Große Herrscher im Film

Die Eröffung der Ausstellung „Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand: Zarin Katharina und König Friedrich“ in der Zarenresidenz Zarizyno. Foto: Dmitri Schelokow

Die Eröffung der Ausstellung „Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand: Zarin Katharina und König Friedrich“ in der Zarenresidenz Zarizyno. Foto: Dmitri Schelokow

Die Zarenresidenz Zarizyno beherbergt eine einzigartige Ausstellung zu 120 Jahren Filmgeschichte, in deren Fokus die legendenhaften Herrscher Katharina die Große und Friedrich II. von Preußen stehen.

Im Hauptpalais der Zarenresidenz Zarizyno am südlichen Stadtrand von Moskau wurde am 28. Mai ein beispielloses russisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt eröffnet: die Ausstellung „Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand: Zarin Katharina und König Friedrich“. Katharina die Große, 1729 als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst im damals preußischen Stettin geboren, hatte einst den Bau der Sommerresidenz veranlasst.

Die von Naum Klejman, Direktor des Moskauer Filmmuseums, und Dawid Bernstejn, Leiter des Freilichtmuseums Zarizyno, konzipierte Ausstellung gründet auf der Idee, Film und Geschichte, Fiktion und Leben sowie die russische und die deutsche Kultur in einen Dialog treten zu lassen. „Wir haben uns bemüht zu zeigen, wie die internationale Filmkunst seit nunmehr 120 Jahren die Biografien der russischen Herrscherin Katharina II. und des Preußenkönigs Friedrich II. cineastisch umsetzt“, erläuterte Klejman, der für die programmatische Gestaltung der Ausstellung verantwortlich zeichnet.

Auf einer Gesamtfläche von mehr als 1 000 Quadratmetern sind 900 außergewöhnliche Exponate versammelt: Auf zahlreichen Bildschirmen werden Ausschnitte aus russischen, sowjetischen und deutschen Filmen gezeigt. Fotografien stellen Schauspieler, Regisseure und Kameramänner vor. Die Besucher können Filmtechnik und Requisiten, Entwürfe für Szenenbilder und Kostüme, historische Gravuren, Gemälde und grafische Werke, Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände des 18. und 19. Jahrhunderts bewundern. „All diese Schätze an einem Ort zusammenzutragen, war nicht einfach“, resümieren die russischen Kuratoren. Der Kraftakt gelang dank der gemeinschaftlichen Bemühungen des Freilichtmuseums Zarizyno, des Filmmuseums Moskau, des Potsdamer Filmmuseums, des Filmstudios Mosfilm sowie einer Reihe weiterer Kulturinstitutionen aus Moskau und Sankt Petersburg.

Die Ausstellung umfasst 250 Filme, die in der einen oder anderen Weise mit den beiden historischen Protagonisten des Projekts im Zusammenhang stehen. Wobei es, wie Klejmann bei der Vernissage hervorhob, zwar zahlreiche Filme über Friedrich II., jedoch nur außerordentlich wenige über Katharina II. gibt. Zu zeigen, was es noch nicht gibt, aber unbedingt geben sollte, zählen die Ausstellungsmacher deshalb gleichfalls zu ihren Aufgaben.

Mehr als 900 außergewöhnliche Exponate sind versammelt: Auf zahlreichen Bildschirmen werden Ausschnitte aus russischen, sowjetischen und deutschen Filmen gezeigt. Foto: Dmitri Schelokow

Das Kino erreicht ein breiteres Publikum als jede andere Kunstgattung, und für Millionen von Zuschauern ist das Bild Katharinas der Großen unweigerlich durch die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, die 1934 in dem Hollywood-Streifen „Die scharlachrote Kaiserin“ die Hauptrolle spielte, sowie Olga Schisnewa, die in der 1953 entstandenen Mosfilm-Produktion „General Uschakow“ die Zarin verkörperte, geprägt. Ebenso assoziiert sich die Vorstellung von der historischen Gestalt Friedrich II. vornehmlich mit den Schauspielern Otto Gebühr, der zwischen 1920 und 1942 in zwölf Filmen als Preußenkönig zu sehen war, und Maximilian Scheel, der 1991 in „Die junge Katharina“ die Rolle Friedrichs übernahm. Die Leinwandgestalt kann dabei durchaus das wirkliche Wesen der historischen Protagonisten, die wahren Ereignisse ihres Lebens sowie ihre realen Beziehungen zu Zeitgenossen verdecken.

Wie Klejman den ersten Ausstellungsbesuchern erklärte, gründet die filmische Interpretation häufig weniger auf Dokumenten als vielmehr auf bereits zu Lebzeiten oder posthum entstandenen Mythen, Geschichten und Stereotypen. Zur Verzerrung der historischen Realität trägt auch die Tatsache bei, dass unterschiedliche Filmgenres wie ein Melodram, ein Abenteuerfilm oder ein Thriller die historischen Fakten jeweils auf ihre ganz eigene Art cineastisch transformierten.

Die Ausstellung zählte auch zu den vielfältigen Aktivitäten von Dr. Rüdiger Bolz, Direktor des Goethe-Instituts in Moskau und Projektleiter für das Deutschlandjahr in Russland 2012/13. In seiner Rede bei der Vernissage lobte er die Kuratoren dafür, dass sich die Ausstellungskonzeption den Besuchern sofort erschließe. Ihm als Historiker sei zu seinem Erstaunen bewusst geworden, wie sehr Filme, die er kenne, das Geschichtsbild beeinflussten. Kurator Klejman betonte, ein Ziel der Ausstellungsmacher habe darin bestanden, die Besucher zur Unterscheidung zwischen Kunst und historischer Aufarbeitung der Geschichte zu befähigen. „Wir brauchen ein kluges Publikum“, so Klejman.

Das Ausstellungsprojekt „Das 18. Jahrhundert auf der Leinwand: Zarin Katharina und König Friedrich“ wurde mit Unterstützung des Kulturdepartements der Stadt Moskau, des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland, des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft sowie der Russisch-Deutschen Außenhandelskammer realisiert. 

Die Ausstellung ist vom 29. Mai 2013 bis 3. November 2013 zu sehen.

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