Impressionen aus dem fahrenden Zug

 Das Projekt  „Filmzug" ist den stereotypen Vorstellungen über Russland gewidmet.  Foto: ITAR-TASS

Das Projekt „Filmzug" ist den stereotypen Vorstellungen über Russland gewidmet. Foto: ITAR-TASS

Junge Filmemacher aus 15 Ländern reisen bis Anfang Februar im Zug durch Russland. Herauskommen sollen Streifen über russische Stereotype: Frost, Schnee, unendliche Weiten, russische Frauen, russischen Wodka, russische Bären und russische Autos.

Am 1. Februar kehren die 24 Filmemacher nach Moskau zurück. Anschließend wollen sie sich mit ihren Werken an Filmfestivals beteiligen. Gegenwärtig jedoch reisen sie im Zug von Moskau bis Irkutsk und wieder zurück. Zu den Stationen gehören auch St. Petersburg, Murmansk, Kotlas im Gebiet Archangelsk und Tomsk.

Während der Rundreise sollen Kurzfilme entstehen, die stereotypen Vorstellungen über Russland, dem Frost, dem Schnee, dem Wodka, der unendlichen Weite, den russischen Frauen und den Autos der Marke Lada, gewidmet sind. Die Teilnehmer am Projekt müssen ihre Filmgeschichten unterwegs zusammenstellen und schneiden und werden mit fertigen Filmen nach Moskau zurückkehren.

Bei dem Projekt, das von den russischen Produzenten Tatjana Petrik und Jekaterina Ochonko sowie ihrem französischen Kollegen Guillaume Procenko organisiert wird, entstehen Dokumentarfilme mit Titeln wie „Die russischen Frauen", „Lasst uns trinken!", „Die russische Banja", „Der russische Winter", „Das Rätsel des «Lada», „Die russische Seele" und „Die Bären". Jeder Teilnehmer soll einen Kurzfilm zu einem der Themen erstellen. Darüber hinaus wird es auch einen gemeinsamen Film von allen geben.

Das Projekt des „Filmzugs" findet bereits zum dritten Mal statt. 2008 reisten die Filmschaffenden mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Wladiwostok, 2010 führte sie die Reise durch Mittelasien.

„Der russische Winter stellt eine echte Herausforderung dar. Deshalb reisen wir diesmal mit dem Zug von Moskau in einem großen Bogen über Murmansk, St. Petersburg und Tomsk bis zum Baikalsee und von dort wieder zurück nach Moskau", schreibt der französische Produzent des Projekts Guillaume Procenko auf der Website des russischen Zentrums für Dokumentarfilme DOC.

Laut Procenko kursierten viele Gerüchte über Russland und es gäbe unzählige Stereotype. Eben deshalb würden sich die Teilnehmer in diesem Jahr damit beschäftigen. Zu den am häufigsten anzutreffenden Stereotypen zählten nach Procenkos Beobachtung wohl folgende: In Russland trinkt man Wodka. Man fährt einen Lada. Die Bären laufen durch die Städte. Alle russischen Frauen wollen einen Ausländer heiraten, und die russischen Frauen sind alle sehr schön. Im russischen Winter taucht man nach der Banja in ein Eisloch ein.

Es wäre, so Procenko, einerseits sehr dumm, das Vorhandensein dieser Stereotype einfach zu leugnen, schließlich seien sie ein Teil der nationalen Identität. Doch andererseits wäre es lächerlich, sich bei seinem Urteil über eine Nation ausschließlich solcher Stereotypen zu bedienen.

„Nehmen wir einmal die Deutschen oder die Franzosen", fordert Procenko zum Vergleich auf. „Die Deutschen sind sehr ordnungsliebend. Aber sie lieben doch nicht nur die Ordnung. Oder die Franzosen essen Frösche und haben stets ein Baguette unterm Arm. Doch auch ein Franzose ohne Baguette unterm Arm bleibt ein Franzose. Ist dann Russland ohne Wodka auch noch Russland? Oder ein Russland ohne Bären? Diese Frage interessiert uns", erklärt der Organisator den Sinn des Projektes.

Die Teilnehmer am „Filmzug" wurden über einen offenen Wettbewerb im Internet ausgewählt. Sie müssen über eine Hochschulbildung im Bereich Kinematographie verfügen und an internationalen Filmfestivals teilgenommen haben. In diesem Jahr wurden aus über 300 Antragstellern 25 Personen ausgewählt.

„Ich denke, ich werde unterwegs Menschen begegnen, die äußerlich kühl erscheinen mögen, doch trotz allem sehr menschlich, verständnisvoll, klug und geduldig sind. Jedenfalls habe ich bislang immer solche Erfahrungen gemacht. Wenn ein Russe sein Wodkaglas erhebt und einen Trinkspruch ausbringt, stecken hinter seinen Worten stets aufrichtige Gefühle", erzählte der Regisseur des Filmes „Lasst uns trinken!" Benny Jaberg aus der Schweiz der Zeitung Moskowskije Nowosti.

Genau das, so Jaberg weiter, vermisse er bisweilen in der Schweiz, echte Gefühle. Diese hoffe er in Russland zu finden. Und auch „ein herrliches Gefühl für Humor". Die Melancholie und Poesie der Russen hätten seine Arbeit stark beeinflusst. Ihm scheine, dass eben diese Eigenschaften es vielen russischen Künstlern ermöglicht hätten, die komplizierte menschliche Natur sehr viel besser zu erfassen als westliche Künstler.

Im Allgemeinen basiere das Bild Russlands auf dem, was die westlichen Medien schrieben und zeigten. Und das sei ein Land, in dem Korruption, Ungleichheit und Oligarchen herrschten", so die Meinung von Dieter Deswarte aus Belgien, Regisseur des Filmes „Das Rätsel des Lada".

Der erste „Filmzug" wurde von dem sowjetischen Regisseur Aleksandr Medwedkin in den dreißiger Jahren ins Leben gerufen. Er fuhr in einem speziell dafür ausgestatteten Waggon durchs Land, in dem der Film direkt entwickelt und geschnitten werden konnte. Er machte Halt in kleinen Städten, filmte dort die Menschen und versuchte dabei, deren Probleme zu lösen. Später, Ende der sechziger Jahre, gab es in Frankreich einen Dokumentarfilmer, der sich unterwegs im Zug mit sozialen Fragen beschäftigte. Der Regisseur Chris Marker fand, die Arbeiter müssten ihre Rechte mit Hilfe des Films verteidigen.

„Diesen Gedanken greifen wir nun wieder auf. Wir fahren in kleine und große Städte und erteilen Menschen das Wort, die gewöhnlich nicht gefilmt werden, deren Stimme wir nicht hören", erläutert Guillaume Procenko.

Am 1. Februar trifft der „Filmzug" in Moskau ein. Am 6. Februar werden im Zentrum für Dokumentarfilme DOC die Arbeiten aus dem „Filmzug" erstmals gezeigt.

 

Zusammengefügt auf der Grundlage von Informationen von RIA Novosti, Moskowskije Nowosti  sowie dem Internetportal CDKino

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