Wie klingt Russland?

Im Rahmen des Russlandjahres in Deutschland 2012/13 präsentiert das Konzerthaus Berlin vom 14. bis zum 24. Februar ein Festival zur russischen Musiktradition. Russland HEUTE sprach mit dem Intendanten des Konzerthauses Sebastian Nordmann über musikalische Strömungen, die Gestaltung des Festivalprogramms und den Klang von Russland.

Der Intendant des Konzerthauses Berlin

Sebastian Nordmann. Foto: Katja Renner

Russland HEUTE: Herr Nordmann, jedes Jahr hat das Konzerthaus Berlin einen besonderen Schwerpunkt. 2012 war es Ungarn, jetzt ist es Russland. Wie ist die Idee des Festivals „Wie klingt Russland?" entstanden?

Sebastian Nordmann: Das Konzerthaus Berlin ist in der DDR gegründet worden und hat von daher eine große Schostakowitsch- und überhaupt russische Musiktradition, auch durch den ehemaligen Chefdirigenten Kurt Sanderling. Ich kam 2008 ans Konzerthaus und wollte die russische Musiktradition unbedingt am Hause behalten.

Ich selbst bin schon als A capella-Sänger durch Russland gereist. Im Altaigebirge am Baikalsee, bei Irkutsk, wird immer noch eine unglaubliche Musiktradition und Folklore ausgeübt. In jeder kleinen Stadt, in jeder kleinen Kirche wird gesungen. So kam die Idee, ein russisches Festival in einer Stadt wie Berlin – einer multinationalen Musikmetropole mit vielen verschiedenen Stilen und Ländertraditionen – zu veranstalten.

Elf Tage läuft das Festival in Berlin unter der Schirmherrschaft von Klaus Wowereit. Sinfoniekonzerte, Kammermusik, Ballett und vieles mehr können die Zuschauer erleben. Was liegt Ihnen beim Programm besonders am Herzen?

Das ist eine schwierige Frage für einen Intendanten. Das Schöne ist, dass es so viel Unterschiedliches gibt. Der Anfang des Festivals ist sehr anspruchsvoll, dunkel und typisch russisch mit Schostakowitsch und Rimski-Korsakov unter der Leitung des russischen Dirigenten Dmitrij Kitajenko, der schon lange im Konzerthaus tätig ist. Dem gegenüber stellt der Dirigent Ivan Fischer am Ende des Festivals ein bekanntes russisches Programm mit dem zweiten Klavierkonzert des berühmten Rachmaninow.

In der Mitte des Festivals bieten wir besondere Veranstaltungen, zum Beispiel ein Kinderprogramm und Lesungen. Wir werden auch den 1924 gedrehten russischen Stummfilm „Aelita" zeigen, einen der ersten Science-Fiction-Filme. Im Konzerthaus wird er mit zeitgenössischer Musik unterspielt. Das ist ein ganz besonderer Leckerbissen, denn diesen Film kennt fast niemand.

Das Programm beinhaltet also nicht nur traditionelle, weltbekannte russische Musik, sondern auch originelle Strömungen. Was muss man auf jeden Fall beim Festival besuchen?

Worauf ich mich sehr freue, ist ein Programm, zusammengestellt vom Staatsballett Berlin und seinem Intendanten und künstlerischem Leiter Vladimir Malakhov. Er lässt das berühmte „Ballets Russes", diese spektakulären Choreographien, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris aufgeführt wurden, wieder aufleben. Dazu wird das ganze Konzerthaus neu gestaltet: Der große Saal wird russisch geschmückt, im Foyer wird es eine russische Teestube mit Samowar geben, das alte russische Instrument Dombra wird gespielt und alles wird auf kyrillischer Schrift zu lesen sein. Es lohnt sich auf jeden Fall vorbeizukommen.

Was für ein Publikum erwarten Sie?

Ich denke, dass es sehr voll sein wird, und hoffe, dass wir einen bunten Zuschauermix haben werden. Zum einen kommt unser Stammpublikum; wir haben 12 000 Abonnenten im Haus. Ich will auch neue Zuschauer gewinnen, zum Beispiel russische Bürger, die in Berlin leben und sagen: „Das ist unsere Musiktradition, da gehen wir hin". Ich möchte, dass auch Engländer, Türken, Franzosen und alle anderen Nationalitäten kommen.

Was Berlin so besonders macht, ist ihr internationales Flair. Das sieht man auch zurzeit bei der Berlinale: Da kommen Touristen, Gäste und Stars natürlich von außerhalb, aber auch ganz normale Berliner besuchen das Festival. So bunt erhoffe ich mir auch unsere Zielgruppe.

Laut dem Titel des Festivals wird internationales Publikum den Klang von Russland hören. Wie klingt Russland für Sie?

Das Ur-Russische ist für mich dieser tiefe, erdige, dunkle Klang, den man bei Tschaikowski und Rachmaninow hört. Da ist alles mit drin: dieses Gefühl von Mütterchen Russland, die tiefe Verwurzelung des Glaubens und Naturelement. Ich kann nicht sagen, dass ich englische Musiktradition sofort heraushören würde, bei der französischen klappt es vielleicht schon eher, aber die russische hört man sofort. Das ist etwas Besonderes und das muss man auf jeden Fall erleben.