Kinder an der Macht

Im Buchverlag "Rosowy shiraf" reden die jungen Leser bei der Auswahl der Titel mit. Foto: RIA Novosti

Im Buchverlag "Rosowy shiraf" reden die jungen Leser bei der Auswahl der Titel mit. Foto: RIA Novosti

Im Kinderbuchverlag Rosowy shiraf (Rosa Giraffe) reden die jungen Leser bei der Auswahl der Titel und deren Gestaltung ein gutes Wörtchen mit. Interview mit der Verlegerin Julija Sagatschin.

Wie ist Ihr Kinderbuchverlag Rosowy shiraf entstanden?

Angefangen hat alles damit, dass unsere Kinder nichts zu lesen hatten. Heute würde ich einen solchen Verlag nicht mehr gründen, weil es inzwischen sehr viele gute Verlage gibt, die Kinderliteratur in ansprechender Qualität herausgeben. Vor fünf Jahren hingegen gab es solche Verlage noch nicht. Samokat war der einzige.

Wie funktioniert Ihr Verlag, in dem die Kinder auch selbst als Experten agieren?

Für einen Verleger gibt es viele verschiedene Quellen, aus denen er neue Bücher bezieht. Sehr oft lesen wir Erwachsenen die Bücher, treffen eine Vorauswahl und geben das Buch, das uns gefällt, den Kindern zum Lesen. Aber oftmals bekommen wir die Informationen von den Kindern selbst. Das läuft dann so, dass ein Kind ein Buch gelesen hat und sagt: „Mama, weißt du, was das für ein klasse Buch ist, guck mal!"

Sie meinen jetzt vor allem Bücher, die aus anderen Sprachen übersetzt werden?

Ja, ich meine Übersetzungen, die entweder gerade erst erschienen sind, oder alte Klassiker. Ebenso verfahren wir bei der Auswahl von Manuskripten, die uns von Autoren zur Prüfung eingesandt werden. Einer unserer Redakteure sichtet die Materialien, gibt sie Kindern zum Lesen oder liest sie zunächst selbst und entscheidet dann, an welches Kind er sie weitergibt.

Wie sieht der Kontakt zu russischen Kinderbuchautoren aus?

Der Anteil russischer Autoren ist bei uns sehr gering. Wir würden gerne mehr verlegen. Aber leider bekommen wir nur selten Manuskripte, die uns wirklich interessieren. Ich denke, dass nicht mal 0,5 Prozent der eingereichten Manuskripte dem entsprechen, was für uns überhaupt in Frage käme.

Wenn es dann aber einmal grünes Licht für das Buch eines russischen Autors gibt, worum geht es darin dann thematisch? Um etwas, worüber ausländische Autoren nicht schreiben?

Dina Sabitowa mögen wir zum Beispiel sehr. Dina ist die einzige Autorin, bei der wir Bücher in Auftrag geben. Wir haben einen Vertrag mit ihr, so wie das im Westen gängige Praxis ist. Sie hat uns ein Angebot unterbreitet und wir haben zugestimmt. Dass wir einem Autor die Abnahme seines Buches garantieren, ohne es vorher gelesen zu haben, ist in unserem Verlag bisher einmalig.

Haben Sie den Wunsch, russische Autoren zu unterstützen und auf die Kinderbuchlandschaft in Russland irgendwie Einfluss zu nehmen?

Wir haben das mit einigen Testprogrammen versucht, aber leider hat sich dadurch an der Qualität nichts geändert. Das bringt überhaupt nichts.

Welche Probleme beziehungsweise Besonderheiten gibt es in der Kinderbuchbranche in Russland generell?

Das erste Problem sind die völlig überzogenen staatlichen Vorgaben für die Veröffentlichung von Kinderbüchern. Für jedes Kinderbuch, das wir verkaufen wollen, benötigen wir ein Konformitätszertifikat. Die geltenden Standards sind noch vollkommen sowjetisch geprägt und es ist die große Frage, inwiefern sie der Realität entsprechen.

Außerdem gibt es allgemein Probleme mit der neuen Alterskennzeichnung, das gilt auch für die auf Erwachsenenliteratur spezialisierten Verlage. Diese Kennzeichnung ist einfach nicht durchdacht. Nach dem neuen Gesetz wird praktisch jedes Buch unter Verschluss genommen und mit 18+ gekennzeichnet, sobald auch nur eine erotisch angehauchte Szene darin vorkommt.

Im Prinzip läuft das auf die Gleichsetzung dieser Bücher mit einem pornografischen Produkt hinaus. Aber mit Verlaub: Was machen wir dann mit „Schuld und Sühne"? Da geht es um Mord. Ich denke, die Eltern sollten selbst entscheiden, ob ihre Kinder ein bestimmtes Buch lesen dürfen oder nicht. Diese Frage darf nicht vom Staat entschieden werden.

Kommen wir zu Ihrem Verlag zurück. Welche Bedeutung hat für einen Verleger die eigene Webseite?

Die Seite bedeutet einfach alles für uns! Wir machen auch Vieles über die Seite, was auf dem ersten Blick nicht unbedingt direkt mit dem Verlag zu tun hat.

Warum gibt es auf Ihrer Seite so viele Blogs? Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Der Auslöser war, dass wir als Eltern im Internet auf der Suche nach geeigneten Seiten für unsere eigenen Kinder waren. Es gibt verschiedene Informationsblogs für Erwachsene, eine große Anzahl sogar. Aber gute Inhalte für Kinder gibt es nicht. Deshalb haben wir uns entschlossen, selbst solche Blogs einzurichten, damit unsere Kinder im Internet etwas zu lesen haben.

Der Lehrer Ilja Kolmanowski, auf Ihrer Webseite verantwortlich für die Rubrik „Karmanny utschony" (deutsch etwa: „Wissenschaft im Taschenformat"), hat in einer Fernsehsendung gesagt, dass das Internet für ein Kind zur Gefahr werden kann, wenn es damit allein gelassen wird. Das Internet könne aber dann etwas Positives sein, wenn Eltern ihrem Kind damit etwas schnell und anschaulich erklären und mit Beispielen belegen könnten.

Mit dieser Rubrik hat es Folgendes auf sich: Mein ältester Sohn stellte mir immerzu alle möglichen Fragen, die ich manchmal nicht beantworten konnte. Mein Mann konnte auch nicht helfen, weil er die ganze Zeit auf Arbeit war. Das Kind will die Antwort und ein klärendes Gespräch aber jetzt sofort! Ich begann, in diesen Fällen Ilja Kolmanowski anzurufen und er lieferte uns die Antworten. Wissensdurstig und neugierig wie er ist, sagte Ilja immer: „Okay, ich krieg' das raus." Ilja und mir wurde klar, dass Kinder wie unser Max, die wissbegierig nach Antworten auf ihre vielen Fragen suchen, ganz und gar keine Ausnahme sind. Eine seiner letzten Fragen war zum Beispiel, warum syrniki (deutsch: Quarkkeulchen, wörtlich eigentlich „Käsekeulchen" vom russischen Wort „syr" für „Käse") eigentlich syrniki heißen, obwohl sie doch aus Quark gemacht werden?

Sind Sie auch auf internationalen Messen wie der Messe für intellektuelle Literatur Non/Fiction vertreten?

Wir sind auf der Non/Fiction sehr aktiv, wie auf allen anderen großen Messen auch. Meist ist auch unsere gesamte Leitung vor Ort. Der direkte Kontakt mit den Lesern ist etwas sehr Spannendes und für den Verleger immer von Nutzen.

 

Dieser Text erschien zuerst im Dossier: Buch.Form. Inhalt des Goethe-Instituts.