Musikalischer Hochgenuss in der Berliner Philharmonie beschließt Russlandjahr

Bravorufe für Stardirigent Gergiev und den Solisten René Pape. Foto: Konstantin Sawraschin

Bravorufe für Stardirigent Gergiev und den Solisten René Pape. Foto: Konstantin Sawraschin

Mit einem grandiosen Festkonzert in der Berliner Philharmonie klangen am 1. Juli das Russlandjahr in Deutschland und das Deutschlandjahr in Russland 2012/2013 feierlich aus. Russland HEUTE war Life dabei.

In der Berliner Philharmonie spielte vor ausverkauftem Haus das Mariinski Orchester Sankt Petersburg unter der Leitung von Valery Gergiev. Aufgeführt wurden im 1. Teil das Vorspiel zu Richard Wagners „Lohengrin“ sowie Wotans Abschied aus dessen Oper „Die Walküre“ mit dem Bass-Solisten René Pape. