Russische Muster auf Moskaus Straßen

Traditionelle russische Muster kehren zurück auf die Straßen: Man sieht Autos der Marken Porsche und BMW durch Moskaus Straßen fahren, die „à la Chochloma“ bemalt sind, und die Mode wird immer häufiger mit Stickereien in diesem Stil verziert.

Foto: Jelena Potschetowa

Von Zeit zu Zeit durchqueren Trolleybusse die Straßen Moskaus, die im altrussischen „Gschel"-Stil bemalt sind. Eine noch größere Aufmerksamkeit ziehen die bunten öffentlichen Toiletten auf sich, die im „Chochloma"-Stil schwarz-rot-gold gehalten sind. Teilt man die Ansicht, dass alles Neue einfach nur längst in Vergessenheit geratenes Altes ist, dann trifft das hier zu. Bereits in den 1990er-Jahren konnte man in den Städten russische Muster in Form von Airbrushs auf Motorrädern sehen. Wirklich populär wurde es allerdings erst in den letzten Jahren.

Zum Beispiel in der Mode: Immer häufiger kann man in der Stadt junge Frauen mit Kopftüchern im „russischen Stil" sehen, die das Vorurteil Lügen

strafen, diese würden nur von Großmüttern getragen. Selbst Weltstars wie Gwen Stefani haben sich in diese Kopftücher verliebt, die in der russischen Kleinstadt Pawlowski Possad hergestellt werden.

Trotz der Vielfalt altrussischer dekorativer Muster haben sich im modernen russischen Alltag nur die Chochloma-Malerei und das Gschel-Dekor als Trend durchgesetzt. Gschel, ein traditionelles russisches Handwerk, entstand bereits im 16. Jahrhundert. Das Muster ist eine Kombination von Kobaltblau und weißem Untergrund. Die Bezeichnung kommt vom gleichnamigen Dorf in der Oblast Moskauer, wo die Gschel-Keramik hergestellt wird. Traditionell dienen Vögel und Blumen als Motive für die Gschel-Keramik. Gschel kann man kaum mit etwas anderem verwechseln.

Chochloma, die bunte Bemalung von Holzgeschirr, wird in der neuen Form noch mehr geschätzt als Gschel. Das Kunsthandwerk erhielt seinen Namen vom großen Nischni Nowgoroder Handelsdorf Chochloma. Obwohl der russische Stil im neuen Gewand schon in den 1990er-Jahren aufgetreten ist, war es im Vergleich zu heute noch längt keine Massenerscheinung. Allgemein gilt, dass die Mode des „längst vergessenen Alten" von dem berühmten russischen Designer Denis Simatschew eingeführt wurde, als er 2007 seine Frühjahrs-Sommer-Kollektion vorstellte. Er hat aber sicher kaum damit gerechnet, dass sie schon bald auf öffentlichen Transportmitteln und Toiletten zu sehen sein würde.

Alles begann mit einem Airbrush auf seinem Porsche und seiner Ducati sowie einer limitierten iPhone-Serie „à la Chochloma". „Ich glaube, dass ich seit langer Zeit der Erste war, der die Leute zum Nachdenken über Patriotismus gebracht hat. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als das völlig unmodern war", erzählt der Designer der Zeitschrift „Snob".

In einem Interview mit dem Woman Journal sagte Simatschew, die neuerwachte Liebe zu allem traditionell Russischen solle nicht ausschließlich mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden. Dieser Trend habe eine Eigendynamik entwickelt, die Leute entschieden sich selbst für Chochloma als wichtiges Accessoire und verbreiteten es überall.

Denis Simatschew begann sogar damit, Kühlschränke mit seinem eigenen Firmendekor zu entwerfen. „Man kann einen weißen Kühlschrank kaufen, aber das ist langweilig. Man kann einen Kühlschrank kaufen, der in Chochloma-Manier bemalt ist, das ist patriotisch. Wählen Sie selbst: Langweiler bleiben oder Patriot werden", sagt er.

Wir haben mit Menschen gesprochen, die Autos fahren, Kleidung tragen und Handys benutzen, die in typisch russischem Muster verziert sind. In Gesprächen mit ihnen gingen wir der Frage auf den Grund, was sie an den Verzierungen gut finden und wie ihre Mitmenschen darauf reagieren.

 

Alexander Rajs, Besitzer eines Porsche Boxter S (Matrjoschka)

Alexander hatte den Porsche so übernommen. Das Chochloma-Dekor auf der Karosse hatte den ersten Besitzer etwa 15 000 Euro gekostet. Als das Auto auf den Straßen Moskaus auftauchte, hinterließ es einen starken Eindruck. Das Wichtigste seien die Emotionen, die der Wagen bei den Leuten auslöst, bekräftigt der Besitzer. Es gebe sehr viele lächelnde Gesichter. Das sei ihm sehr wichtig. Irgendwann war der Porsche so populär, dass jeden Samstag die jungen Frauen Schlange standen, um eine Fotosession mit dem Auto zu machen.

Natalja, Besitzerin eines BMW X5

Nataljas Ehemann Maxim schenkte ihr zum Geburtstag ihres gemeinsamen Sohnes 2009 einen BMW X5. Er hatte die Idee, die Motorhaube zu verzieren: „Es ist ja ein deutsches Auto und ich wollte etwas Besonderes daraus machen, ihm irgendetwas Russisches geben." So entschloss er sich, den Wagen im Chochloma-Stil zu verzieren, aber nicht mit den traditionellen Farben, sondern in grauen Farbtönen, weil das auf einem weißen Auto viel besser zur Geltung komme. Das Muster hat sich Maxim selbst ausgedacht, die Airbrush-Künstler von Dream Car Tuning halfen ihm, die Idee umzusetzen. Wenn Natalja am Steuer sitzt, beschränkt sich die Reaktion auf neugierige Blicke. Bei ihrem Mann Maxim aber kann es schon mal vorkommen, dass die anderen Autofahrer abschätzig lächeln.

Alexander Below, Stylist und Imageberater, Besitzer eines Notebooks „à la Chochloma"

„Ich liebe Dinge, die eine stylische Idee haben. Die Idee der Rus und der russischen Tradition allgemein ist mir nicht fremd. Ich liebe Kleidung, Dinge und Möbel, die diese Richtung widerspiegeln. Deshalb habe ich mein Notebook mit einem Chochloma-Muster verziert. Das gibt es kein zweites Mal."