Bilder der Zukunft

Am 8. Februar 2013 fand in den Ausstellungshallen des Staatlichen Zentrums für zeitgenössische Kunst in Moskau die Präsentation eines ungewöhnlichen und wichtigen Kulturprojektes im Rahmen des Deutschlandjahres in Russland statt.

Auf Initiative des Goethe-Instituts und des unmittelbaren Ideengebers des Projektes Wolf Iro stellten dessen beiden Kuratorinnen aus Deutschland und Russland Esther Ruelfs (Hamburg) und Jekaterina Lasarewa (Moskau) deutschen und russischen Fotokünstlern eine ungewöhnliche Aufgabe. Die Künstler sollten Ideen entwickeln, die Zukunft zu fotografieren – ein technisch schwieriges Vorhaben. Pinsel und Farben können dem Künstler helfen, auf einer Leinwand seine Zukunftsfantasien grenzenlos und leidenschaftlich auszudrücken. Gestalter von Werbespots vermögen potenzielle „Glücksszenarien" darzustellen, die zeigen, wie der Konsument und seine Umwelt sich durch ein bestimmtes Produkt verändern.

Was aber bleibt einem Künstler zu tun, dessen Medium nach Betätigung des Auslösers die Gegenwart automatisch in Vergangenheit verwandelt? Für ihn stellt sich das Einfangen von etwas Zukünftigem als eine fast unlösbare Aufgabe dar.

 

In der Gegenwart liegt die Zukunft

Die Zukunft entsteht heute; allein von uns hängt ab, wie sie aussehen wird. Diese einfache, aber unumgängliche Wahrheit galt es nun künstlerisch zu erfassen. Die Kunst der Gegenwart, die sich ihrer Verantwortung um die Zukunft bewusst wird, versucht hier und jetzt, auf die sich abzeichnenden ökologischen Probleme hinzuweisen. Zugleich will sie die moralische Überforderung des Individuums aufgrund der Vielfältigkeit von Meinungen reflektieren und ein Licht auf die Auswirkungen politischen Handelns und gesellschaftlicher Bewegungen werfen.

Im Frühjahr 2012 waren die Teilnehmer des Projektes zu einem zweitägigen Seminar in Moskau zusammengekommen. Danach erhielt die abstrakt entworfene „Zukunft" in der Umsetzungsphase des Projektes konkrete Konturen. Es entstanden neue künstlerische Arbeiten, die nun im Rahmen der Ausstellung „ФОТОГРАФИЯ БУДУЩЕГО / DIE ZUKUNFT FOTOGRAFIEREN" gezeigt werden. Die Ausstellung wird nach ihrem Start in Moskau noch in einige andere russische Städte reisen und schließlich auch in Deutschland zu sehen sein. Sie demonstriert die Vielfalt der Zugänge zum Thema „Zukunft", außerdem ein breites Spektrum fotokünstlerischer Möglichkeiten von der Dokumentation über das gestellte Foto bis hin zur digitalen Fotosimulation.

Das zentrale Motiv ist der Mensch in seinem Umfeld. Mit vorwiegend dokumentarischen Methoden umkreisen einige Künstler die Themen der nachfolgenden Generationen und deuten den Mythos des „neuen Menschen" auf ihre eigene Weise.

 

Vielseitige Perspektiven der „Zukunft"

In der Fotoserie „Aufklärung" dokumentiert Eva Leitolf Spuren des Persönlichen in der entmenschlichten Welt deutscher Heime für minderjährige illegale Einwanderer. In ihren Bildern sind die Helden der Zukunft unsichtbar, aber auf einprägsame Weise präsent. Mit Bleistift an das Kopfende eines Bettes gezeichnete Frauenbrüste und das aus Kinderhand auf eine Wand geschriebene Wort „Liebe" verkörpern die jeweils eigenen Vorstellungen von Glück, das heißt von jener glücklichen Zukunft, die im großen, schönen und freien Europa auf sie wartet. In dem das, was früher unmöglich war, schon bald möglich sein wird.

In den Bildern von Jens Sundheim (Serie „Domänen der Wissenschaft"), die von den Kaderschmieden für die Wissenschaft handeln, fehlt der Mensch als Objekt. Zu sehen sind nur strenge architektonische Formen, Mikroskope und Rohrsysteme, die die Frage aufwerfen, welche Rolle der Mensch beim technischen Fortschritt spielt.

Auf den Fotos von Olga Tschernyschowa („Termingeschäfte") und Anton Kuryschew scheinen unsere Zeitgenossen dagegen auf der Schwelle zur Zukunft stehengeblieben zu sein. Zu schwer lasten Gegenwart und Vergangenheit auf ihnen; möglicherweise hat auch die Zukunft sie im Griff, aber sie gehört ihnen nicht. Die wirklichen Menschen bei Olga Tschernyschewa bilden gleichsam eine Gegenwelt zu den Glück versprechenden Entwürfen der Werbung.

Mit der Ästhetik der Werbung spielt auch Sofia Gawrilowa. Sie ergänzt die Fotografie um Malerei und untergräbt den utopischen Anspruch der sowjetischen Bauprojekte, die von der Moskauer Regierung unter dem Etikett „Neues Moskau" geplant waren. Wenn die Machthabenden dem Künstler seine Funktion als Visionär und Bauherr der Zukunft nimmt, wird der Künstler zum Kritiker.

Einen eigenwilligen Kommentar zum Flug und zur Landung konstruktivistischer Utopie stellt die Fotoserie von Wladislaw Jefimow „Unter den Füßen und über dem Kopf" dar. Sie fokussiert das Moment der Gegenwart, der physischen Anwesenheit in Zeit und Raum. Hier lohnt sich ein aufmerksamer Blick: Unter den Füßen wird man das Gleiche finden wie über dem Kopf. Und in der Gegenwart lässt sich immer auch die Zukunft erkennen.

Jelena Matwejewa, Art Director einer Zeitschrift, hat sich die Ausstellung angesehen. „Meiner Meinung nach haben die Arbeiten der deutschen Teilnehmer mehr Tiefe, sie sind lebensbejahender, zeigen allgemeine und globale Richtungen der Transformation von der Gegenwart in die Zukunft auf. Vielleicht ist die Perspektive der russischen Künstler subjektiver, von persönlichen Erlebnissen, zum Beispiel der Finanzkrise, stärker geprägt. Vielleicht sind ihre Arbeiten daher ein bisschen düster. Die Zukunft aber gehört uns gemeinsam, wir können sie nicht teilen. Wir müssen sie gestalten!"

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