Erinnerung an große Ballett-Legenden

Maja Plisezkaja. Foto: Getty Images / Fotobank

Maja Plisezkaja. Foto: Getty Images / Fotobank

Vom 25. bis 30. April findet in Baden-Baden das jährliche Festival „Russische Kulturtage“ statt. Für Hochspannung beim Publikum sorgt die Ballettaufführung „Die drei Legenden des russischen Balletts. Anna Pawlowa, Galina Ulanowa und Maja Plisezkaja“.

Das Ballett gehört zweifelsohne zu den bekanntesten Aushängeschildern Russlands in der Welt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nahmen europäische Tänzer und Tänzerinnen Pseudonyme nach russischem Vorbild an und gaben sogar vor, russische Wurzeln zu haben. All dies nahmen sie nur aus einem Grund auf sich: Sie wollten soweit wie möglich mit dem russischen Ballett identifiziert werden.

Das Kulturfestival und sein diesjähriger Höhepunkt sind lebendige Geschichte, nämlich die dreier Primaballerinen, deren Namen wohl jeder schon einmal gehört hat. Den Hauptact der Aufführung tanzt Uljana Lopatkina, die Primaballerina des Mariinski-Theaters. Zum Auftakt dieser Ballettaufführung der besonderen Art hat sich Russland Heute dazu entschlossen, noch einmal an jene zu erinnern, denen das russische Ballett seine internationale Berühmtheit verdankt.

 

Der sterbende Schwan

Anna Pawlowa, eine Legende des russischen Balletts, wurde 1881 in St. Petersburg geboren. Ihr Leben wird auch heute noch von einer Vielzahl an Mythen begleitet. So ist beispielsweise bis heute unklar, wer Pawlowas Vater war – ein abgedankter Soldat oder ein Moskauer Bankier? War Anna Pawlowa jemals verheiratet? Einerseits hört man, dass sie 1911 den Aristokraten Viktor Dandré geheiratet haben soll, andererseits heißt es aber, dass Pawlowa nie verheiratet gewesen sein soll. Nach dem Tod der Ballerina konnte Dandré nämlich weder ein Hochzeitsfoto noch ein Dokument vorweisen, dass ihre Ehe belegen könnte. Zudem erinnert er sich nicht einmal daran, wo die Trauung stattgefunden hat.

Pawlowas Biografen schrieben über sie, dass sie in jeder Verfassung auftrat: Kunst stand für sie über Krankheit und persönlichen Problemen. Das Zimmermädchen der Ballerina erzählte, dass Pawlowa einmal auf eines ihrer teuren, in Paris gekauften Kleider gezeigt und gesagt haben soll: „Es wäre besser gewesen, ich hätte dieses Geld für meine Kinder ausgegeben". Für Kinder, die sie jedoch niemals hatte.

Im Jahre 1907 erlangte Pawlowa mit ihrer Rolle als „Schwan" auf der Bühne des Mariinski-Theaters endgültige Berühmtheit. Diese Rolle, die später als „der sterbende Schwan" bekannt wurde, entwickelte sich zu einem Symbol für das russische Ballett des 20. Jahrhunderts. Anna Pawlowa revolutionierte zudem auch das Erscheinungsbild der Ballerina. Bis zu dieser Zeit waren Ballerinen stark gebaut und muskulös. Doch Pawlowa bewirkte eine Wende hin zu Zartheit und Grazie.

Bei einem Gastauftritt in Schweden verlieh König Oskar II. von Schweden Anna Pawlowa die Medaille „Für Verdienste um die Kunst". Die Faszination um Pawlowa war jedoch nicht nur in Schweden zu verspüren: Jene Engländer, die Pawlowas Auftritt in London mitverfolgten, dachten, sie seien Zeugen der Sensation des Jahrhunderts geworden. Die Frage „Haben sie Pawlowa gesehen?" löste beinahe sämtliche Begrüßungsfloskeln ab.

Anna Pawlowa starb am 23. Januar 1931 in Den Haag. Einer Legende zufolge sollen folgende Worte die letzten der Ballerina gewesen sein: „Bereitet mein Schwanenkostüm vor!" Diese Worte dienten auch als Titel eines 2009 erschienen russischen Films, der von Trauer, Sehnsucht und Tod erzählt.

 

Eine gewöhnliche Göttin

In ihrer Kindheit träumte Galina Ulanowa (1910-1998) von einer Karriere bei der Marine. Ulanowas Eltern änderten jedoch diese Pläne, indem sie sie auf eine Tanzschule schickten. „Nein, ich wollte nicht tanzen. Es ist schwer etwas zu lieben, was schwierig ist", erinnert sich die Ballerina. Im Jahre 1928 wurde Ulanowa in die Tänzertruppe des Leningrader Opern- und Balletttheaters aufgenommen, das heute als Mariinski-Theater bekannt ist. Bereits ein Jahr später verzeichnete die Ballerina ihren ersten Erfolg: Für ihre Rolle der Odette aus dem Ballett „Schwanensee" erhielt Ulanowa ausgezeichnete Kritiken.

