Der Befreier aus dem Osten

In der Völkerschlacht kämpften an die 180 000 Russen an Preußens Seite. Foto: Pressebild

In der Völkerschlacht kämpften an die 180 000 Russen an Preußens Seite. Foto: Pressebild

Die Völkerschlacht bei Leipzig brachte Napoleon die entscheidende Niederlage. Grundlage für den Sieg war, dass Preußen sich zuvor auf die Seite des Zarenreichs gestellt hatte.

Moskau. Lektion aus der Geschichte: Vor 200 Jahren schlossen Russland und Preußen den Militärbund von Kalisch. Nur mit Hilfe der Russen gelang der Sieg gegen den überlegenen Napoleon in den Befreiungskriegen.

Bangen und Hoffen erfüllten die Deutschen Anfang 1813. Das Land war besetzt, selbst in Preußens Hauptstadt Berlin hatte sich eine französische Garnison einquartiert. Doch der Besatzer hatte auf dem Russlandfeldzug eine unerwartete und vernichtende Niederlage erlitten. Zwar waren in der Grande Armée auch viele zwangsrekrutierte Deutsche gefallen. Trotzdem weckte der Sieg der Russen auch in deutschen Landen neue Hoffnung auf die Freiheit: Napoleon hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüßt.

Und so wagte es General Ludwig Yorck von Wartenburg kurz vor dem Neujahr 1813 eigenmächtig, ohne Zustimmung des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, einen Waffenstillstand mit den Russen zu schließen und das preußische Korps aus dem Kampf zu nehmen. Yorck hatte die Lage richtig eingeschätzt: Als die Russen die deutsche Grenze passierten, schwappte ihnen eine Welle derBegeisterung entgegen.

Kosaken in Berlin

Der König reagierte, wenn auch zögerlich. Die Angst vor der Rache Napoleons war noch groß. Am 
28. Februar schloss er mit Zar Alexander den Vertrag von Kalisch. Damit schlug sich Preußen auf die Seite der Russen und sagte 80 000 Mann gegen Napoleon zu. Russland verpflichtete sich, 150 000 Mann aufzustellen. Ziel war es, die Unabhängigkeit der deutschen Länder wiederherzustellen.

Einige Tage zuvor hatten bereits die ersten Kosaken das französisch besetzte Berlin attackiert. Der mit ihnen reitende Freiherr Alexander von Blomberg fiel bei dem Versuch, das Königstor zu erobern. Er ging als erstes Opfer der Befreiungskriege in die Geschichte ein. Nur wenige Tage später, am 4. März 1813, vertrieben die Russen die Franzosen und wurden als Befreier umjubelt.

 Zar Alexander I. Foto: RIA Novosti

Auch in anderen deutschen Städten wurden sie freudig empfangen. Der Bericht eines Augenzeugen aus Hamburg gibt die Stimmung wieder: „Von dem Jubel, der am 18. März in unserer Vaterstadt herrschte, will ich lieber gar nichts sagen, das haben andere euch längst besser erzählt. Zahllose Menschenmassen waren den Russen bis Hamm, bis Schiffbeck entgegengegangen, der ganze Weg war mit Frühlingsblumen bestreut, fortwährend ertönten Hurrarufe. Wer irgend sich eine Gipsbüste des russischen Kaisers Alexander hatte verschaffen können, der hatte sie bekränzt und vors Fenster gestellt. Bis drei Uhr mittags musste das ungeduldige Volk warten, dann erst erschien Tettenborn, umgeben von seinen glänzenden Offizieren und gefolgt von einem langen Zuge bärtiger Kosaken, die fortwährend nach allen Seiten hin grüßten und überall mit Hurrageschrei empfangen wurden."

Doch so leicht gab sich Napoleon nicht geschlagen. Der Korse stellte ein Heer über 200 000 Mann auf und errang damit weitere Siege in Deutschland. Auch Hamburg fiel zeitweise wieder in seine Hand. Erst als die Allianz um Großbritannien, Schweden und Österreich angewachsen war, gelang es, 
Napoleon endgültig zu schlagen. Die Entscheidung fiel im Herbst 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig.


Kurz währende Zarenliebe

Die Euphorie der Liberalen für den Zaren ließ indes bald nach. Neue Impulse und Ideen gingen von Moskau nicht aus. Die freiheitlichen Erwartungen, die sie mit Zar Alexander I. verknüpft hatten, erfüllten sich nicht. Er erwies sich als zunehmend reaktionär und sann vor allem darauf, den alten Zustand in Europa wiederherzustellen.

Für das offizielle Verhältnis zwischen Moskau und Berlin hingegen bedeutete der gemeinsame Sieg viel. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang demonstrierten beide Mächte ihre Eintracht. „Im Jahre 1813 hatte Rußland ohne Zweifel einen Anspruch auf preußische Dankbarkeit erworben", urteilte später der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck. Beide Seiten profitierten von der Liaison, speziellaber Preußen konnte 
mithilfe der Russen seinen Status deutlich ausbauen – und so schließlich auch die deutsche Einigung vollziehen.

Ende in den Schützengräben

In Mitteleuropa wurde Deutschland zum wichtigsten Akteur. Gleichzeitig stiegen Berlins Ansprüche ins Maßlose. Der Wunsch des jungen Kaisers Wilhelm II., sein Reich zu einer Weltmacht 
zu formen, sorgte für das endgültige Ende einer fruchtbaren Kooperation. Die Folgen waren verheerend: Im Ersten Weltkrieg standen sich beide Seiten in den Schützengräben gegenüber. Am Ende zählten Moskauund Berlin zu den großen Verlierern.

Heute, 200 Jahre nach dem Vertrag von Kalisch, setzen viele Politiker in Deutschland eher auf Konfrontation denn auf Kooperation mit Moskau. Kritik am Kreml mag berechtigt sein: Historisch gesehen hat Berlin aber stets gut ausgesehen, wenn es einen Partner im Osten hatte. Dies ist beleibe nicht auf das Militär beschränkt.

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