Im Land des Wodkas fließt guter Wein

Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts stand die UdSSR nach Angaben des Internationalen Büros für Wein weltweit auf Platz fünf, was ihre Weinanbauflächen, und auf Platz sieben, was die produzierte Weinmenge betrifft. Foto: Michail Mordasow

Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts stand die UdSSR nach Angaben des Internationalen Büros für Wein weltweit auf Platz fünf, was ihre Weinanbauflächen, und auf Platz sieben, was die produzierte Weinmenge betrifft. Foto: Michail Mordasow

Bislang steht russischer Wein nicht gerade für hohe Qualität. Schuld daran waren unter anderem Stalin und der Kommunismus. Doch es gibt Hoffnung, dass Russland bald zu einem renommierten Weinland wird.

„Russischer Wein" dürfte für die meisten Menschen, die nicht in den Ländern der ehemaligen UdSSR leben, befremdlich oder sogar absurd klingen. So ähnlich wie „Wodka aus der Champagne". Man hüte sich jedoch vor vorschnellen Vorurteilen. Einer der weltweit bekanntesten Wodkas, der den Namen Grey Goose trägt und auf keiner Getränkekarte in gehobenen Bars fehlt, kommt genau aus jener französischen Provinz, die es dank Champagner und Cognac zu weltweitem Ruhm gebracht hat. Warum sollte also „russischer Wein" nicht ebenso gute Chancen haben, internationales Ansehen zu erlangen? Umso mehr, als „russischer Wein" keinesfalls ein Mythos ist. Es gibt ihn tatsächlich.

 

Wein für das Proletariat

Wird in Russland Wein serviert, dann löst dies bei ausländischen Gästen wohl Enttäuschung oder im besten Fall Befremden aus. Das liegt daran, dass 80 Prozent der heute in Russland gehandelten Weine halbtrocken

sind. Trockene Weine wissen viele Russen und selbst einige Prominente nicht zu schätzen, für sie schmecken sie sauer. Das Problem ist dabei nicht ihr angeborener schlechter Geschmack. Es lebt hier vielmehr eine historische Tradition fort, die auch über 20 Jahre nach dem Fall des Kommunismus nicht ernsthaft ins Wanken geraten ist. Bei manch einem mag das ein ungläubiges Lächeln hervorrufen, aber schuld an dieser Lage ist niemand anderer als Stalin.

Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts stand die UdSSR nach Angaben des Internationalen Büros für Wein weltweit auf Platz fünf, was ihre Weinanbauflächen, und auf Platz sieben, was die produzierte Weinmenge betrifft. Die noch junge Kultur des Weinbaus war in den 30er-Jahren von der höchsten politischen Führung des Landes enthusiastisch gefördert worden. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Der sowjetische Diktator Josef Stalin war George und der damalige Minister für die Lebensmittelindustrie Anastas Mikojan Armenier. Die beiden Politiker gehörten also Nationalitäten an, in denen der Weingenuss als historischer Kult bezeichnet werden kann. Neuere archäologische Grabungen belegen, dass die Kultur des Weinanbaus in Georgien und Armenien ältere Wurzeln hat, als die Weinkultur im antiken Griechenland.

Während der Ära der Industrialisierung entwickelte man in der UdSSR ein Lebensmittelprogramm, das die Versorgung der breiten Masse mit Ernährungsgütern sicherstellen sollte. Dazu zählte auch Wein, der vor der Revolution von 1917 ein Getränk der Aristokratie war. Das Problem bestand nun darin, dass die für Qualitätswein geeigneten Anbauflächen in der UdSSR begrenzt, das Territorium und die Bevölkerung des Landes hingegen enorm waren. Außerdem mussten die Selbstkosten des Weins gesenkt werden, denn der sollte nach dem Plan der sowjetischen Führer für jeden Bürger erschwinglich sein.

