„Sein Weg“ – Das politische Bekenntnis Chodorkowskis

Während der Präsentation des Buches "Mein Weg. Ein politisches Bekenntnis" von Michail Chodorkowski in Berlin. Foto: Bernát Józsa

Während der Präsentation des Buches "Mein Weg. Ein politisches Bekenntnis" von Michail Chodorkowski in Berlin. Foto: Bernát Józsa

2012 ist das Buch des bekanntesten russischen Häftlings Michail Chodorkowski zum Verkaufsschlager in Russland geworden. Am 23. Januar wurde “Mein Weg” in Berlin vorgestellt. Russland HEUTE war dabei.

"Als ich 2011 seit acht Jahren das erste Mal mit meinem Vater telefonierte, hatte ich Angst, dass ich die Stimme eines Menschen höre, den ich nicht kenne. Aber ich hörte den selben Klang und dieselben Witze, die ich in der Erinnerung hatte. Das hat mir bewiesen, dass sich mein Vater nicht verändert hat", so Pawel Chodorkowski in dem überfüllten Saal des Martin-Gropius-Baus am Donnerstag in Berlin.

Das Gesicht von Michail Chodorkowski ist auf dem Bildschirm hinter dem Podium zu sehen. Sein 27-jähriger ältester Sohn stellt dem Berliner

Publikum das Buch "Mein Weg. Ein politisches Bekenntnis" vor. Die Zuschauer hängen an seinen Lippen und vergleichen zwei Generationen. "Die Augenbrauen sind schon gleich" – flüstert man zueinander.

 

Seit 2003 lebt Pawel Chodorkowski in New York. Nach Berlin ist er während seiner Europareise gekommen, um zusammen mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik Markus Löning und dem Russlandexperten von Amnesty International Peter Franck und ca. 200 Gästen über das Schicksal seines Vaters zu diskutieren.

Außergewöhnliches Projekt "Mein Weg" hat Michail Chodorkowski im Laufe von zwei Jahren zusammen mit der russischen Journalistin Natalia Geworkjan kapitelweise geschrieben. "Ich wollte der Beste sein", "Große Geschäfte", "Nach Jelzin", "Bei Putin" – weitere Kommentare bedürfen die Titel der einzelnen Kapitel eher nicht.

Während der ehemalige Oligarch von Erinnerungen und Erfahrungen berichtet, webt seine Co-Autorin Stimmen anderer Mitwirkender – Partner, Kollegen, Anwälte von Chodorkowski – hinein. Zu Wort kommen bei Geworkjan auch nicht direkt im Chodorkowski-Fall involvierte Wissenschaftler, Journalisten und Beamte.

Das Buch beleuchtet einerseits detailliert die Abläufe in russischen Gefängnissen und bei Gerichtsverhandlungen, geht aber im zweiten Teil kritischauch auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Russland ein.

Stück für Stück ist das Buch beim Übersetzer Steffen Beilich angekommen: "Am Anfang lagen fünf Kapitel bei mir vor. Es war noch nicht klar wie groß das Projekt werden würde oder wie lange es dauern würde", erinnert sich Beilich, der fleißig während der Präsentation ins Ohr von Pawel Chodorkowski übersetzte. Einmal sei das Buch schon fertig lektoriert gewesen, dann kamen noch plötzlich zwei Kapitel dazu. Diese mussten im Juli und August 2012 übersetzt werden. "Das hat die Veröffentlichung hinausgezogen", meint Steffen Beilich.

Aber besser spät als nie. Bei der Frage, wie der unglaubliche wirtschaftliche Erfolg seines Vaters zustande kam, weist Chodorkowski Junior auf das Buch hin und fügt unaufgeregt hinzu: 'Er war einfach als Manager und Verwalter sehr talentiert, hat Glück gehabt und die Fähigkeit besessen in der damaligen sich rasant verändernden wirtschaftlichen Lage immer in die richtige Richtung zu gehen".

Die andere Seite der Medaille Für Amnesty International ist der Werdegang nicht so offensichtlich. "Es gab eine heftige Diskussion, ob und wie stark man für den Fall des ehemaligen Yukos-Chefs engagieren muss", so Amnesty-Russlandexperte Peter Franck. "Wir gucken nur aufs Gerichtsverfahren. Wir haben nie gesagt, Chodorkowski ist ein Superheld, deswegen setzten wir uns für ihn ein", betont der Sprecher der Amnesty-Ländergruppe Russland.

"Russland ist für uns ein wichtiger Partner in vielerlei Hinsicht, mit dem wir ein vernünftiges Arbeitsverhältnis brauchen", reüssiert in der Mitte der Diskussion der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik Markus Löning, "aber das Bild, das die deutsche Gesellschaft von Russland hat, ist stark geprägt, von dem wie mit Michail Chodorkowski umgegangen wird".

Der Sohn des ehemaligen Oligarchen nickt und übernimmt das Wort bei einer weiteren Frage aus dem Publikum: "In der russischen Geschichte ist es sehr häufig vorgekommen, dass Menschen im Gefängnis geläutert wurden. Mein Vater hat durch die Zeit im Gefängnis eine ganz andere Einstellung zur Gesellschaft bekommen".

Wie es weiter geht, wenn Michail Chodorkowski höchstwahrscheinlich im Oktober 2014 die Haft verlässt, ist aber auch dem Sohn nicht hundertprozentig klar. Pawel Chodorkowski glaubt, dass sein Vater nicht in die Politik geht, sondern seinen Weg dort fortsetzt, wo er ihn vor seiner Haft aufgehört hat. „Er werde sich damit beschäftigen, Bausteine für eine neue demokratische Gesellschaft zu schaffen, damit in der Zukunft neue Führungspersönlichkeiten mit demokratischen Format heranwachsen können".

Das letzte Kapitel von "Mein Weg. Ein politisches Bekenntnis" heißt "Über Russlands Zukunft". Hier lohnt es sich das Buch zu lesen, um zu begreifen, was Michail Chodorkowski nach der Freilassung vor hat und wie er sich die nächsten Jahre in Russland vorstellt.