Ausgrabungen enthüllen Moskaus Vergangenheit

Das Moskauer Hotel "Peking". Foto: PhotoXPress

Das Moskauer Hotel "Peking". Foto: PhotoXPress

Bei der Restaurierung des Hotels Peking in Moskau stießen Archäologen auf rund 350 Exponate aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Die Gegenstände sind gut erhalten und werden schon bald an das Historische Museum Moskau übergeben.

Der Fund bringt Licht in das Alltagsleben vergangener Jahrhunderte. So wurden etwa ein Ledertäschchen für Geld, Holzinstrumente, Möbel und Schuhe gefunden. Des Weiteren stießen die Archäologen auf eine Vielzahl von Keramikgegenständen, Ofenkacheln und Glasgefäßen. Wladimir Berkowitsch, dem stellvertretenden Direktor des Unternehmens Archäologische Erkundungen im Baubereich und Leiter der Ausgrabungsarbeiten, zufolge steht der hohe historische Wert dieser Dinge außer Frage. „Dieses Gebiet wurde von Archäologen noch nie untersucht", erzählt er. „Hier gibt es Grundwasser, weshalb wir viel Wasser abpumpen mussten. Zusätzlich kostet das Durchsieben der Erde viel Zeit. Andererseits hat der feuchte Boden dazu beigetragen, das Material zu konservieren. Er hat für einen sehr hohen Erhaltungsgrad gesorgt."

Wie Berkowitsch weiter bemerkte, wuchs und entwickelte sich das altertümliche Moskau konzentrisch vom Zentrum weg zum Stadtrand, das heißt vom Kreml zu den weißen Mauern von Kitaj-Gorod, später weiter zur sogenannten Semlenoj Gorod, zur Erdstadt, dem heutigen Sadowoje Kolzo (Gartenring). Hinter den Grenzen dieses Rings wurde ein Bezirk (Sloboda – Siedlung) verlegt, in dem die „Spediteure" der damaligen Zeit, die Postkutscher, wohnten. Sie waren es, die den Transport von Post und Waren aus Moskau nach Twer und weiter bis hin nach Europa absicherten – daher auch die Bezeichnung des Bezirks „Twerskaja-Jamskaja Sloboda".

Der erste große Fund in Moskau wurde am 8. Mai 1895 in Kitaj-Gorod in der Nähe der Iljinka-Straße gemacht. Er bestand aus fünf Helmen, fünf Kettenhemden, zwölf Lanzen und einem Geldbeutel mit Münzen, die noch vor der Krönung Iwan IV. (1547) geprägt wurden. Zu Sowjetzeiten fanden Wissenschaftler in der Gontscharnaja Sloboda (Töpfersiedlung) einen vollständig erhaltenen Ofen zum Brennen von Töpfererzeugnissen, dazu Töpferwerkzeuge, Gefäße und sogar tönernes Spielzeug. 1982 fanden Archäologen während der Rekonstruktion des Hotels Rossija eine filigrane Juwelierarbeit – den Beschlag einer Ikone aus dem 15. Jahrhundert, die den Heiligen Georg darstellt.

Eine große Zahl historischer Artefakte wurde in den 1990er-Jahren bei der großen Rekonstruktion des Manegenplatzes, der an die Kremlmauern grenzt, ausgegraben. Dieser Platz hat eine reiche Geschichte: Unter Iwan

dem Schrecklichen befand sich hier die Strelezkaja Sloboda (Schützensiedlung), in der das Reiterregiment des Zaren untergebracht war. Auch gab es in der Nähe viele Märkte. Jahrhundertelang blühte auf dem Platz der Handel und brodelte das Leben. Seine heutigen Grenzen erhielt der Manegenplatz erst während der „stalinschen Rekonstruktion" in den Jahren 1934 bis 1937, nach dem Abriss der historischen Bebauung.

Im Jahr 1993, noch bevor mit der Rekonstruktion des Platzes begonnen wurde, untersuchte man das Gebiet eingehend. Dabei fanden Archäologen eine sehr umfangreiche Kulturschicht gefunden, die mit Stein- und Holzkonstruktionen verschiedener Jahrhunderte gespickt war. Darunter befanden sich auch die sterblichen Überreste von Siedlern aus dem 12. Jahrhundert, das praktisch vollständig erhaltene Fundament der Woskresenskij-Brücke, einer Zierde des mittelalterlichen Moskaus, sowie verschiedene Handwerks- und Alltagsgegenstände. Der wertvollste Fund war jedoch ein umfangreicher Schatz: 16 silberne Gefäße, 335 westeuropäische Münzen und 95 429 russische Münzen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

 

Foto: Dmitri Swerjew

Damals wurde ein neuer Ansatz für das historische Erbe entwickelt: Die unterirdischen Anlagen wurden nicht mehr, wie früher, zerstört, sondern mit großem Aufwand konserviert. Der Begriff „Museumifizierung" wurde geprägt und sogar ein Museum für Archäologie in Moskau gegründet. Dieses befindet sich übrigens in einem unterirdischen Ausstellungssaal unter dem Manegenplatz, dort, wo sich die Ausgrabungsstätten aus den Jahren 1993 bis 1996 befanden.

In den vergangenen Jahren wurde die Sammlung des Historischen Museums Moskaus dank der permanenten Bautätigkeit und der Rekonstruktion historischer Gebäude im Stadtzentrum ständig um neue

Exponate erweitert. 2008 machte man auf dem Gebiet der Tjoplyje-Marktzeile im Bezirk Kitaj-Gorod äußerst wertvolle Funde: eine Glasikone mit der Darstellung Christi aus dem 15. Jahrhundert, gefertigt von einem ausländischen Künstler, ein Amulett in Form einer Miniaturaxt sowie eine Schachfigur aus Knochen mit filigran herausgearbeitetem Gesicht und Kleidung.

Die Gegenstände, die auf dem Gelände des Hotels Peking gefunden wurden, werden der Sammlung demnächst ebenfalls hinzugefügt: „350 Exponate – das ist ein sehr großer Fund für Moskau. Die Sammlung wird eingehend ausgewertet, untersucht und in spätestens drei Jahren dem Historischen Museum Moskau übergeben", berichtete Berkowitsch. „Sehen kann man die Sammlung aber schon diesen Herbst in der Ausstellung im Gostinyj Dwor, wo wir traditionsgemäß Sammlungen dem breiten Publikum präsentieren."

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