Netrebko-Entdecker wird Chefdirigent in München

Waleri Gergijew wird ab 2015 der neue Chefdirigent der Münchener Philharmoniker. Foto: ITAR-TASS

Waleri Gergijew wird ab 2015 der neue Chefdirigent der Münchener Philharmoniker. Foto: ITAR-TASS

Der russische Dirigent Waleri Gergijew wird ab 2015 neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Zurzeit ist er Intendant des Petersburger Mariinski-Theaters und Chefdirigent des London Symphony Orchestra.

Die Entscheidung am Mittwoch überraschte die Fachwelt nicht mehr: schon seit Wochen häuften sich die Hinweise, dass der neue Chefdirigent der Münchener Philharmoniker ab 2015 der 59-jährige Waleri Gergijew sein würde. Hinter den Kulissen in München war über die Berufung des Entdeckers von Anna Netrebko lange diskutiert und verhandelt worden.

Gergijews Berufung fällt in eine Zeit des überfälligen Umbruchs an der Isar. Der gegenwärtige Mann an der Spitze, Lorin Maazel (82), hatte bereits bei

Vertragsabschluss letztes Jahr angekündigt, dass er sein Dreijahresengagement nicht verlängern werde, und so hatte das Karussell der Personaldiskussion sich gleich weitergedreht. Einem Bericht des Deutschlandradios zufolge hatte sich der Kulturreferent der Stadt München, unter dessen Ägide die Philharmoniker stehen, einen Generationswechsel gewünscht: unter anderem soll der 39-jährige Andris Nelsons aus Lettland mit dem Stadtrat verhandelt haben.

Mit Gergijews Amtsantritt verschiebt sich der Einschnitt nun zeitlich nach hinten, und es wird interessant sein, zu verfolgen, welche Impulse der Intendant des Petersburger Mariinski-Theaters und derzeitige Chefdirigent des London Symphony Orchestra den Philharmonikern geben will. Das größte der drei Symphonieorchester Münchens steht seit Jahren im Ruf, das Vermächtnis des 1996 gestorbenen Sergiu Celibidache nie richtig überwunden zu haben. Im Vergleich zu den beiden Orchestern des Bayerischen Rundfunks, deren Konzertreisen und Einspielungen in den letzten Jahren Aufsehen erregten, haftet den Philharmonikern ein deutlich konservativeres Image an.

Der Musikjournalist Jan Florian Fuchs kritisierte am Mittwoch in einem Interview des Senders NDR Kultur die Berufung. Ihm zufolge sei die herausragende Stärke Gergijews die Oper, wohingegen das Orchester, das er nun leiten solle, eher für seine Konzertarbeit geschätzt werde. Gergijew, der gerne dramatisch interpretiert, vertrage sich nun einmal besser mit Gesangswerken. Offen sei auch noch auch die Frage, ob Gergijews Zusage, den Posten beim London Symphony Orchestra aufzugeben, in der Folge dazu beitragen werde, dass der vielgereiste Star seinem neuen Orchester viel Zeit widmen könne. Er sei bekannt dafür, oft erst kurz vor der Aufführung am Konzertort einzutreffen.

Sicher ist, dass Gergijews Name als Aushängeschild funktionieren wird. Seine unberechenbaren Stilwechsel und seine Exzentrik – er hat auch schon mit einem Zahnstocher dirigiert – machen ihn zu einer schillernden Figur.

Waleri Gergijew dirigiert mit einem Zahnstocher.

Vielleicht ist es das, was der Stadtrat für den Gasteig haben möchte: einen Publikumsmagneten. Die Süddeutsche Zeitung machte vor der Bekanntgabe der Entscheidung des Stadtrates gut Wetter: „An Spitzenangeboten aus dem Westen hatte es wahrlich nicht gemangelt. Aber er blieb, führte sein Orchester an die Weltspitze heran, förderte die neue Sängergeneration, darunter Anna Netrebko. Die Wahl Gergijews zum neuen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker ist ein Glück, für das Orchester, für sein Publikum, für die ganze Stadt".

Waleri Gergijew hatte als Jugendlicher ein Dirigenten-Studium am Rimskij-Korsakow-Konservatorium in Petersburg begonnen, und bereits als 23-jähriger 1976 den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin gewonnen. Das Angebot Karajans, nach Berlin zu kommen, musste er ablehnen, konnte aber am Petersburger Kirow-Theater, seit 1992 trägt es wieder den Namen Mariinski-Theater, zunächst als Assistent, später als Dirigent und Künstlerischer Leiter Erfahrungen sammeln und Impulse geben. Seit 1996 ist er dort Intendant, und seit 2007 Chef des London Symphony Orchestra .

Gergijew möchte die Präsenz russischer Musik auf den Spielplänen internationaler Häusern erhöhen, und ist deswegen viel als Gastdirigent unterwegs. Seine Festivalgründungen, -auftritte und gewonnenen Auszeichnungen sind kaum noch aufzuzählen. Seit 1997 dirigiert er regelmäßig an der Metropolitan Opera in New York und führt sein Petersburger Hausensemble zu großen Festivals, wie den Salzburger Festspielen.

Ob seine vorerst fünf Jahre am Pult der Philharmoniker bis 2020 beim Traditionsorchester tiefere Spuren hinterlassen werden als die der Celibidache- Nachfolger James Levine und Christian Thielemann, wird die Zeit zeigen. Nimmt man jedenfalls seine Vergangenheit als prophetisch für seine Zukunft, so wird er ab 2015 nicht weniger Zeit in Flugzeugen verbringen als bisher.

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