Russin gewinnt in Cannes

Daria Belowa, Journalistin aus Sankt Petersburg, ist für ihr Kurzfilmprojekt „Komm und Spiel“ bei den Filmfestspielen in Cannes in der Sektion Semaine de la Critique ausgezeichnet worden. Im Interview erzählt die Regisseurin über Erfolg und Enttäuschung.

Die Regisseurin Daria Belowa: "Eines habe

ich in meinem Studium in Deutschland

gelernt: Es gibt keine Grenzen".

Foto: Pressebild

Bereits am Donnerstagabend gab die Semaine de la Critique die ersten Gewinner auf den 66. Filmfestspielen von Cannes bekannt. Unter den Gewinnern befindet sich die russische Nachwuchsregisseurin Daria Belowa, deren Film „Komm und spiel", ein Projekt für ihr Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde.

Daria, bitte erzählen Sie ein bisschen über sich. Es ist ja fast nichts über Sie bekannt. Die einzige Information, die wir über Sie erhielten, war, dass in der Sektion Kurzfilm auf der Semaine de la Critique ein deutscher Film vertreten sei, den eine Nachwuchsregisseurin russischer Herkunft produziert habe.

Diese Information ist absolut falsch und ich habe von Anfang an versucht, das richtig zu stellen. Ich bin keine „Regisseurin russischer Herkunft", sondern eine russische Regisseurin, die einfach an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. Dort ist nämlich im Gegensatz zu Russland eine zweite Hochschulausbildung kostenlos. Mein Film wurde zwar in Berlin gedreht, doch er ist auf Russisch mit russischen Schauspielern. Er ist somit genauso russisch wie deutsch. Ich wollte auch, dass man mich gemeinsam mit den russischen Teilnehmern an den Filmfestspielen von Cannes vorstellt.

Wie lange leben Sie schon in Berlin?

Ich lebe dort, seitdem ich mein Studium begonnen habe. Ursprünglich komme ich aus Sankt Petersburg. Dort habe ich ein Philologiestudium an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg abgeschlossen und anschließend als Journalistin gearbeitet. Doch nach fünf Jahren Arbeit wurde mir bewusst, dass ich mich mit Film beschäftigen möchte. Ich bin also nach Berlin gegangen, um zu studieren.

Sprachen Sie damals schon gut Deutsch?

Ich sprach Englisch und Französisch. Deutsch beherrschte ich jedoch kaum. Man hat mich dort faktisch ohne Sprachkenntnisse aufgenommen. Die Prüfungen waren schwierig, doch man hat Gefallen an meiner Arbeit gefunden. Und die Sprache erlernte ich später.

Erzählen Sie von Ihrem Film.

Es handelt sich um einen Schwarz-Weiß-Film im 16mm-Format mit einer Länge von 30 Minuten. Der Protagonist ist ein zehnjähriger russischer Junge, der in Berlin lebt und dort Krieg spielt. Mit seinem Spiel beschwört er die Vergangenheit der Stadt herauf und findet sich in einem komischen, surrealen Raum wieder, der im Prinzip ein Traum der Stadt ist, ein Traum von Bäumen und Häusern. In diesem Raum trifft er auf viel Aggressivität, denn Berlin erinnert sich an den Zweiten Weltkrieg. Ausländer sagen sogar, dass sie dort Geister sehen. So erzählt der Film im Grunde von den Geistern dieser Stadt. Der Junge fungiert als Medium, über das Berlin seine Erinnerungen wiedergibt. Ich denke, dass auch Leningrad (Anm. Red.: früherer Name von Sankt Petersburg) viele Erinnerungen zu erzählen hätte.

Spielszenen aus dem Film "Komm und spiel". Foto: Pressebild

Ist Ihnen die Idee vom „Traum der Stadt" schon in Sankt Petersburg eingefallen?

Nein, erst in Berlin. Kennen Sie das Gefühl, das einen überkommt, wenn man in einem Café oder einer Bar sitzt, dann auf die Straße geht, den Namen dieser Straße liest und sich dann bewusst macht, was hier früher geschehen ist? Hier, wo Panzer vorbeiratterten und sich Leichen stapelten? All das lebt bis heute und auch in unseren Erinnerungen fort.

In einem TV-Interview haben Sie vor Kurzem erzählt, dass Sie bereits viele Angebote von französischen Produzenten erhalten haben.

Ja! Das ist wirklich erstaunlich. Schon nach der ersten Vorstellung meines Films kamen vor allem französische Produzenten auf mich zu und betonten, wie sehr ihnen mein Film gefallen habe. Man bot mir an, in Frankreich an internationalen und europäischen Programmen teilzunehmen. Ich würde sehr gerne in Russland, Deutschland und auch in Frankreich arbeiten. Denn eines habe ich in meinem Studium in

Ere Deutschland gelernt: Es gibt keine Grenzen. Und das ist einfach toll!

Auf welcher Sprache verfassen Sie Ihre Drehbücher?

Mal auf Englisch, mal auf Russisch und dann übersetze ich sie. Ich spreche vier Sprachen.

Wovon soll Ihr erster Langfilm handeln?

Ich möchte schon bald mit einem Langfilm beginnen, der über das gegenwärtige Berlin erzählt und darüber, was dort passiert. In Berlin genießen Künstler viele Freiheiten; man kann dort machen, was man will. Viele sind sogar bereit, ohne Entlohnung, also nur für eine Idee, zu arbeiten. Das ist einfach klasse! Besonders für das Kino – so haben alle, die an meinem Film mitgewirkt haben, ehrenamtlich mitgemacht.