Glotze in der Krise

Spielszene aus dem Sitcom "Woroniny". Foto: Kinopoisk.ru

Spielszene aus dem Sitcom "Woroniny". Foto: Kinopoisk.ru

Das russische Fernsehen adaptiert internationale Serien schneller als neue produziert werden. Der Bestand an billigen und einfachen Produktionen ist ausgeschöpft. Neue Formate sind dringend gefragt.

Der aus Lateinamerika kommende Serientyp der Telenovela ist das vorherrschende Format im russischen Fernsehen. Vier von fünf Stunden der Hauptsendezeit entfallen auf solche Serien. Die verbleibende Zeit füllen Talk-Shows und Nachrichten.

Dieser Kennwert ist 2,5 Mal so hoch wie in den USA und in europäischen Ländern und auch höher als etwa in Lateinamerika und China. Serien sind schon lange die wichtigste Einnahmequelle des russischen Fernsehens. Werbung in beliebten Serien ist in Russland in der Regel deutlich teurer als in den USA. Bis zu einem Drittel der Einnahmen eines Fernsehsenders fließt heute aus dem Geschäft mit Serien.

Zur Jahrtausendwende wurde der russische Serienmarkt von einer ernsthaften Krise erschüttert. Die Nachfrage nach ausländischen Produktionen

sank empfindlich, das Angebot an russischen Produktionen reichte bei weitem nicht aus, um den Markt zu sättigen. Gleichzeitig war es unmöglich, kurzfristig die Produktion anzukurbeln. Es fehlte an Drehbuchautoren, Regisseuren, Beleuchtern, Tonregisseuren usw.

Die Rettung brachte eine Entdeckung der Produktionsfirma „Amedia" aus dem Jahr 2004. Sie brachte die Sitcom „Meine wunderbare Tagesmutter", eine an die russische Wirklichkeit angepasste Coverversion der amerikanischen Serie „The Nanny", auf den Markt. Bald stellte sich heraus, dass mit einer adaptierten Kopie einer beliebten westlichen Fernsehproduktion der verfremdende Effekt der „nicht russischen Wirklichkeit" beseitigt und gleichzeitig zahlreiche Produktionsprobleme gelöst werden konnten.

Denn, das Drehbuch war bereits vorhanden, es bedurfte lediglich kleinerer Nachbearbeitungen. Die Figuren waren durchdacht. Vom Original ließ sich weitgehend alles „abkupfern", von den Kulissen bis zur Anordnung der Personen im Bild. Die Bilanz – ein Bombenerfolg.

Bald adaptierten alle Sender, was sich irgendwie anbot. Der Erfolg war so durchschlagend, dass russische Produzenten in großem Umfang von den Drehbuchautoren Rechte kauften, um die beliebten Geschichten selbst weiterzuspinnen.

Kein Glück ist jedoch von Dauer, und bald zeichneten sich neue Probleme ab. Gegen Ende der 2000er Jahre hatten die adaptierten Produktionen das Maximum ihres Marktanteils an den Fernsehserien erreicht und verloren von nun an stetig an Bedeutung. Heute machen sie noch ein Drittel dieses Fernsehsegmentes aus. Dabei ist eine sinkende Nachfrage nicht das Problem. Die russischen Produzenten sind ihrem eigenen System der Ausstrahlung zum Opfer gefallen.

Im Unterschied zu dem im Westen verbreiteten „vertikalen" System nämlich, in dem es üblich ist, die Folgen einer Serie einmal wöchentlich auszustrahlen, so dass jeder Wochentag einer Serie vorbehalten ist, funktioniert das russische System „horizontal". Hier wird die Serie solange täglich ausgestrahlt, bis alle Folgen gezeigt sind. Für den Zuschauer mag das attraktiver sein, die Produzenten dagegen stehen vor schwer lösbaren Problemen. Innerhalb eines Jahres müssen sie nicht 25 Folgen einer Serie produzieren, sondern 170-200. Dabei gilt es, ein bestimmtes Niveau zu halten, damit die Einschaltquoten nicht sinken und das Projekt nicht eingestellt wird.

Innerhalb von 10 Jahren hat das russische Fernsehen eine 40-jährige Bibliothek von Rechten an fast allen erfolgreichen, für eine Adaption geeigneten Fernsehserien praktisch ausgeschöpft.

Außer den Archivbeständen gibt es natürlich auch neuere Produktionen.

Die sind aber auch nicht problemlos zu verwerten. Hier stellt sich zum einen die Kostenfrage. Rechte an „archivierten" Sitcoms und Seifenopern machten in der Regel nicht mehr als 4-5% des Budgets einer Serie aus. Der Preis für Rechte an Serien aus diesem Jahrhundert ist mit 8-9% der Gesamtkosten deutlich höher. Die Produktionskosten einer Folge von Dr. House etwa belaufen sich auf 9 Millionen Euro, während für eine Episode einer durchschnittlichen russischen Fernsehserie Kosten von höchstens 150-230 Tausend Euro entstehen.

Der Kauf von Rechten für die Adaption verhältnismäßig neuer blockbuster ist dabei keineswegs eine Garantie für Erfolg. Das belegen zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Der Erwerb von „Prison Break" durch den russischen Sender „Erster Kanal" sowie von „How I met Your Mother" vom Sender STS endeten in einem Fiasko. Die Ausstrahlung der adaptierten Versionen wurde mitten in der zweiten Staffel bzw. unmittelbar danach eingestellt.

Ein Ausweg aus dieser Krise zeichnet sich bislang noch nicht ab. Eine bestimmte Tendenz aber gibt Anlass zur Hoffnung. Während bis heute ausschließlich Komödien und Melodramen adaptiert wurden, alle anderen Genres dagegen als perspektivlos galten, versuchen sich russische Produzenten jetzt anscheinend an der Erweiterung ihres Angebots. Erfolgreiche Adaptionen von Science-Fiction-Serien, etwa der britischen „Life on Mars" oder von Horror-Serien, wie etwa die Adaption der spanischen Serie „El Internado Laguna Negra", stimmen optimistisch.

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