Während des Zweiten Weltkriegs trat Galina Ulanowa in Gastrollen vor verletzten Soldaten auf. „Nach Jahren möchte ich Ihnen, verehrte Galina Sergeewna, nun mitteilen, dass ich damals, als ich schwer verletzt im Spital lag, nur deswegen überlebt habe, weil ich mich an ihre unvergessliche Darbietung erinnern konnte." Diese Zeilen schrieb viele Jahre nach dem Krieg ein ehemaliger Soldat an Ulanowa.

In der sowjetischen und ausländischen Presse veröffentlichte Artikel über Galina Ulanowa waren voll mit Lobeshymnen: „Einmalig", „die beste Ballerina der Welt", „ein Weltwunder", „der weiße Schwan des russischen Balletts", „die Sensation des 20. Jahrhunderts", „eine gewöhnliche Göttin". Menschen standen nachts Schlange, nur um eine Eintrittskarte für „Romeo und Julia" mit Galina Ulanowa in der Hauptrolle zu ergattern. „Ich kenne Ausländer, die ihre Zeit in Moskau daran gemessen haben, wie viele Vorstellungen sie mit Galina Ulanowa besucht haben", erzählt Harrison Salisbury, Korrespondent der Zeitung „New York Times".

Den größten Erfolg verzeichnete Ulanowa jedoch in London. 1956 beehrte König Elisabeth II. die Ballettaufführung „Giselle" mit Ulanowa in der Hauptrolle. Die königliche Etikette verlangt, dass nach dem Ende der Aufführung alle Anwesenden aufstehen und sich in die Richtung der Königin drehen. Niemand darf solange seinen Platz verlassen oder applaudieren, bis die Königin den Saal verlassen hat. Doch als nach Ulanowas Auftritt der Vorhang fiel, strömten alle Zuschauer zur Bühne und niemand bemerkte, wie die Königin den Saal verließ.

 

Eine Eiserne Lady

„Geisteskraft, Mut und tänzerische Avant-Garde", so beschrieb der bekannte französische Kritiker André Philippe Hersent Maja Plisezkajas (geb. 1925) Stil. Auch Maja Plisezkaja erlangte ihre Berühmtheit durch ihre Rolle des „Schwans", die erstmals von Anna Pawlowa getanzt worden war. Plisezkaja trat mit diesem Ballett in Tokio, New York und Paris auf, wo sie es vier Mal hinter einander als Zugabe tanzte. Die Ballerina hasste Wiederholungen, weshalb sie in ihrer Rolle regelmäßig etwas veränderte: Sie erschien aus verschiedenen Kulissen oder kam mal mit dem Rücken mal mit dem Gesicht zum Publikum auf die Bühne. Unverändert blieben nur ihre weltberühmten schwanenhaften Handbewegungen.

Am 27. April 1947 tanzte Maja Plisezkaja zum ersten Mal die Rolle der Odette aus dem Ballett „Schwanensee". In dieser Rolle sahen die Ballerina mit dem eisernen Charakter und der Gabe, sich bei einem Sprung mehrere Sekunden in der Luft zu halten, sämtliche ausländische Staatsoberhäupter, die auf Staatsbesuch in der UdSSR waren. Wenn das Bolschoi-Theater die wichtigste Sehenswürdigkeit Russlands ist, dann ist das Ballett „Schwanensee" mit Maja Plisezkaja in der Hauptrolle die wichtigste Sehenswürdigkeit des Bolschoi-Theaters. Laut eigenen Angaben, hat die Ballerina diese Rolle über 800 Mal getanzt!

Plisezkaja wurde in den USA und Frankreich förmlich vergöttert. Die schwedische Schauspielerin und dreifache „Oscar"-Preisträgerin Ingrid Bergman reiste sogar einmal speziell nach Paris, nur um Plisezkaja in dem Ballett „Schwanensee" zu erleben. „Sie haben über Liebe erzählt, ohne ein Wort gesprochen zu haben", sagte Bergman nach der Vorstellung zur russischen Primaballerina.

2005 feierte Maja Plisezkaja im Londoner Royal Opera House ihren 80. Geburtstag. Den Höhepunkt der Jubiläumsfeier bildete ein Auftritt der Ballerina in dem speziell für sie komponierten Stück „Ave Maja". Und das im Alter von 80 Jahren! Heute lebt Maja Plisezkaja gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Komponisten Rodion Schtschedrin, in München.

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