Igor Mukhin „Mein Moskau“ – eine Buchrezension

Foto: Igor Mukhin

Foto: Igor Mukhin

In über 200 schwarz/weiß Fotografien werden szenische Ausschnitte aus dem Alltagsleben in der russischen Metropole der Jahre 1985-2010 gezeigt. Bemerkenswert vielseitig und kreativ, meint unsere Rezensentin.

Manchmal braucht es eines zweiten Blickes. Als ich den im Schweizer Benteli Verlag im letzten Jahr erschienenen Fotoband „Mein Moskau" von Igor Mukhin anschaute, erkannte ich einige seiner Bilder wieder. Ich hatte sie bereits auf der Ausstellung zeitgenössischer russischer Fotografie auf der Houston Fotofest Biennale 2012 gesehen. Dort wurde der Künstler neben Boris Mikhailow, Valera und Natasha Cherakshin und anderen als wichtiger Vertreter einer Gruppe von Fotografen der „Übergangsphase" vorgestellt. Die Rede ist von der Periode der Öffnung der sowjetrussischen Gesellschaft durch die Lockerung der Staatszensur und gleichzeitig der Herausbildung des unregulierten kapitalistischen Wachstums und der Entwicklung einer Massenkultur.

Igor Mukhin , geb. 1969 in Moskau, ist freier Fotograf und Dozent an der Rodchenko-Schule für Fotografie. Schon der Titel seines Buches „Mein Moskau" ist Teil des Programms: innere Beteiligung und Zeitzeugenschaft. In über 200 s/w Fotografien werden szenische Ausschnitte aus dem Alltagsleben in der russischen Metropole gezeigt. Die Mischung zwischen Pressefotografie, anekdotischem Stil und Film Stills gibt die Atmosphäre und Stimmung der Zeit wieder, in der sich der Einzelne im Auf und Ab von heterogenen Strömungen zu behaupten suchte. Formal meisterlich gelöst auf verschiedenen Bildebenen arbeitend und der klassischen Straßenfotografie nahe stehend ergänzen sich Motiv und Komposition wechselseitig.

Igor Mukhin, Zakhar Prilepin: Mein Moskau:

Fotografien 1985 – 2010, 196 Seiten,

erschien bei Benteli Verlag (April 2012)

Bei genauerem Hinschauen werden zudem durch den permanenten Perspektivenwechsel in der Bildauswahl und –sequenz im Buch die Unterbrechungen, die Spuren des Vergessens und die illusionäre Autonomie des Individuums sichtbar. Es ist der unerbittlich kritische Blick auf die eigene Stadt, ungeschminkt: auf die Betonwohnsilos neben den Behausungen aus Zeltplanen, aus denen sich eine Hand in Richtung Betrachter streckt. Oder die Person, die aus einer Containeröffnung heraustritt eine Glaswand mit beiden Händen umgreifend, selbst kaum sichtbar, deren Konturen im Schattenriss auf der Mauer deutlich größer erscheinen als in Wirklichkeit. Und die fünf Männer, die wie aus einer gestaffelten Bühnenkonstruktion selbst kulissenhaft gleichsam als Theaterfiguren heraustreten, deren Gesichter ins Leere schauen. Nicht zufällig ist auf dem Schreibtisch des Künstlers auf einem der Bilder ein Buch des Dramatikers Samuel Beckett zu sehen als künstlerische Referenz für das Absurde, die Sinnleere, Überdruss und Aussichtslosigkeit.

Auf einem anderen Foto finden die abgeklärten Gesichter junger Frauen mit weit aufgerissenen müden Augen und mit abweisenden oder anzüglichen Gesten ihre ergänzende Entsprechung in dem ängstlichen Blick eines an der Leine am Geländer festgebunden Hundes.

Weit davon entfernt „das westliche Klischee" zu bedienen „vom russischen Alltag zwischen Besäufnis und Begräbnis" (Sachar Prilepin auf der Berliner Tagung der Akademie der Künste am 20.4.13 „Wohin stürmst du Russland"

und Autor des Vorworts ) ist der Fotograf nahe bei den Bewohnern der Stadt, nimmt sie ernst gerade durch Ironie und Kritik, zeichnet ihre Orientierungslosigkeit auf, die Unordnung und desolaten Zustände in Zeiten des allgegenwärtigen Neoliberalismus und zivilisatorischen Rückschritts. Es ist das Portrait einer ratlosen, verlorenen Generation, passiv oder in bloßer Aktion auf der Suche nach Zugehörigkeit.

Eine Komponente, Kräfte zu generieren für Umkehr und Neuanfang ist in den Bildern durch die eindringliche Selbstrepräsentanz angelegt als Spiegelbild eines Bewusstseins, das nicht nur auf Umstände reagiert, vielmehr das Individuum auf ungewöhnliche Weise in Bildaufbau und Nahsicht so darstellt, dass der Betrachter sie im Gedächtnis behält.

In Houston wurde Igor Mukhins fotografischem Werk bemerkenswerte Vielseitigkeit und Kreativität zugesprochen. Gewiss, die Periode 1985 - 2010 ist sehr vielschichtig. Auf dem Weg von der Auflösung der Sowjetunion, Glasnost und Perestroika bis zur gelenkten Demokratie Putins wurde die Phase der Aufbruchsstimmung durch Desillusion abgelöst. Seitdem wird nach einer Ästhetik der Zersetzung zunehmend der Weg nach innen gesucht mit metaphysischen, religiösen und oft obskuren Themen. Dennoch bleibt zu wünschen, dass der künstlerische Anspruch eines Igor Mukhin, verbunden mit seinem gesellschaftskritischen und mit den Menschen sympathisierenden Blick, als wichtige ästhetische Stimme der russischen Fotografie erhalten bleibt.

 

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Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland