Deutsch-Russische Festtage: „Wir kommen wieder!“

Einer der Höhepunkte der VII. Deutsch-Russischen Festtage vom 14.-16. Juni in Berlin war der Auftritt der Kultband Karat mit Frontmann Claudius Dreilich. Foto: Deutsch-Russische Festtage e.V. / Peter Hennig

Einer der Höhepunkte der VII. Deutsch-Russischen Festtage vom 14.-16. Juni in Berlin war der Auftritt der Kultband Karat mit Frontmann Claudius Dreilich. Foto: Deutsch-Russische Festtage e.V. / Peter Hennig

Bereits zum siebten Mal begegneten sich Deutsche und Russen bei Kultur, Sport, guten Gesprächen und vielem mehr in Berlin-Karlshorst. Russland HEUTE war mitten drin im Geschehen.

„Über sieben Brücken musst du gehn…, manchmal geh' ich meine Straße ohne Blick, manchmal wünsch' ich mir mein Schaukelpferd zurück...“, singt der viele tausend Stimmen umfassende Zuschauerchor vor der Hauptbühne. Dirigent der Massen ist Claudius Dreilich, Frontmann der Kultband Karat. „Die machen eine super Stimmung, die haben es richtig gut drauf“, ruft mir ein Mann mit roter Sportmütze, einem T-Shirt mit der Aufschrift „Integration durch Sport“ und einem Umhängeband „Organisator“ voller Begeisterung zu um bald wieder in der Menge zu verschwinden. Der Mann, so erfahre ich, heißt Siegfried („Siggi“) Abé und arbeitet beim Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin. Er gehört zu den vielen freiwilligen Helfern der Deutsch-Russischen Festtage. Diese finden an diesem Juniwochenende bereits zum 7. Mal auf der „Trabrennbahn“ in Berlin-Karlshorst statt.

Auf dem Festgelände gibt es drei Informationsstände, an denen man mehr über das Programm und die einzelnen Vorführungen auf den insgesamt fünf Bühnen erfahren kann. Hier treffe ich Elena Schweng, eine Russlanddeutsche, die seit über 20 Jahren in Deutschland lebt und sich im Verein Deutsch-Russische Festtage engagiert. „Die Festtage sind aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken“, schwärmt Elena. Für sie seien die Festtage ein idealer Ort, um sich mit den vielen Russen, die extra aus Moskau, Sankt Petersburg, Omsk, Kasan, Kaliningrad oder woher auch immer anreisten, über die aktuellen Entwicklungen in der alten Heimat auszutauschen. Allerdings kämen auch immer mehr Deutsche zum Fest. Ihre Zahl steige jedes Jahr kontinuierlich an. Die anfängliche Skepsis und Zurückhaltung der ersten Jahre sei verflogen.  

Wir ziehen weiter zur Jazzbühne, deren beschwingte Musik im Rahmen des Eddie Rosner Festivals uns schon von weitem in seinen Bann zieht. Der Leiter dieses Bereichs, Dmitri Dragilew, erzählt voller Enthusiasmus über das Schicksal von Eddie Rosner, über den er sogar ein Buch geschrieben hat. Der begnadete Jazzmusiker und Star-Trompeter Eddie Rosner verließ infolge der Judenverfolgung während der Naziherrschaft Deutschland und kam auf Umwegen in die damalige Sowjetunion, wo er Asyl fand und als Musiker begeistert aufgenommen wurde. Später sei Rosner, so Dragilew, den Repressalien in der Stalinzeit zum Opfer gefallen und habe acht Jahre seines Lebens im Lager zubringen müssen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habe es sehr lange gedauert, bis er die ihm gebührende Anerkennung erhielt. Das Jazzfestival sei, so Dragilew, in den letzten Jahren immer besser geworden. Das diesjährige Experiment mit dem Elektro-Swinger-DJ Loui Prima sei vom Publikum hervorragend angenommen worden.

Sport mit Herz – Tatarische Kultur hautnah

Weiter vorne kommen die von der Farbe Blau des Hauptsponsors der Festtage, dem russischen Energieriesen Gazprom geprägten Sportanlagen immer näher. Hier treffe ich auch Siegfried Abé wieder, der alle Hände voll zu tun hat, um die Vielzahl der Wettkämpfe in Fußball, Karate, Boxen oder Judo zu koordinieren und gleichzeitig einen reibungslosen Ablauf auf der Showbühne sicher zu stellen. Aus aktuellem Anlass wurde kurzfristig eine Spendenaktion für die Hochwasseropfer in Deutschland ins Leben gerufen. Helferinnen und Helfer gehen mit aufgeschnittenen Bällen durchs Publikum und sammeln Geld für die von der Katastrophe betroffenen Sportvereine. „Wir wollen vor allem für die Kinder etwas tun“, sagt „Siggi“ kurz um dann zwischen den vom FC Schalke 04 aufgebauten Attraktionen wie Torwand, Geschwindigkeitsschießen und Geschicklichkeitsparcours zu verschwinden.

Ebenfalls im Sportbereich fand Sabantui, ein traditionelles tatarisches Fest, statt – die Neuheit der Festtage 2013 schlechthin. Viele der Besucher waren, wie mir auch die Frau vom Infopunkt, Elena Schweng, bestätigte, extra gekommen, um diese Attraktion zu erleben. Eigens für die Festtage angefertigte Plakate mit der Überschrift „Herzlich willkommen! Räxim itegez!“ hatten die Besucher zu Gewichtheben, Tauziehen, Topfschlagen, Eierlaufen, Sackhüpfen sowie viel Musik und Tanz aufgefordert.

In Sachen Kultur hatten die Festtage aber noch einiges mehr zu bieten. Die Vertreterin des Moskau-Standes, Elena Gajnulina, erzählt mir, dass eigens für die Festtage eine große Delegation russischer Schriftsteller, Übersetzer und Publizisten nach Berlin gereist ist. Im Literaturzelt führten sie Lesungen und Buchbesprechungen durch und standen geduldig  für individuelle Diskussionen und Autogramme zur Verfügung.

Gleich in der Nachbarschaft des Literaturzeltes hatte das „Lichtenberger Netzwerk“ seine Zelte aufgeschlagen. Dieser informelle Verbund bietet Kindern und Jugendlichen am Standort Lichtenberg, angefangen vom Kindergarten, über Grundschule und Gymnasium bis hin zum Studium, bilingualen Unterricht in Deutsch und Russisch an. Auf den Festtagen

seien alle Altersklassen gemeinsam auf der Festbühne aufgetreten, berichtet mir Martina Bleil, Schulleiterin der Lew-Tolstoi-Grundschule, Staatliche Europa-Schule Berlin und Vorsitzende des Berliner Russischlehrerverbandes. Jedes Jahr organisiere ihre Schule, so erzählt sie, einen Schüleraustausch mit der Partnerschule im russischen Jasnaja Poljana, dem ehemaligen Landgut der Familie Tolstoi.

Mit einem Konzert der russischen Rockband Melnitsa („Mühle“) klangen die Festtage am Sonntagabend stimmungsvoll aus. Das in Deutschland nur wenig bekannte Ensemble schaffte es mit seinem Folkrock innerhalb der ersten halben Stunde immer mehr Zuschauer vor und auf die Bühne zu locken. Inmitten der Menge traf ich bei einem Becher Kwas (russisches Brotgetränk) meinen nun schon „alten Bekannten“ Siegfried Abé wieder. Er habe gerade eben ein „riesen dickes Lob“ der Moskauer Sportler-Delegation für die tolle Organisation erhalten. „Die kommen auf jeden Fall wieder“, berichtet er mir voller Stolz.   

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