Vom Konsul zum Country-DJ

Der deutsche Diplomat Markus Forster macht Country-Musik in Jekaterinburg populär. Foto: Tatjana Andrejewa

Der deutsche Diplomat Markus Forster macht Country-Musik in Jekaterinburg populär. Foto: Tatjana Andrejewa

Markus Forster, deutscher Konsul am Generalkonsulat in Jekaterinburg, begeistert sich für Country-Musik. In seiner Freizeit moderiert er eine Sendung fürs Radio – überall auf der Welt.

Markus Forster ist Konsul am Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Jekaterinburg. Einmal in der Woche schlägt der Diplomat jedoch den Weg zu einem Rundfunkstudio ein, um dort die Country-Charts zu moderieren. Markus Forster darf man getrost als echten Fan der Country-Musik und als „wandelndes Country-Lexikon“ bezeichnen. Sein Diplomatendienst führt ihn in verschiedene Länder, und überall versucht er, die Menschen für diese Musikrichtung zu begeistern.

 

Country-Musik – die Wahl ist für einen gebürtigen Deutschen eher ungewöhnlich. Würden Sie eine Sendung über das Tiroler Jodeln moderieren, fände ich das nicht verwunderlich, aber über Country? Woher stammt Ihre Liebe zu dieser speziellen, amerikanischen Musik?

Markus Forster: Ich war seit meiner Kindheit von amerikanischer Kultur umgeben. Ich bin in einer bayerischen Kleinstadt geboren und aufgewachsen. Dort gab es bis zum Fall des Eisernen Vorhangs eine Garnison der US-Streitkräfte, einen amerikanischen Armeesender mit ständigem Programm sowie Disko-Veranstaltungen.

 

Wer hat Ihnen vorgeschlagen, eine Sendung im Radio zu moderieren? Haben Sie vor Ihrer Tätigkeit in Russland bereits entsprechende Erfahrungen sammeln können?

Ja, in den 1980er-Jahren war ich in Niger tätig und habe dort ein Country-Rundfunkprogramm moderiert, auf Französisch, der Amtssprache des Landes. Gehört wurde die Sendung hauptsächlich in den englischsprachigen Ländern Westafrikas.

1992 erfolgte meine Versetzung nach Kirgisistan, in die Hauptstadt Bischkek. Dort waren bereits erste private Radiosender entstanden, und einer von ihnen griff meine Idee auf. Vier Jahre lang gestalteten wir jede Woche ein einstündiges Country-Programm auf Russisch.

 

Was hat Ihnen mehr Mühe bereitet: ein DJ zu werden oder die russische Sprache zu erlernen?

Ich habe innerhalb eines Jahres gelernt, mit der modernen Technik umzugehen und Soundtracks zusammenzustellen, sodass ich im Falle einer Versetzung in ein anderes Land die Sendung auch aus der Ferne fortführen kann. Mit der Sprache ist das schwieriger.

Ich kann mich fließend auf Russisch unterhalten, aber bei einer Radiosendung steht nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Und wenn ein Ausländer etwas in einer Sprache formuliert, die nicht seine Muttersprache ist, entstehen zwangsläufig Pausen. Außerdem klingen die Äußerungen ein wenig „schief“, es fehlt der Tiefgang im Ausdruck. Deshalb zeichnen wir in Jekaterinburg die Sendung vorher auf. Zuerst wähle ich die Titel für die Sendung, stelle Informationen über die Interpreten zusammen und schreibe die Moderationen zu den Tracks auf Englisch. Daraus macht dann ein Übersetzer eine literatursprachliche russische Fassung. Das gelingt ihm wirklich gut, weil er kreativ an die Sache herangeht und sogar Songtexte auf Russisch nachdichtet.

Die Vorbereitungen für die Ausstrahlung des Programms nehmen pro Woche bis zu zehn Stunden in Anspruch. Sobald eine Sendung aufgezeichnet ist, beginne ich gleich am nächsten Tag mit der Arbeit an der nächsten.

 

Wie reagiert man im Generalkonsulat auf Ihr DJ-Projekt? Immerhin ist es ja durchaus untypisch für einen Diplomaten.

Neutral. (lacht) Ich stelle in der Sendung nirgendwo meinen Status heraus, weil die Tätigkeit im Konsulat und das Programm im Radio absolut nichts miteinander zu tun haben. Wenn das Hobby eines Diplomaten seine Haupttätigkeit nicht beeinträchtigt, muss er dafür keine spezielle Genehmigung des Außenministeriums einholen. Die Aufzeichnung der Radiosendung erfolgt ausschließlich in meiner Freizeit. Man könnte sagen, dass ich von Beruf Diplomat und von der Gemütslage her Cowboy bin.

Für die Moderation der Country-Charts werde ich nicht bezahlt. Die Leitung des Senders hat mir ein Honorar angeboten, aber ich habe kategorisch abgelehnt. Ob Sie es glauben oder nicht, ich mache das aus reinem Enthusiasmus, wie ein Missionar.

 

Wer hört Ihre Sendung in Jekaterinburg?

Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so genau, weil wir noch keine Einschaltquoten für das Programm ermittelt haben. Zudem ist der Sender noch recht jung, es gibt ihn erst seit etwa einem Jahr. Ich denke, dass ungefähr 30 000 Jekaterinburger unsere Sendung hören.

 

Wie empfinden Sie Jekaterinburg?

Vor der Versetzung nach Jekaterinburg habe ich mit meiner Familie in Saratow und Sankt Petersburg gelebt. Sankt Petersburg ist eine sehr schöne Stadt, aber sie hat mich innerlich nicht berührt. Mir fehlte dort das Exotische. Städte, die alle kennen und in denen es vor Touristen wimmelt, interessieren mich nicht. In Moskau möchte ich auch nicht leben. Saratow als Provinzstadt hat mir gefallen, aber ringsum erstreckt sich Steppe, und die mag ich nicht besonders. Die Wolga war natürlich beeindruckend. Für Deutsche verbindet sich damit ein besonderer Sinngehalt, die Wolga als Schicksalsfluss, Stalingrad, die Kolonien der ersten deutschen Einwanderer.

Was die Arbeit anbelangt, so bietet Jekaterinburg meiner Meinung nach die besten Bedingungen. Es ist eine sehr offene Stadt, in der es noch wenige Ausländer gibt. Deshalb stehen wir sowohl bei der Geschäftswelt als auch bei den Behörden besonders im Fokus. Architektonisch ist Jekaterinburg leider nicht sehr gelungen, was man der Stadt aber nicht anlasten sollte. Es handelt sich um ein industrielles Zentrum, das seine ganz eigene Geschichte hat.

Dafür bekommt man in Jekaterinburg keine Langeweile, denn es gibt mehrere lokale Theater, Museen sowie ein reiches, vielfältiges Angebot für Kinder. Und nicht zuletzt leben hier experimentierfreudige Menschen. In Sankt Petersburg habe ich beispielsweise sehr lange nach einem Rundfunksender gesucht, der bereit gewesen wäre, eine Country-Sendung auszustrahlen – vergeblich, das Format hat dort bei niemandem ins Programm gepasst. Hier in Jekaterinburg dagegen passt es.

 

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien zuerst in Rossijskaja Gaseta.

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