Wagner im Schnelldurchlauf

Die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag Richard Wagners beginnen in Russland mit einem künstlerischen Paukenschlag: Das renommierte Moskauer Musiktheater Gelikon-Opera bringt alle dreizehn Wagner Opern in einer einzigen zweistündigen Inszenierung zur Aufführung. Dmitri Bertman, Gelikon-Intendant und Regisseur des Stückes erklärt die Hintergründe.

Es ist unbestritten, dass selbst im Jubiläumsjahr Richard Wagners, seine Opern eine Rarität auf Russlands Bühnen bleiben. Worin sehen Sie die Ursache für dieses Phänomen?

Richard Wagner hat epische Dramen mit philosophischem Tiefgang geschaffen. Sie sind gedacht für die Wahrnehmung des deutschen Zuschauers, der in der Lage ist, auf das genetische Gedächtnis der eigenen Geschichte zurückzugreifen. Im Unterschied zu Verdi, Puccini oder Mozart, deren Melodien auf den Straßen gesungen wurden, sind die Wagner-Opern nie „volkstümlich“ geworden. Das mag daran liegen, dass die Leidenschaften, die Wagners Bühnengestalten umtreiben, keine Entsprechung in der Alltagslogik des Publikums finden. Denn die Wagner’schen Protagonisten gehören zur Götterwelt. Richard Wagner ist eine Instanz, an ihm kommt niemand vorbei. Wie könnte einem sein „Walkürenritt“ oder der „Einzug der Götter in Walhalla“ nicht gefallen? Das ist unglaublich schöne, tiefe, emotionsgeladene Musik. Allerdings sind auch Viele der Meinung, dass Wagners Opern zu lang sind! Für den modernen Menschen besitzt Zeit eine immense Bedeutung. Er fliegt mit dem Flugzeug, hat einen irrsinnig hektischen Lebensrhythmus und kann sich nicht erlauben, im Theater sechs Stunden lang eine Oper zu hören.

Und vor diesem Hintergrund haben Sie sich getraut, sämtliche Wagner-Opern in einer Inszenierung zusammenzufassen? Das sind doch Dutzende Stunden Musik?!


 Dmitri Bertman. Foto: Photoxpress

Ja, aber unser Stück dauert ohne Pause ganze zwei Stunden. Die Opern sind chronologisch montiert, es beginnt mit den frühen „Feen“ und endet mit dem „Parsifal“. Natürlich könnte sich jemand empören: Das geht doch nicht, Richard Wagner so zu verknappen! Aber ich bin schließlich nicht der Erste, der so etwas tut. In Bayreuth, wo Mitglieder des Wagner-Clans die Festspiele leiten, sind gekürzte Fassungen des „Rings der Nibelungen“, des „Fliegenden Holländers“ und des „Tannhäuser“ für Kinder aufgeführt worden. Derartige Inszenierungen finden nicht allein bei Kindern, sondern bei jedem Publikum Anklang.

Wir haben unser Stück www.nibelungopera.ru genannt. Man stelle sich vor, dass ein moderner Mensch, der Wagner nicht kennt, etwas über ihn in Erfahrung bringen möchte. Was tut er? Er geht ins Internet, googelt „Richard Wagner“, bekommt massenhaft Verweise und Audiodateien präsentiert, sodass er sich durch das gesamte Schaffen des Komponisten klicken kann. Wir haben uns entschieden, einen derartigen „Schnelldurchlauf“ durch alle 13 Opern Richard Wagners zu absolvieren. Die Handlung lässt sich auf folgenden Nenner bringen: Ein Flugzeug ist unterwegs, und zwischen den Mitgliedern seiner Besatzung spielen sich allerlei Geschichten ab. Passagiere gibt es in unserem Flieger nicht, es ist eben eine phantastisch-realistische Flugmaschine.

Und wohin fliegt das Flugzeug?

 Von Punkt A nach Punkt B, dann zu Punkt C und danach zurück zu A. Das Flugzeug ist ständig unterwegs, landet und startet erneut. Ein Flug hoch über der Welt. Die Leidenschaften, die in diesem geschlossenen Raum zwischen den Protagonisten toben, sind ebenfalls „abgehoben“, keine Alltagsbagatellen. Und unsere Stewardessen sind auch keine realen Flugbegleiterinnen.

Auch das Flugzeug in Ihrer Inszenierung sieht surreal orangefarben aus.

 Das Flugzeug ist echt, eine Tu-154, die uns die Fluggesellschaft UTair, ein Partner unseres Theaters, zur Verfügung gestellt hat. Als ich Generaldirektor Andrej Martirossow angerufen und ihm gesagt habe, ich hätte da eine Idee für ein Stück und bräuchte ein Flugzeug, war er perplex: Ein Flugzeug? Wieso ein Flugzeug? Darauf ich: Ja tatsächlich, wir brauchen ein Flugzeug für die Bühne, in der Mitte aufgeschnitten. Man hat uns dann angeboten, nach Surgut zu kommen, wo ausgemusterte Flugzeuge von UTair stehen. Dort konnten wir uns alles aussuchen, was wir brauchten: die Verkleidung für den Innenraum, Bullaugen, Sitze.

Wie mir gesagt wurde, ist das Flugzeug, aus dem die Teile stammen, 10 Millionen Kilometer geflogen, was einer Entfernung von Moskau bis zum Mars und zurück entspricht. Man hat uns auch noch Sauerstoffmasken, Sicherheitsgurte, Vorführgerätschaften und Bordbekleidung für die Besatzung mitgegeben, und die ganze Ladung haben wir mit Autos nach Moskau transportiert. Hier sind wir dann auf die Idee gekommen, aus den Teilen ein phantastisches Flugzeug in der Gelikon-Farbe Orange zusammenzubauen und damit durch Wagners Opern zu düsen. Die auf ein Gestell im Zuschauerraum montierten Landebahn-Markierungsleuchten hat uns der Moskauer Flughafen Wnukowo geschenkt.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Sujets der 13 Opern zu verbinden?

 Das Stück besteht aus einer Folge von Clips. Wobei anzumerken ist, dass in Wagner-Inszenierungen üblicherweise den Kostümen große Bedeutung beigemessen wird - lassen sich daran doch beispielsweise die verschiedenen Götter voneinander unterscheiden. Unsere Protagonisten tragen dagegen Uniformen. Sie leben ihr Leben, finden zueinander, gehen wieder auseinander. Das Publikum kann sich unmittelbar in die Handlung hineinversetzen, denn im Saal wie im Flugzeug gibt es blaue Sessel, die zudem noch mit Kopfstützen bestückt sind, um einen Flugeffekt entstehen zu lassen. Während der Ouvertüre werden sogar Fruchtbonbons an die Zuschauer verteilt.

 

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.

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