Ljudmila Ulizkaja: „Ich halte die Augen offen“

Ljudmila Ulizkaja: "Der Prozess einer gewissen „Stalinisierung", den ich heute tagtäglich beobachte, zeigt, dass die Lehren aus dem sowjetischen Herrschaftssystem und seinen brutalen Repressionen nicht begriffen wurden". Foto: Getty Images/Fotobank

Ljudmila Ulizkaja: "Der Prozess einer gewissen „Stalinisierung", den ich heute tagtäglich beobachte, zeigt, dass die Lehren aus dem sowjetischen Herrschaftssystem und seinen brutalen Repressionen nicht begriffen wurden". Foto: Getty Images/Fotobank

Ljudmila Ulizkaja, eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands, sprach in einem Interview mit Russland HEUTE über ihre jüngsten Arbeiten, die russische Gesellschaft im Wandel der Zeit und ihre Aufgabe als Schriftstellerin.

Russland HEUTE: „Daniel Stein" ist ein ungewöhnlicher Roman an der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Was hat Sie zu diesem Werk bewogen?

Ljudmila Ulizkaja: Jenseits gewisser innerer Umstände fühlte ich mich dazu gezwungen, diesen Roman zu schreiben. Es war die schwerste Arbeit meines Lebens. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass dieser Roman mich verändert hat.

Das Vorbild Ihrer Romanfigur Daniel Stein kannten Sie tatsächlich. Wie war Ihre Beziehung zueinander?

Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit Bruder Daniel, auch wenn ich nur wenig mit ihm persönlich sprechen konnte. Er verbrachte 1993 auf der Durchreise nach Belarus einen ganzen Tag bei mir zu Hause in Moskau. Ich hatte von einem anderen Geistlichen, dem mittlerweile ebenfalls verstorbenen russisch-orthodoxen Priester Alexander Men, einiges über sein ungewöhnliches Schicksal erfahren.

Die Gemeinsamkeit dieser zwei christlichen Amtsträger bestand darin, dass sie beide Juden waren. Daran ist zunächst nichts Verwunderliches, schließlich waren die zwölf Apostel alle Juden. Das gerät häufig in Vergessenheit, genauso wie die Tatsache, dass Jesus Jude war, die Regeln des jüdischen Lebens achtete und eindeutig sagte, er sei auf die Welt gekommen, nicht um gegen das Gesetz zu verstoßen, sondern um es zu befolgen. Das ist offensichtlich die Kernfrage: Wegen welchem Gesetz ist Jesus auf die Welt gekommen? Bruder Daniel hat diese Frage auch sehr beschäftigt.

Dieser Roman war meine persönliche Glaubenstat, unter der Last dieser schweren Fragen wäre ich fast zerbrochen. Aber ich bereue nicht eine einzige Minute dieses beschwerlichen und langen Weges. Ich bin Daniel 1993 persönlich begegnet und habe das Buch 2006 veröffentlicht. Als ich Bruder Daniel traf, befand ich mich in einer tiefen Krise. Viele meiner Grundüberzeugungen waren ins Wanken geraten, ich hatte meinen gewohnten Halt verloren. Heute, nach dieser ganzen Geschichte, sage ich meinen Freunden, dass eine Krise ein Geschenk des Schicksals ist. Nur durch eine Krise reift ein Mensch und erreicht ein neues Niveau, kann gleichsam Kleider ablegen, aus denen er herausgewachsen ist.

Was ist für Sie maßgebend bei der Entscheidung für einen Romanstoff?

Nicht ich entscheide mich für einen bestimmten Stoff, es ist wohl eher umgekehrt – die Themen wählen mich. Eine Ausnahme bildet lediglich „Das grüne Zelt". Ich sah es als meine Pflicht an, ein Buch über die Generation zu schreiben, die man bei uns üblicherweise als die „Sechziger" bezeichnet. Die jungen Leute in der heutigen Zeit machen die Generation der Sechsziger, wie ich vielen Gesprächen entnommen habe, für unsere heutigen Verhältnisse verantwortlich.

