Die Straße als Laufsteg: Mode im Riesenreich Russland

Die aufwändig bestickten Kleider kann sich allerdings nur eine kleine Elite leisten. Foto: Antonio Fragoso

Die aufwändig bestickten Kleider kann sich allerdings nur eine kleine Elite leisten. Foto: Antonio Fragoso

Die russischen Frauen sind weltbekannt für ihre kurzen Röcke, tiefen Ausschnitte und ihre hohen Schuhe. Doch wie hat sich die Mode in den letzten Jahren verändert? Woran orientieren sich die jungen Russinnen?

Ein warmer Tag Anfang Juni. Im Sommergarten von St. Petersburg flanieren Frauen und Männer, Kinder und Alte. Sie genießen die Ruhe mitten in der Stadt. Nur das Rauschen der Brunnen ist zu hören. Eine Oase mitten in der Stadt, nicht nur für Einheimische sondern auch für Touristen wie Matthias. Er ist seit zwei Tagen in St. Petersburg und sagt über die russischen Frauen:

„Ja, also wenn man das erste Mal in Russland ist und sich so ein bisschen umschaut, dann fallen die russischen Frauen einem als Mann natürlich schon auf, weil sie – kurz gesagt – alles aus sich herausholen was möglich ist... also sie sind deutlich mehr herausgeputzt als die Frauen, die ich so in Deutschland sehe und vielen steht das auch gut, aber manchmal ist es zu viel des Guten.“

Schon vor 200 Jahren soll der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, Schöpfer von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, gesagt haben: „Es ist die wichtigste Aufgabe der Frau zu lernen, wie man die Männer bezaubert. Das Mädchen braucht dieses Mittel, um den richtigen Mann wählen zu können – die verheiratete Frau, um über den Mann zu herrschen.“ Daran hat sich, so der Eindruck, bis heute nicht viel geändert, denn russische Frauen zeigen in der Regel was sie haben.

Die Büro-Angestellte Natalia verbringt ihre Mittagspause im Sommergarten und erklärt: „Russische Frauen versuchen immer gut auszusehen. Sogar wenn man gar keine Lust hat, sich modisch zu kleiden, muss man da durch. Denn man sollte einfach jeden Tag gut aussehen.“ In Russland zählt gepflegtes Aussehen, in Deutschland muss Kleidung bequem sein. Ich frage ihre Freundin, die auch Natalia heißt, ob es nicht weh tut, immer Schuhe mit Absätzen zu tragen. Sie antwortet: „Nein, warum? Wenn man das macht seitdem man drei Jahre alt ist, tut es nicht weh. Man ist daran gewöhnt.“ Beide sagen, dass sie im Büro vor allem Kleider und Röcke tragen – das sei feminin und deshalb passe das ganz gut.

Tatjana Parfionova macht seit 30 Jahren Mode

Aber das gilt natürlich nicht für alle Russinnen. Tatjana Parfionova trägt keinen Rock. Sie ist immer in Schwarz gekleidet, meistens Hose und eine weite Bluse. Denn Parfionova ist selber etwas rundlich – und macht Mode für Superreiche. Sie ist die bekannteste Modeschöpferin in St. Petersburg. Seit knapp 30 Jahren ist sie dabei. Ihr Showroom befindet sich auf der Petersburger Hauptflaniermeile „Newskij Prospekt“.

Tatjana Parfionova ist die bekannteste Modeschöpferin in St. Petersburg. Foto: Antonio Fragoso

Dort kommt man nur herein, wenn man klingelt. „Wenn sich jemand wirklich die Kleider anschauen will, klingelt er; aber wenn er sich nur so umschauen will, haben wir dafür keine Zeit – umschauen kann er sich im Internet“, sagt die 57-Jährige. In Ihrem Showroom steht ein langer bunter Tisch, an dem sie oft sitzt und zeichnet – oder mit Kunden spricht. Ihre Kunden kommen aus der ganzen Welt, viele aus Moskau. Dort sitzt das Geld lockerer als anderswo.

Tatjana Parfionova meint: „Alle russischen Frauen träumen davon, eine gute Partie zu machen. Deshalb schminken sie sich sobald sie die Augen aufmachen und wollen, dass der Mann glücklich ist. Ja, sie hübschen sich auf und ich finde, das ist ganz normal. Der Wunsch glücklich sein zu wollen, sollte nicht verurteilt werden.“ Sie findet, das sei Ausdruck dafür, dass man sich selber liebe. Und wenn man sich selber liebe, dann sei man auch in der Lage seinen Mann und seine Kinder zu lieben. Ihre aufwändig bestickten Kleider kann sich allerdings nur eine kleine Elite leisten. Eine Bluse kostet 500 Euro, ein rotes Cocktailkleid schon mal locker 2.000 Euro. In Russland gibt es keine Krise, deshalb gilt seit Jahren die Parole: Klotzen statt kleckern.

Die Studentin Aigul Achmeschin hat den Eindruck, dass in letzter Zeit immer mehr westliche Einkaufsläden wie H&M und Zara in der Innenstadt auftauchen. Das sei auch klar – „denn die Frauen interessieren sich immer mehr für Trends aus dem Westen und schenken der Mode insgesamt mehr Aufmerksamkeit als früher“. Der westliche Einfluss, von dem die 21-Jährige spricht, ist in St. Petersburg unübersehbar. Schon immer war die Stadt von Peter, dem Großen, das „Fenster zum Westen“. Und so gibt es auch hier Zeitschriften wie Cosmopolitan, Elle und Vogue – aber nur wenige Russinnen orientieren sich daran.

Natalia, die Büro-Angestellte aus dem Sommergarten, sagt: „Diese Zeitschriften verkörpern einen Glamour, der nur einem ausgewählten Kreis zuteil wird. Das sind keine Kleider für den Alltag, weil sie unbequem und teuer sind. Für mich ist das etwas, das ich mir nie werde leisten können.“ Stattdessen orientiere sie sich eher daran, was im Schaufenster hängt – oder was die Freundin trägt. In Deutschland kommen die Trends aus den USA, in Russland kommen die Trends aus Deutschland, Spanien und Italien. Und so sind zum Beispiel Neonfarben wie grelles Gelb oder grelles Pink immer noch angesagt. Denn: Die Trends kommen später an – und dafür bleiben sie länger.

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