Großes Theater

Am 17. Januar jährte sich der 150. Geburtstag des russischen Theaterleiters Konstantin Stanislawskij. Sein Erbe ist bis heute lebendig. Die von ihm begründete Methode hat ihre Aktualität nie verloren.

Foto: RIA Novosti.

Der Schauspieler, Theaterleiter und Theaterpionier Konstantin Stanislawskij gehört zweifelsfrei zu den international bekanntesten Persönlichkeiten dieses Faches. Sein 1936, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichtes Lehrbuch „Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst" gilt weltweit immer noch als Standardwerk der Schauspielausbildung. Die von Stanislawskij begründete Methode propagiert eine naturalistische Schauspieltechnik. Dieser Ansatz, den wir heute als selbstverständlich ansehen, brach mit den gekünstelten Theatertraditionen des 19. Jahrhunderts, die im Nachahmen und in Melodramen erstarrt waren. Moskau war Stanislawskijs Geburtsort und seine lebenslange Heimat. Die russische Metropole war auch Schauplatz seiner künstlerischen Experimente.

Stanislawskij wuchs in einer Zeit auf, in der die Tradition des Laientheaters blühte. Die Moskauer Theaterschule verließ er nach nur wenigen Wochen. Am 22. Juni 1897 gründete Stanislawskij gemeinsam mit dem

Anschriften

 

Stanislawskij-Museum: Moskau, Leontjewskij Pereulok, 6. 

Moskauer Kunsttheater (MChAT): Moskau, Kamergerskij Pereulok, 3a,

Theaterregisseur Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko das Moskauer Kunsttheater (MChAT). Ein Jahr später, am 14. Juni 1898, fand im nahegelegenen Puschkino die erste Probe des neu zusammengestellten Ensembles statt. In seiner Begrüßung sagte Stanislawskij, dass es die Lebensaufgabe der Schauspieler sollte, das „erste rationale, moralische und transparente Theater" zu erschaffen.

Das alte Restaurant Slawjanskij Basar in der Nikolskaja Straße, in dem Stanislawskij und Nemirowitsch-Dantschenko das MChAT ins Leben riefen, gibt es heute nicht mehr. Das von ihnen aus der Taufe gehobene Theater dagegen besteht bis heute. Es befindet sich ein paar Straßen entfernt, am Kamergerskij Pereulok.

Seine ersten Vorstellungen jedoch gab das MChAT auf der Bühne des Eremitage-Gartens in St. Petersburg. Das Repertoire umfasste klassische Dramen von Shakespeare und Sophokles sowie selbstverständlich auch Tschechows „Möwe". Die Premiere der „Möwe" in St.-Petersburg endete in einem Desaster. Anton Tschechow war überhaupt nicht zufrieden und lehnte es ab, das Stück ein weiteres Mal auf der Bühne zu sehen. Nemirowitsch-Dantschenko hingegen schwärmte in einem Brief an den Autor von den „frischen Talenten", die ihrem neuen Theater alle Ehre machten und der „Routine den Krieg erklärten". Beim Publikum wurde das Stück ein Riesenerfolg.

Die „Möwe", die dem MChAT seinen ersten durchschlagenden Erfolg brachte, wurde zum Aushängeschild des Theaters. Das stilisierte Art-déco-Zeichen, vom Architekten Fjodor Schechtel entworfen, schmückt die Gräber vieler Schauspieler des MChAT auf dem Moskauer Nowodewitschi Friedhof. Stanislawskijs letzte Ruhestätte liegt direkt hinter Tschechows Grab.

Mit den sowjetischen Machthabern nach der Oktoberrevolution kam Stanislawskij nur bedingt zurecht. Da sich die Tschechowschen Dramen bei „russischen Emigranten und amerikanischen Kapitalisten" großer Beleibtheit erfreuten, waren sie aus eben diesem Grund bei den sowjetischen Behörden nicht gut gelitten. 1923 klagte Stanislawskij in einem Brief, das Theater stünde zunehmend in der Kritik, eine bürgerliche Institution zu sein. „Man denkt, wir würden in Geld schwimmen", schrieb er, „während wir bis über beide Ohren verschuldet sind".