Der Prozess einer gewissen „Stalinisierung", den ich heute tagtäglich beobachte, zeigt, dass die Lehren aus dem sowjetischen Herrschaftssystem und seinen brutalen Repressionen nicht begriffen wurden. Im „Grünen Zelt" ging es mir darum, ein Porträt der jungen Generation der beginnenden sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu zeichnen, mit ihren unterschiedlichen Talenten und Schicksalen. Und ich wollte zeigen, wie sie alle deformiert, wenn nicht zerstört werden von der sowjetischen Macht. Das ist im Grunde meine Hauptkritik am sowjetischen System. Es hat über Jahrzehnte die Menschen eingeschüchtert und schließlich deren Gefühl von Würde und Selbstachtung vernichtet.

Das Bild des „grünen Zeltes" verweist auf die Biologie und die Psychologie – das Zelt konserviert den Zustand der Unreife. Hat sich das kollektive Unbewusste der Russen seit den 60er-Jahren verändert?

Das kollektive Unbewusste hat sich während einer tausendjährigen Geschichte herausgebildet und ich glaube nicht, dass 70 Jahre sowjetischer

Macht irgendetwas grundlegend verändert haben. Der Feudalismus und die Leibeigenschaft, die 1861 abgeschafft wurde, und 300 Jahre Mongolenherrschaft haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Die Hälfte des russischen Adels hatte tatarische Familiennamen – verstehen Sie, was das bedeutet, in welchem Ausmaß der russische Staat von den tatarischen Invasoren abhängig war? Wer kann beurteilen, wo die Grenze zwischen Ost und West in der russischen Seele verläuft? Und was liegt dem unerforschten kollektiven Unbewussten zugrunde?

Man hat Sie nicht selten eine „feministische" Schriftstellerin genannt – vielleicht, weil Sie den Frauenfiguren in Ihren Texten eine besondere Aufmerksamkeit schenken.

Die östlichen Traditionen, nach denen die Frau kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist, sind in Russland stark, und der internationale Frauentag am 8. März zählt gleichzeitig zu den wichtigsten Feiertagen. Er ist eine indirekte Bestätigung der Ungleichheit von Frauen und Männern. Männer sind in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens dominant. Ich möchte genauer sagen: in allen jenen Sphären, die bei geringem Einsatz von Energie große Erträge versprechen.

Traditionell männliche Tätigkeitsbereiche im 19. Jahrhundert wie Medizin und Pädagogik haben sich in den vergangenen 100 Jahren in typische Frauenberufe verwandelt. Es handelt sich eben um arbeitsintensive Berufe,

 

Welche Rolle hat in unserer Zeit die „Intelligenzija"?

Die russische „Intelligenzija" im klassischen Sinne dieses Wortes gibt es meiner Meinung nach nicht mehr. Das Gleiche trifft übrigens auch auf das Proletariat zu. Es gibt Intellektuelle, Funktionäre und die große Masse derer, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind – von denen gibt es heute vielleicht sogar mehr als zu sowjetischen Zeiten.

Die alten Klischees greifen nicht mehr und an deren Stelle sind keine neuen getreten. Uns umgibt eine riesige Wolke leerer Demagogie, die von einer sehr gefährlichen Renaissance nationalistischen Gedankenguts und von einer Sehnsucht nach der untergegangenen Großmacht genährt wird. Die Sphäre des Kulturellen schrumpft, aber dieser Prozess lässt sich auch in Europa beobachten. Ein Schriftsteller hat nur eine ernst zu nehmende Aufgabe: das Geschehen in seiner Umgebung wahrzunehmen und es so gut wie möglich abzubilden. Ich halte meine Augen offen.

Was bedeutet für Sie Freiheit?

Wenn ich eine Antwort auf diese Frage gefunden habe, widme ich ihr einen eigenen Roman.

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