Beginn der 63. Berlinale

Heute beginnt  die 63. Berlinale. Foto: AP

Heute beginnt die 63. Berlinale. Foto: AP

Mit über 400 Filmen ist das internationale Filmfestival in Berlin für zehn Tage der Treffpunkt für Kinofans aus der ganzen Welt. Nach der Eröffnung heute, entführt uns morgen der russische Wettbewerbsbeitrag in die Abgründe der menschlichen Seele.

Heute am Donnerstag werden die 63. Internationalen Filmfestspiele in Berlin eröffnet. Dieses Festival, kurz „Berlinale" genannt, gilt neben Cannes als das größte kulturelle Ereignis der Film-Industrie. Vor knapp 40 Jahren

wurde es vom Sommer in den eisigen Berliner Winter vorverlegt, um Cannes im Mai zu übertrumpfen. Inzwischen gibt es neben dem Wettbewerb mindestens 16 weitere, recht unterschiedliche Sektionen wie etwa „Panorama", „Forum des Jungen Films", „Perspektive Deutsches Kino" „Retrospektive", „Generation" für Kinder und Jugendliche oder etwa auch das „Culinary Cinema", eine Sparte, die besonders von Zahn- und anderen Ärzten bevorzugt wird weil man dort schon lange im Voraus für 85,- Euro Food-Filme mit anschließendem Menü kaufen kann.

Ansonsten gilt die „Berlinale" aber nach wie vor als ein stark politisch orientiertes Festival, das sich seit jeher für Filme aus den osteuropäischen Nachbarländern interessiert hat. „Quer durch alle Genres" sagt Festivaldirektor Dieter Kosslick, „ist die gesellschaftliche Realität der Dreh-und Angelpunkt des Berlinale-Wettbewerbs. Der Einzelne muss sich im Kampf gegen gnadenlose Systeme behaupten." Gute Beispiele für solcherart engagierte Filme sind "Dolgaya Schastlivaya Zhizn"  ("A Long and Happy Life2) (Sa. 9.2.), den Boris Chlebnikow mit Alexandr Jatsenko (als „Sascha" Sergeevich) für die Russische Föderation drehte und "Promised Land"  (Fr. 8.2.) aus den USA von Gus Van Sant mit Matt Damon.

In beiden Fällen geht es um Landnahme durch profitgierige Kapitalisten, die zwar in einstmals unterschiedlichen politischen Systemen agieren, die aber heute vergleichbar skrupellos handeln, ohne sich um die Lebens-Bedingungen der einfachen Leute zu scheren. Nur langsam beginnen immer mehr Menschen sich gegen die Privatisierung, zum Beispiel von Wasser oder Bodenschätzen zu wehren: Im russischen Film, der auf der Halbinsel Kola spielt, geht es um die Ländereien einer ehemaligen Kolchose. Korrupte und nicht gerade zimperlich vorgehende Provinzbeamte wollen den alten Pächter „Sascha" zwingen seine „Farm" aufzugeben. Diese Geschichte aus der russischen Provinz wird von Chlebnikov als „existenzielles Menschheitsdrama" inszeniert.

Auch in „Promised Land" wird die Ausweglosigkeit durch ein wachsendes Protest-Bewusstsein konterkariert: Steve Butler, gespielt von Matt Damon, der auch am Drehbuch mitarbeitete, wird in einem New Yorker Konzern eine Superkarriere in Aussicht gestellt, wenn er eine amerikanische Kleinstadt dazu bringt, die Förderechte für Erdgas, das unter ihrem Farmland liegt, an eine große Energiefirma zu verkaufen. Dabei soll die riskante Förder-Methode des „Fracking" genutzt werden, bei der man gefährliche Chemikalien in den Boden presst. Also ein amerikanischer Politthriller zum Thema Land-Klau vergleichbar mit dem Kolchosen-Drama.

Um das Aufbegehren einfacher Menschen geht es auch in Svetlana Baskovas dokumentarisch anmutenden Film "Za Marksa" (Für Marx) im „Forum" (Fr. 8.2.), in dem Arbeiter eines Stahlwerkes eine unabhängige Gewerkschaft gründen wollen, um sich gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen, Entlassungen und verdorbenes Kantinenessen zur Wehr zu setzen. Auf der einen Seite ein dummdreister Fabrikbesitzer, der sich zu Repräsentationszwecken immer mehr Kunstwerke in sein Büro hängt und dafür die Löhne der Arbeiter kürzt, die sich im Gegensatz zu ihrem Boss als erstaunlich klug erweisen: Sie diskutieren im Arbeiter-Filmclub ästhetische Konzepte am Beispiel von Brecht und Hollywood und vor ihren Spinten die Thesen des marxistischen Historikers Pokrowskij, der die Geschichte Russlands als eine der Klassenkämpfe erzählt. Nur leider nützt ihnen ihre gute Bildung nichts gegen die Macht des Oligarchen. In Baskovas Film sind die Helden leider nicht die Sieger.

Auch "Marussia" von Eva Pervolovici, in der Sektion „Generation", ist keine Geschichte von Siegern. Eine attraktive Russin ist mit ihrer kleinen Tochter Marussia (Mein Russland) in Paris mit Rollkoffern unterwegs. Sie gibt sich als Model auf Durchreise aus, weiß aber in Wirklichkeit nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen kann nachdem ihre russische Bekannte sie auf die Straße gesetzt hat. Mutter wie Tochter sind wunderschön anzusehen, aber die Sorge um ihre Zukunft bleibt, da sie als Emigranten nicht mehr wissen wohin sie in Wirklichkeit gehören.

Die Gewinner der goldenen und silbernen Bären aus 19 Wettbewerbsfilmen herauszusuchen, bleibt Aufgabe der internationalen Jury, die dieses Jahr wieder prominent besetzt ist: Unter dem Präsidium des Kult-Regisseurs Wong Kar-Wai haben der deutsche Filmemacher Andreas Dresen, seine dänische Kollegin und Oskar-Preisträgerin Susanne Bier, Hollywoodstar Tim Robbins und drei weitere Regisseurinnen eine relativ leichte Entscheidung zu treffen. Die wirkliche Qual der Wahl haben die Cineasten und Kinofans: Welche der 405 Filme aus 70 Ländern (noch einmal 12 mehr als in 2012) sollen sie sich auserwählen für die 11 Ausnahmetage? Im European Film Market gibt es nochmal 790 zusätzliche Titel für das Fachpublikum. So kommt die 63. Berlinale rein theoretisch auf 1194 Werke. Das macht 108 Filme pro Tag.

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