Was sich neckt, das liebt sich

Was ist das beste Mittel für eine gute deutsch-russische Völkerverständigung? Lösungen zeigt Alexandra Fröhlich überzeugend in ihrem Buch „Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen“.

Alexandra Fröhlich: Meine russische

Schwiegermutter und andere Katastrophen.

Droemer Knaur, München 2012,

Taschenbuch, 320 Seiten, 12,99€.

„Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen" von Alexandra Fröhlich, erschienen im Knaur Taschenbuch Verlag, ist nicht nur für deutsche Leser mit einem Interesse an der russischen Kultur zu empfehlen. Das Buch zeigt auch den russischsprachigen Lesern erhellende Facetten ihres Lebens, nämlich, wie sie aus deutscher Perspektive gesehen werden.

Schon seit langer Zeit leben Menschen aus ehemaligen Sowjetrepubliken in der vereinigten Bundesrepublik, jedoch weiß man oft nur ganz wenig über sie. Auch Paula Matthes hat nicht wirklich Kontakt zu den russischsprachigen Menschen. Ihre Vorstellung von Russen ist auf „ein Bild von lauten, ungehobelten Menschen" begrenzt, „ die Unmengen von Wodka konsumierten und ihre Gläser an die Wand schmeißen". Besonders knifflig ist es, zwischen einem Russlanddeutschen, einem Russen und einem Kontingentflüchtlingen zu unterscheiden, und zu verstehen, warum ein Mann aus Kasachstan (ein Kasache also?) problemlos aus dem Russischen übersetzen kann.

Eines Tages bekommt die Anwältin in ihrer Kanzlei jedoch Besuch von einem „komischen" russischen Paar, das scheinbar Probleme mit ihrem Vermieter hat. Obwohl das Paar schon länger in Deutschland lebt, sind Rostislav und Darya der deutschen Sprache nicht mächtig. So wird der Sohn Artjom zu Hilfe geholt. In dessen männliche Stimme, „versehen mit diesem Tembre, das insbesondere bei weiblichen Zuhörern durch die Ohren über den Unterleib abwärts schließt und die Kniescheiben zum Summen bringt", verliebt sich die Anwältin. Und so verändert sich das Leben von Paula. Es ist nicht eindeutig zu sagen, ob diese Veränderungen eher gut oder schlecht sind. Es wird auf jeden Fall nie mehr, wie es war. Und es wird nie langweilig.

Artjom und Paula verlieben sich ineinander und planen schon nach einigen Monaten ihre Hochzeit. Doch der Buchtitel verweist uns bereits vorab auf potenzielle Konflikte. Eine der zentralen Figuren ist Darya, Artjoms Mutter, die sich ständig in die Angelegenheiten des frisch verliebten Paares einmischt – zu viel nach Paulas Meinung. Sie holt sich Rat bei Lena, der neugewonnenen, russischen Freundin. Lena vertraut ihr das Geheimnis an, das alle Frauen in Russland kennen: Man heiratet nicht nur einen russischen Mann, sondern mit ihm auch seine ganze Familie. Somit bleibt Paulа nur, Kompromisse zu schließen und die Schwiegermutter durch kluge Taktiken für sich zu gewinnen.

Im Roman wimmelt es von Zusammenstößen zweier gegensätzlicher Welten, die jedoch einander brauchen und gut ergänzen. Dem deutschen Pragmatismus tut manchmal eine Prise russischer Gelassenheit gut, und es schadet nicht, die deutsche Zurückhaltung ein bisschen mit der russischen Emotionalität und Extravaganz einzufärben, beginnend mit Kleidung, Make-up und Dekor bis zu aus deutscher Sicht unbegreiflichen Handlungen. Die russische Spontaneität kommt in Konflikt mit der von den Deutschen so geschätzten Ordnung.

Dieser Wertekonflikt bringt Paula nicht nur einmal in Schwierigkeiten. Beispielsweise muss sie sich mit ihrem Vater auseinandersetzen, einem renommierten Anwalt, der zunächst nichts von dem „angeheirateten" Teil der Familie wissen will. Er schämt sich sogar für die neuen Verwandten. Doch gerade „die Katastrophen" oder, weniger pathetisch formuliert, die Probleme des alltäglichen Lebens bringen die zwei Kulturen einander näher. Erst, als der Großvater Artjoms eine kritische Situation meistert, beginnt auch das ansonsten Ausländern gegenüber so kühle Herz des Vaters von Paula aufzutauen.

Im Buch folgen viele lustige und absurde Gespräche und Ereignisse aufeinander, die Alexandra Fröhlich in einfachen und bildhaften Sätzen erzählt. Die Autorin stellt die Ereignisse so sachlich dar, dass der Leser sein Urteil immer selbst fällen muss. So wird der Unwille Artjoms, im Haushalt zu helfen, nicht allzu sehr kritisiert. Es werden vor allem die Taten beschrieben, die unweigerlich zum Lachen und Kopfschütteln führen: „Da stand er dann, die Gurke in der einen, das Küchenmesser in der anderen Hand und schaute mitleiderregend. Selbstredend schnitt er sich in den Finger, wehklagend brach er auf dem Sofa zusammen. Damit war dieses Experiment für ihn gescheitert und erledigt."

Die Figuren des Buches sind immer in Bewegung und stehen in einer gewissen Distanz zueinander, doch je mehr sie miteinander streiten, desto rührender werden die Verständigungserfolge. Oft wird die Handlung bis zum Kribbeln im Bauch überspitzt, dennoch wirkt das Geschehen nie zu realitätsfern. Die Besonderheiten der beiden Kulturen werden in gleichen Maßen authentisch beschrieben, sodass beim Lesen dieses Buches niemand beleidigt werden dürfte.

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