Russlands Theaterszene hat Hochsaison

Die „Goldene Maske" – zugleich Name des Theaterfestivals und der dabei vergebenen Preise – präsentiert die besten Inszenierungen aus ganz Russland. Foto: RIA Novosti

Die „Goldene Maske" – zugleich Name des Theaterfestivals und der dabei vergebenen Preise – präsentiert die besten Inszenierungen aus ganz Russland. Foto: RIA Novosti

In der ersten März-Woche begann in Moskau mit der Kategorie Schauspiel das Hauptprogramm des Festivals „Goldene Maske“, das tonangebend ist für die Theaterwelt Russlands.

Dieses Festival ist nicht einfach nur ein bemerkenswertes Ereignis, sondern vor allem eine nicht wegzudenkende Komponente der Theatersaison. In jedem Jahr bestimmt der Spielplan der Wettbewerbsbeiträge und der außerhalb des Wettbewerbs laufenden Begleitprogramme für mindestens drei Monate den hauptstädtischen Theaterkalender. Die „Goldene Maske" – zugleich Name des Festivals und der dabei vergebenen Preise – präsentiert die besten Inszenierungen aus ganz Russland. In den Begleitprogrammen sind darüber hinaus auch ausländische Aufführungen zu sehen – immerhin handelt es sich um die wichtigsten nationalen Theaterfestspiele. Die „Goldene Maske" gilt als „Oscar" der russischen Theaterauszeichnungen.

Den Auftakt der „Goldenen Maske" bilden ab Ende Februar die Ballett- und Musik-Inszenierungen außerhalb des Wettbewerbs. Im März beginnt dann mit der Sparte Schauspiel das Hauptprogramm. Es setzt sich aus zwei Teilen zusammen: dem eigentlichen Wettbewerb und der Kategorie „Das neue Stück" als Nachfolgerin des früher gesondert veranstalteten Festivals „Das neue Drama". Während um die „Goldene Maske" im gesamten zurückliegenden Jahr entstandene Inszenierungen nach klassischen und zeitgenössischen Vorlagen wetteifern dürfen, werden in der Kategorie „Das neue Stück" stets aktuelle Produktionen gezeigt, die häufig erst in den letzten Tagen vor Festivalbeginn auf die Bühne kommen und ausschließlich moderne Texte umsetzen.

„Das neue Stück"

In der Ausgabe 2013 umfasst dieses Programm zahlreiche Stücke, die dokumentarisches Material aufarbeiten. Ein Teil der Inszenierungen stammt von Regisseuren, die außerhalb der beiden Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, also in der sogenannten russischen Provinz, tätig sind.

Für die Produktion „Podrostok s prawogo berega" (wörtlich: „Der Halbwüchsige vom rechten Ufer") des Theaters Krasnojarsk verwendet Regisseur Roman Feodoridi Interviews, bei denen sein Team mit gestrauchelten Jugendlichen aus einem Problembezirk über ihr alltägliches Lebensumfeld gesprochen hat. In die gleiche Richtung geht die Inszenierung „Pesni naschej tjurmy" (wörtlich: „Lieder unseres Gefängnisses") des Moskauer Künstlerhauses Teatr.doc. Darin verarbeitet eine Gruppe von Regisseuren Material, das bei Besuchen in Strafvollzugseinrichtungen zusammengetragen wurde.

Die von Regisseur Andrej Spišak nach dem kontrovers diskutierten Stück Tadeusz Słobodzianeks gestaltete Inszenierung „Unsere Klasse" des Warschauer Teatr Na Woli greift die Ereignisse des Massakers von Jedwabne auf. Vor dem Einmarsch deutscher Truppen hatten die Polen im Juli 1941 einen Großteil der jüdischen Bevölkerung des kleinen Ortes auf dem Marktplatz zusammengetrieben, misshandelt und später in einer Scheune bei lebendigem Leibe verbrannt. In seiner ebenfalls zu den dokumentarischen Stücken zählenden Bühnenfassung stützt sich der Dramatiker auf historisches Material, das er selbst in Archiven ausfindig gemacht hat. Ihm geht es weniger um den Exzess an sich als vielmehr darum zu hinterfragen, wie die polnischen Bewohner von Jedwabne mit dieser Schuld leben.

Die Autoren der in der Sparte „Das neue Stück" nominierten Bühnenwerke suchen den Helden unserer Zeit. In dem vom Sankt Petersburger ON.Teatr aufgeführten Schauspiel „Kedy" (wörtlich: „Die Turnschuhe") von Ljubow Strischak ist der Protagonist ein Hipster, ein Vertreter jener apolitischen jungen Generation, die die Karrieristen der ersten Jahre nach der Jahrtausendwende abgelöst hat. Gezeigt wird ein Tag im Leben dieses musikbesessenen, ewig auf Partys abhängenden jungen Mannes mit dem Faible für modische Outfits. Die neuen Sneakers wird er am Ende nicht kaufen, dafür gerät er in den Strudel einer Geschichte, die sich im Frühjahr 2012 auf den Straßen Moskaus abspielt.

