Russland und die Niederlande - eine alte Freundschaft

Die Freundschaft der beiden Nationen begründete Peter der Große, der die Niederlande als großes Vorbild pries. Niederländisches Know-how verhalf dem Riesenreich zur Blüte – eine Ausstellung dokumentiert die fruchtbare Kooperation.

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Als Besucher der Ausstellung “Russland und die Niederlande. Eine Sphäre der Zusammenarbeit“ im Historischen Museum in Moskau taucht man sofort in die Atmosphäre des 18. Jahrhunderts ein. Alte Musik, Modelle von Schiffen und Fregatten, russische und holländische Flaggen, beide in den Farben weiß-blau-rot. An Bord dieses gemeinsamen russisch-niederländischen Schiffes werden die Reliquien der drei Jahrhunderte andauernden Beziehungen beider Länder ausgestellt, die bis zum 20. Jahrhundert nur ein einziges Mal - durch die Schuld Napoleons - unterbrochen waren.

Peter I. führte Russland in eine neue Zeit. Sein erster großer Besuch in den Niederlanden fand im Jahre 1697 statt und wurde als Große Gesandtschaft bezeichnet. Der junge Staat, gegründet 1581, begeisterte Peter so sehr, dass ihm ganz Russland jahrzehntelang nacheiferte. Hauptziel der Großen Gesandtschaft war, sich bei der Seemacht die Geheimnisse und Erfahrungen im Schiffsbau abzuschauen. Peter selbst ging dort in die Lehre und begann eigenhändig Schiffe zu bauen. Das Boot “Fortuna”, das erste Werk des Zaren, wird bis heute im Stadtmuseum von Pereslawl-Salesski zu besichtigen. Aber nun zurück nach Moskau. Kommen Sie mit auf einen Ausstellungsrundgang.

 

Historisches Museum feiert russisch-niederländische Freundschaft

Im ersten Ausstellungssaal ist die Reise der Großen Gesandtschaft dokumentiert. Peters Wams, aus holländischem Tuch gefertigt, sein Porträt, gemalt vom holländischen Künstler Godfried Schalcken, Originalteile der Schiffe, auf denen Peter in die Niederlande gekommen war sowie Gemälde mit der Darstellung seiner Ankunft.

Nach der Rückkehr von seiner Reise war der Zar geradezu besessen von den Neuerungen und erließ einen Ukas, nach dem alle jungen Leute, die noch zu keinem Dienst angetreten waren, zur Ausbildung in die Niederlande fahren sollten. Dort sollten sie neben Deutsch und  Holländisch insbesondere den Schiffsbau erlernen. Umgekehrt strömten viele Holländer nach Russland. Dort bekamen sie  eine Vielzahl an Privilegien und profitierten vor allem von der Gunst des Zaren. Unter anderem halfen sie dabei Russlands erste Seekarten anzufertigen. Die Ausstellung zeigt ein Exponat einer solchen Karte vom Asowschen Meer. Auf ihr wird Peter auch zum ersten Mal als Imperator betitelt.

Zur Erinnerung an das große Vorbild für moderne Stadtplanung zeigt die Ausstellung eine alte Karte von Amsterdam. Die niederländische Metropole mit ihren Kanälen und Inseln stand Pate für die Errichtung von St. Petersburg.

Ein ganzer Schaukasten ist dem Niederländer Nicolaas Bidloo gewidmet, dem Leibarzt Peter des Großen. Dieser Mann hob die russische Medizin auf ein ganz neues Niveau und gründete das erste Moskauer Hospital mit einem angeschlossenen Ausbildungsinstitut: das heutige Burdenko-Hospital. Eines der besten Krankenhäuser in Russland.

Auf diese Weise wirkte die Niederlande auf die verschiedensten Lebens- und Wissenschaftsbereiche Russlands ein. Nicht nur auf das Schiffs- und Städtebauwesen und auf die Kartographie und Medizin, sondern auch auf die Kunst und vor allem auf den Alltag. Eine Überraschung stellt für die Besucher ein Stich des Zaren persönlich dar, den er unter Anleitung des niederländischen Meisters Adrian Schonebeck angefertig hat. Darauf ist ein beliebtes Sujet der damaligen Zeit abgebildet - der Sieg des Christentums über den Islam.

Auch die traditionelle Handwerkskunst war dem niederländischen Einfluss ausgesetzt. Gschel und Majolika, zwei Keramikmalstile, mit denen man etwas Ur-Russisches verbindet, beanspruchen dieses Attribut zu Unrecht. Dafür liefern die ausgestellten bemalten Vasen und Teller den Beweis. Des Weiteren galten in den Häusern und Herrensitzen der russischen Oberschicht schon immer niederländische Öfen und Kacheln, die weltberühmten Delfter Fließen, als absoluter Luxus. Später wurden sie dann auch auf russische Weise mit Märchenmotiven und Dekor dekoriert.

Die Holland-Mode spiegelt sich auch in einem der luxuriösesten Herrensitze wider - im Landgut Kuskowo, das der Adelsfamilie Scheremetjew gehört. Dort gibt es ein niederländisches Haus, das alle Dekorelemente, wie sie typisch für dieses europäische Land waren, repräsentiert.

Zar Peter I. überließ dem Buchdrucker Jan Tessing das Monopol für den Import von Büchern nach Russland. Als Beispiel zeigt die Ausstellung Bücher, die bei ihm gedruckt wurden, wie die “Fabeln von Äsop”.

Ein ganzer Saal ist dem Russlandbild in den Augen niederländischer Reisender gewidmet. Ihre Berichte waren seinerzeit die einzige Informationsquelle über ein Land, das dem Westen fern und wild erschien. Die Reisenden brachten aus Sibirien Schamanengewänder und die verschiedensten Artefakte des russischen Lebens mit. In Digitalformat kann man zwei antiquarische Bücher mit Stichen von Cornelis de Bruijn (“Reise über Moskau nach Persien und Indien”) und Jan Jansen Struys (“Drei unvergessliche Reisen durch Italien, Griechenland, Livland, Moskowien und andere Länder”) sehen. Das zweite Buch ist besonders faszinierend, weil es Stiche enthält, die für heutige Volkskundler und Historiker interessant und neu sind.

Viele Niederländer, die Russland bereisten, blieben und erhielten die russische Staatsbürgerschaft. Wie zum Beispiel Franz de Volan, der der Baumeister von 12 Städten in Russland wurde, darunter auch Odessa, die er auf Befehl von Katharina II. erbaute.

Die Russen halfen den Niederländern 1813 bei der Befreiung von Napoleon und bekräftigten ihr Bündnis und die diplomatischen Beziehungen durch die Heirat des Prinzen von Oranien und Anna Pawlowna, der Schwester der beiden russischen Zaren Alexander I. und Nikolaus I.

Die Ausstellung im Historischen Museum vereint rund 400 Exponate aus 14 russischen Museen und 13 niederländischen Sammlungen, darunter das Rijksmuseum Amsterdam, das Maritiem Museum Rotterdam, das Centraal Museum Utrecht. “Die Grundidee der Ausstellung ist, dem Publikum die tiefgehenden historischen Beziehungen zwischen unseren Ländern aufzuzeigen, die Zeit, als die Niederlande ein mächtiger Handelspartner und Investor für Russland war”, erzählte der Kurator der Ausstellung Wladimir Bulatow dem TV-Sender Kultur.

Die Ausstellung im Historischen Museum läuft noch bis 16. September, weitere Informationen hier.

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