Opern, Konzerte und Glockengeläut

Ziele des Oster-Festivals sind Bildung, Aufklärung und Wohltätigkeit, deshalb sind die Konzerte in den Provinzen in der Regel kostenlos. Foto: ITAR-TASS

Ziele des Oster-Festivals sind Bildung, Aufklärung und Wohltätigkeit, deshalb sind die Konzerte in den Provinzen in der Regel kostenlos. Foto: ITAR-TASS

Beim zwölften Osterfestival in Russland vom Ostersonntag am 5. Mai bis zum 16. Mai gehen das Orchester des Mariinski-Theaters, Solisten und Chöre auf Gastreise durch den europäischen Teil Russlands und führen Opern und Konzerte in großen Sälen und auf öffentlichen Plätzen auf. Highlight ist zudem das traditionelle Glockenläuten in Moskau und Sankt Petersburg.

Die Geschichte des Osterfestivals begann im Jahr 2002. Damals hatten der Chefdirigent des Mariinski-Theaters Waleri Gergijew und damaliger Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow die Idee, nach dem Vorbild europäischer Festivals die ganze Osterwoche hindurch Konzerte in den besten Sälen der Stadt und auf den Plätzen zu veranstalten. Diese Idee gefiel auch dem Patriarchen, der daraufhin dem Festival und dem Präsidenten seinen Segen gab. 2003 wurde das Festival auf ganz Russland ausgeweitet.

In Russland fällt in die Osterwoche oft der Tag des Sieges und das Osterfestival bekommt so unweigerlich eine national-historische Dimension.

So war es 2005 und 2010, als das Festival dem runden Jubiläum des Sieges gewidmet wurde. Und so wird es dieses Jahr an den 70. Jahrestag der Schlacht bei Kursk erinnern, die einen Wendepunkt im Großen Vaterländischen Krieg darstellte.

Das Festivalprogramm besteht aus vier Teilen: ein symphonisches, ein kammermusikalisches, ein chormusikalisches Programm sowie das Glockenläuten.

In den vergangenen Jahren waren einige der renommiertesten Künstler aus dem Westen zum Osterfestival gekommen, darunter der Bassbariton Bryn Terfel, der Cellist Mischa Maisky, der Dirigent Philippe Herreweghe oder der Pianist Lang Lang. In diesem Jahr gibt es nur wenige Stars aus dem Westen: die Sänger René Pape und Ildar Abdrazakov. „Sie sind beide mehrmals mit mir aufgetreten. Das sind Leute auf Weltniveau. Mit René Pape haben wir gerade die Wagner-CD ‚Die Walküre' herausgebracht, er singt den Wotan-Part. Ich glaube, Moskau kennt diesen Interpreten noch nicht, aber er ist ein herausragender Künstler. Ja und Ildar Abdrazakov, dessen Name Konzertplakate auf der ganzen Welt ziert, sollte dem hauptstädtischen Publikum besser bekannt sein", erklärt Waleri Gergijew auf der Pressekonferenz anlässlich des Festivals.

Das Osterfestival beschränkt sich nicht nur auf Moskau. Gergijew und sein Symphonieorchester, die Solisten und der Chor des Mariinski-Theaters reisen durchs Land und geben Konzerte in den Zentren der Regionen. Ziele des Festivals sind Bildung, Aufklärung und Wohltätigkeit, deshalb sind die Konzerte in den Provinzen in der Regel kostenlos. Gergijew wird einige Opern konzertant zur Aufführung bringen. In Nischni Nowgorod und in Moskau wird zum Abschluss des Festivals die Oper „Benvenuto Cellini" von Berlioz gezeigt, in Tscherepowez und in Moskau „Atilla" von Verdi und in Kostroma die „Rusalka" von Dargomyschski.

Einer der beliebtesten Programmpunkte ist für die Russen die Glockenwoche. Sie findet in Moskau und Sankt Petersburg statt. Diese Tradition gab es schon im zaristischen Russland: In der Osterwoche spielten nacheinander die besten Moskauer Glöckner, sodass in der Stadt die Kirchenglocken fast ununterbrochen erklangen. In den anderen Städten nicht so oft, doch war das Läuten von überall her zu hören. Außerdem war es üblich, in dieser Zeit die Kinder auf die Glockentürme hinaufzulassen, damit sie das Läuten ausprobieren konnten. Diese Tradition hat sich bis in unsere Tage gehalten.

Viele Traditionen des Glockenläutens wurden jedoch unterbrochen, da seit dieser Zeit ein Großteil der Moskauer Kirchen gesprengt und abgerissen wurde. Die Glockenwoche des Osterfestivals ist nun der Versuch, diese Tradition des einzigartigen russischen Glockenspiels, das sich immens von dem, was zum Beispiel die Europäer gewohnt sind, unterscheidet, wieder aufleben zu lassen und den Stadtbewohnern nahezubringen.

 

Ostern ist es das wichtigste religiöse Fest in Russland. Für eine breite Mehrheit der Russen ist das Feiern des Osterfestes nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern auch der nationalen Identität. Sich darauf vorzubereiten bedeutet auch, zahlreiche Bräuche zu beachten – viele davon sind christlichen Ursprungs, doch noch mehr sind einfache Volkstraditionen.

Es ist üblich, sein Haus jeweils am Donnerstag vor Ostern einem gründlichen Frühlingsputz zu unterziehen. Am nächsten Morgen füllen sich die Häuser mit dem Duft von Teig, der bis zum Abend auflaufen soll, um ihn dann in den Ofen zu schieben und die herrlichen Kulitschi zu backen – so nennt sich das traditionelle, zylinderförmige Ostergebäck. Auch in Russland gehört das Färben von Eiern zur Tradition.

Der Ostergottesdienst geht jeweils etwa um 3 Uhr zu Ende, wenn der Priester die lang erwarteten Worte „Christos woskrese!“ (Christus ist auferstanden!) verkündet und die Menge darauf antwortet „Woistinu woskrese!“ (Er ist wahrlich auferstanden!). Es ist der freudigste Moment im orthodoxen Kirchenjahr, das sonst oft etwas trübsinnig daherkommt. So ist es kein Wunder, dass die Menschen einander küssen und endlich ihre Eier und Kulitschi, diese ersten und gesegneten Speisen nach der Fastenzeit, genießen.

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