 

Privilegierte Herkunft

Konstantin Alexejew, der später den Künstlernamen Stanislawskij annahm, kam am 17. Januar 1863 in einem großen neoklassischen Herrenhaus zur Welt. Es befand sich in einer Straße unweit der Taganka, die heute nach Alexander Solschenizyn benannt ist, in der Nachbarschaft anderer stattlicher Häuser wohlhabender Kaufmannsfamilien. Die Alexejews hatten es mit Gold- und Silbergarn zu ansehnlichem Reichtum gebracht. Stanislawskijs Cousin Nikolai Alexejew wurde 1885 zum Stadtoberhaupt von Moskau ernannt. Die Alexejews gehörten zu den Förderern des kreativen Aufschwungs im Russland des 19. Jahrhunderts.

Stanislawskij war sich seiner privilegierten Herkunft stets bewusst. „Das Schicksal war mir gewogen", schrieb er in seiner Autobiographie „Mein Leben in der Kunst". „Ich wurde in einer Zeit geboren, in der die Künste, die Wissenschaft und die Ästhetik sich lebhaft entwickelten. In Moskau leisteten junge Kaufleute, die nicht nur an ihrem wirtschaftlichen Fortkommen, sondern auch an der Kunst interessiert waren, einen großen Beitrag zu diesem Aufbruch", erzählt er in seinen Memoiren. So hatte zum Beispiel der Unternehmer Sawwa Morosow 500.000 Rubel für die Gründung des MChAT gespendet.

Große Bedeutung für die künstlerische Entwicklung Stanislawskijs hatte das Moskauer Malyj-Theater, das kleinere gelbe Gebäude neben dem Bolschoi. In seinen Memoiren notierte er: „Das Malyj-Theater war der Nährboden unserer Ideen ... Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich meine Bildung nicht dem Gymnasium, sondern dem Malyj-Theater verdanke."

Großen Einfluss auf den jungen Stanislawskij hatte auch der Opernsänger Fjodor Tschaliapin, der an der Privatoper des Unternehmers Sawwa Mamontow engagiert war. Tschaliapin zeichnete sich in seinem Gesang durch starken emotionalen Ausdruck und große Wahrhaftigkeit aus. Wie Stanislawskij später bekannte, hatte er viele Elemente seiner Methode aus Tschaliapins Arbeit übernommen.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Stanislawskij in einem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert an der Leontjewskij Pereulok. Das Haus ist heute ein wunderschönes Museum mit bemalten Decken und geschnitzten Holzmöbeln. Es gibt englischsprachige Erläuterungen in jedem Raum.

In Moskau und andernorts lebt Stanislawskijs Erbe fort. Drei Theater sind nach ihm benannt. Sein Ansatz, psychologisch überzeugende Charaktere auf die Bühne zu bringen, hat seine Aktualität nie verloren.

Im Museum über dem MChaT an der Kamergerskij Pereulok, in der das Ensemble sich 1902 niederließ, lässt sich der lange Weg des Theaters von seiner Entstehung durch das turbulente 20. Jahrhundert nachvollziehen. In einem der Räume im Obergeschoss läuft eine Fotofolie im Großformat über das Fensterglas. Sie zeigt eine Leseprobe von der „Möwe".

Stanislawskij sitzt neben dem Dramatiker Anton Tschechow, umgeben von anderen Mitgliedern des MChAT. In einem Innenhof des Komplexes wurde 2008 eines der älteren und architektonisch verspielteren Gebäude in ein Studiotheater rückverwandelt. Hier arbeitete Stanislawskij in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts und gründete sein erstes Theater als Teil der „Gesellschaft für Literatur und Kunst". Nach den Worten von Sergej Schenowatsch, dem neuen Leiter des Studios, wollte „Stanislawskij mit diesem Theater die Arbeiter davon abhalten, sich in ihrer Freizeit zu betrinken.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Moscow News.

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