Zur Lösung dieser Probleme wurden Wissenschaftler herangezogen, die ihre Arbeit insgesamt gut machten: Sie züchteten frostresistente und zugleich ertragreiche Weintrauben. Das Ergebnis allerdings wurde hohen Qualitätsmaßstäben nicht gerecht, denn der aus solchen Trauben gewonnene Wein war wegen seines hohen Säuregehalts und mangels aromatischer Eigenschaften kaum genießbar. Man überdeckte dieses Defizit mit Zucker und häufig auch Ethanol. Dieses Verfahren ist bis heute weit verbreitet.

 

Neuere, halbtrockene Geschichte

Nach Angaben des Verbands der Weinbauern und Winzer sind 80 Prozent aller auf dem russischen Markt vertretenen Weine den Kategorien halbtrocken und lieblich zuzuordnen. In dem unteren Preissegment, das den größten Teil des Weinmarktes ausmacht, bilden diese Weine über 90 Prozent des gesamten Angebots.

Ein Blick auf die Liste der größten russischen Weinhersteller wird selbst eingefleischte Optimisten zur Verzweiflung bringen. Sieben von zehn russischen Marktführern stellen billigste Weine her und füllen sie in Tetra-Pak-Verpackungen ab. Der Literpreis beträgt bei solchen Weinen nicht mehr als 2,30 Euro. Vor einem Monat entzog die russische Behörde zur Regelung des Alkoholmarktes Rossalkogol drei der fünf größten Kellereien in der Region Krasnodar die Lizenz. Laboruntersuchungen ihrer Produkte hatten ergeben, dass man sie nur mit Mühe und Not als Weine bezeichnen kann. Sie erfüllten nicht die russischen Standards und noch weniger die internationalen Normen.

Die Erzeuger russischer Qualitätsweine kämpfen schon seit Langem um die Einführung eines Mindestpreises für Weine im russischen Handel. Sie fordern ein Niveau von mindestens drei Euro pro Flasche, um überhaupt eine Chance gegen die Konkurrenz des Niedrigpreissegmentes zu haben. „Wozu den Arbeitsplatz eines schlechten Winzers erhalten?", fragt die Vorstandsvorsitzende der Winzerei „Chateau de Grande Vostok" Jelena Denisowa. „Es wäre doch sinnvoller, die Beschäftigung bei den guten Weinbauern im Süden Russlands zu fördern."

Der Umsatz mit Wein ging in Russland im vergangenen Jahr zurück, Gewinner dieses Trends waren die Schnapsbrennereien und multinationalen Bierbrauereien. Statistiken von Rosstat zufolge, schrumpfte das Produktionsvolumen bei stillen Weinen in Russland im Jahr 2012 um 9,2 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Wodkaproduktion um 13,2 Prozent an. Zwar war beim Weinimport ein Zuwachs von 4,5 Prozent zu verzeichnen, die Einfuhr von Spitzenweinen brach jedoch im vergangenen Jahr um das 2,4-fache auf 60,5 Millionen Flaschen ein.

 

Silberstreifen am Horizont

Es wäre jedoch verfrüht, Russland von der Weinkarte der Welt zu streichen. Vollkommen hoffnungslos ist die Lage nicht. Seit 2006 entwickelt sich in Russland eine Weinanbaukultur, deren Produkte das Urteil echter Weinkenner nicht scheuen müssen. Als Vorreiter der neuen russischen Weinherstellung gilt der Produzent Abrau Durso im Vorland des Schwarzmeerhafens Noworossijsk.

Zu den auf Qualität bedachten Herstellern, die es sich leisten können, die staatlichen Anforderungen an den Lizenzerwerb zu erfüllen, zählen unter anderem Chateau de Grande Vostok, Lefkadija und Wedernikow. 2012 erschien in Russland erstmals ein „Russischer Weinführer", in dem 55 Weine von 13 russischen Winzern beschrieben sind. An der Erstellung des Handbuchs beteiligten sich führende russische Sommeliers. Sie zeigten sich zuversichtlich, dass die Zeit der „großen russischen Weine" nicht mehr lange auf sich warten lässt.

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