. Doch danach fielen die Zahlen ständig.

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Langfristig zeigte die Kampagne trotz aller Bemühungen nicht die erwünschten Ergebnisse. Einerseits stieg die Anbaufläche um 45 Millionen Hektar. Als die Sowjetunion unter einem Getreidedefizit litt, halfen hohe Erträge für eine Weile, den Nahrungsmangel im Land zu verringern.

Andererseits unterschied sich das Volumen der Ernte von Jahr zu Jahr. Es mangelte an moderner Technik, die Lebensbedingungen der Arbeiter ließen zu wünschen übrig. Dazu waren das Trockenklima und die Anbauflächen in Kasachstan für Getreide nicht geeignet. Die Zerstörungen des ökologischen Gleichgewichts und die damit verbundene Bodenerosion führte Anfang der 1960er-Jahre zu Staub- und Sandstürmen. Das Projekt geriet in eine Krise.

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In den späten 50er Jahren flossen bis zu 20 Prozent aller sowjetischen Investitionen in die Landwirtschaft. Kritiker wiesen darauf hin, dass die Kampagne andere Bereiche vernachlässigte. Einer von Chruschtschows Gegnern in der sowjetischen Regierung - Wjatscheslaw Molotow - bezeichnete die ganze Idee als Fehler und "rücksichtslosen Versuch".

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