Rachmaninow: Der „letzte Romantiker“

Vor 140 Jahren wurde der geniale Komponist und Pianist Sergei Rachmaninow geboren. Der „letzte Romantiker“ machte die russische Musik populär und wurde von den Massen gefeiert. Wir sagen Ihnen, welche seiner Meisterwerke Sie kennen müssen.

Der Name Rachmaninow ist schon längst eine Marke. Seine Musik lässt niemanden kalt – weder die aus Anstrengung schwitzenden Schüler an den Musikschulen noch die nach Erfolg heischenden Konzertpianisten, die sich nach ihren routinemäßigen Darbietungen von Rachmaninows Hits die Hände reiben, sobald der Kontostand in die Höhe schießt. Und erst recht nicht die begeisterten Zuhörer, die bei den ersten Akkorden des Zweiten Klavierkonzerts vor Ehrfurcht erstarren.

Rachmaninow wurden zu Lebzeiten Erfolg als auch Ablehnung zuteil. Als Lenin bereits mit Hochdruck an den Grundfesten des imperialistischen Russlands rüttelte, lernte der kleine Sergei gerade erst, die Pedale des

alten, mit Kandelabern geschmückten Klaviers zu betätigen. In der ländlichen Stille des russischen Dorfes reifte seine poetische Natur allmählich heran. Im Dezember 1917 verließ er Russland für immer und floh unter dem Geläut der von den Bolschewiken gesprengten Glockentürme gen Westen. Auf Filmausschnitten von Wochenschauen sieht man ihn auf Deck eines Dampfers mit Kurs auf Amerika stehen, angespannt und finster dreinblickend. Mit einem Mal verzerrt sich sein Mund zu einem Grinsen wie bei einer Guy-Fawkes-Maske und wir ahnen, dass dieses Lächeln sein eigentliches Gemüt verrät: Dieser nervöse, glatzköpfige Mann ist in Wirklichkeit voller Freude und Vorahnung. Denn vor ihm liegt ein neues Leben in der Neuen Welt, das ihn berühmt und unglücklich zugleich machen sollte.

Rachmaninow hat der russischen Musik ihre Unschuld genommen, indem er sie mit seinen langen Fingern von den akademischen Fesseln befreite und sie bedenkenlos auf den Bedarf des Massenpublikums Anfang des 20. Jahrhunderts zuschnitt. Er wurde zum Messias des populären Genres: Er beschwor alle Macht des Klaviers und veränderte so für immer den Typus des Liebhabers klassischer Musik, genauso, wie es die Beatles mit den Fans der Popmusik taten. Er war der erste russische Komponist, der ein Vermögen anhäufte, noch dazu mit eigenen Aufnahmen.

Bis zum Schluss seines Lebens als Immigrant in den USA blieb er ein unverbesserlicher Romantiker. Dem Dröhnen seines jeweiligen Rennwagens lauschend, jagte Rachmaninow über die kalifornischen Highways und nahm die Hände nur vom Steuer, um sich die Tränen abzuwischen, die er um die heimatlichen russischen Birken vergoss. Die Trennung von der Heimat konnte er nie verschmerzen: die sorglosen Sommertage im Gut bei Moskau mit den Samowaren, den Jagdhunden und den sympathischen Erzieherinnen vom Stift für junge Adelsfräulein, mit denen er immer Tonleitern durchgespielt hatte.

Wollen Sie nun also wissen, wie echte, kompromisslose russische Musik klingt? Dann begrüßen Sie:

 

Die 5 Hits von Sergei Rachmaninow

 

Prélude in g-Moll

Der absolute Hit, der das Zeug hat, Sie zu einem Fanatiker der klassischen Musik werden zu lassen. Der Komponist selbst weigerte sich, es bei seinen Konzerten als Zugabe zu spielen, und war äußerst verstimmt, wenn er es aus irgendeiner kalifornischen Bar herausklingen hörte. „Alle werden denken, dass ich nur das geschrieben habe", zürnte der Meister vergebens.

 

Klavierkonzert Nr. 2

Genial und abstoßend zugleich. Es gibt auf der Welt keinen einzigen Berufspianisten, in dessen Repertoire diese „Mona Lisa der Musik" fehlen darf. Ein reichlich abgenutzter Klassiker, aber eine Schande, ihn nicht zu kennen.

 

Klavierkonzert Nr. 3

Fatality à la Mortal Combat, gespielt auf 88 Tasten. Eine Qual für jeden Pianisten, der den Flügel mit dieser niederschmetternden Musik malträtiert, wunderbar dargeboten im Film „Shine" von Scott Hicks. Anstatt „Rocky" zum x-ten Mal sollten Sie sich lieber diesen Film ansehen.

 

Elegisches Klaviertrio

Legen Sie sich ein Taschentuch zurecht oder besser ein Handtuch, wenn Sie diese herzzerreißende Totenmesse für Klavier, Violine und Violoncello zum Gedenken an Pjotr Tschaikowski, den Lehrer und Freund Rachmaninows, anhören. Das Trio zeichnet ein postumes Porträt des großen Komponisten – zum Weinen traurig und unglaublich schön.

 

Vocalise

 

Der Form nach eine Gesangsübung, dem Inhalt nach ein Schwanengesang auf die einzigartige (weibliche) Schönheit. Das Lieblingsstück nicht nur für Soprane, sondern auch für Geiger. Stellen Sie sich darauf ein, dass Ihnen bei einer gut interpretierten „Vocalise" ein Kloß im Hals stecken bleibt.

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