Der Wettbewerb „Goldene Maske"

In diesem Jahr vollzieht sich in der Theaterlandschaft Russlands ein Generationenwechsel. In den wichtigsten Kategorien sind Autoren und Regisseure vertreten, die noch vor drei, vier Jahren in der Sparte „Das Experiment" – reserviert für Theater der kleinen Form und Jugendtheater – zu finden waren. Hier sei etwa die Inszenierung „Dwoje w twojom dome" (wörtlich: „Die zwei in deinem Haus") erwähnt, mit der sich Michail Ugarow und Talgat Batalow aus dem Teatr.Doc in der Kategorie der kleinen Form um eine „Goldene Maske" bewerben. Das Stück schildert, wie der unter Hausarrest gestellte weißrussische Präsidentschaftskandidat Wladimir Nekljajew und seine Frau Olga pausenlos von zwei Mitarbeitern des Geheimdienstes bewacht werden und welches Spannungsfeld sich zwischen diesen Protagonisten aufbaut. In derselben Nominierung ist die Aufführung „Slaja dewuschka" (wörtlich: „Das böse Mädchen") des jungen Moskauer Regisseurs Dmitri Wolkostrelow nach dem Stück des Dramatikers Pawel Prjaschko aus Belarus zu sehen.

In die Geschichte blickt die grotesk-burleske Travestie „Gorki-10" zurück, mit der Dmitri Krymow den sowjetischen Revolutionskitsch auf die Schippe nimmt. In den als „szenografisches Theater" bezeichneten Arbeiten des Künstlers und Regisseurs stehen stets Dinge, Symbole und überhöhte Konstruktionen im Zentrum des Bühnengeschehens. Auch das nach einer Novelle von Tatjana Jegorowa gestaltete Stück „Okkupazija, miloje delo" (wörtlich etwa: „Okkupation, feine Sache") des „Theaters neben dem Stanislawski-Haus" vertieft sich in Vergangenem und berichtet vom Alltag und der Lebenswahrnehmung sowjetischer Militärs, die in der Westgruppe der Streitkräfte in Deutschland stationiert waren, und davon, wie sich die Beziehungen zu ihren deutschen Nachbarn gestalteten.

In der Sparte „Stück der großen Form" ist Konstantin Bogomolows „God, kogda ja ne rodilsja" (wörtlich: „Das Jahr, als ich nicht geboren wurde") vertreten. Es erzählt die Geschichte eines Kindes, das Mitte der 1970er-Jahre auf die Welt kam, mit dem Land hoffte und mit ihm zusammen die Hoffnung verlor. Bogomolows Konkurrenten sind zwei deutsche Regisseure, die in russischen Theatern arbeiten. Thomas Ostermeier von der Schaubühne Berlin inszenierte mit einem Großaufgebot an Stars wie Jewgenia Mironowa, Tschulpan Chamatowa oder Julia Peresild im Moskauer Theater der Nationen August Strindbergs „Fräulein Julie", während Matthias Langhoff im Jugendtheater Saratow „Ödipus Tyrann" auf die Bühne brachte.

„Das Experiment"

In dieser Kategorie sind die Beiträge besonders interessant. Das Teatr.Doc präsentiert hier seine Politfarce „BerlusPutin", eine immens pointierte, urkomische Adaption des Stückes „L' anomalo bicefalo" („Der abnormale Doppelhirnige") des italienischen Literaturnobelpreisträgers Dario Fo. Eine gekürzte Version in einem Protestlager der Opposition hatte Teatr.Doc im Mai vergangenen Jahres als Straßenaufführung gezeigt und wurde dafür ausgezeichnet.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dieser Produktion liefert sich ein echter Usbeke. Talgat Batalow inszenierte das gleichnamige Ein-Mann-Stück im Moskauer Teatr „Joseph Beuys", einem Ableger des Teatr.Doc, und schildert darin die Geschichte seiner Assimilierung in Russland. Weitere Wettbewerber in dieser Kategorie sind Filipp Grigorjan mit seiner opulenten visuell-dramatischen Performance „Polnolunije" (wörtlich: „Vollmond") sowie die als Gemeinschaftsvorhaben des Tanztheaters „Zech" und der holländischen Tanzcompagnie „Club Guy & Roni" auf der Bühne des Platforma Project Moskau realisierte „Istorija soldata" („Die Geschichte vom Soldaten"). Diese genreübergreifende Inszenierung vereint die Musik Igor Strawinskis in der Bearbeitung des Komponisten Alexej Syssojew mit dem Text Jekaterina Bondarenkos, die die Abenteuer des aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten in die heutige Zeit überträgt.

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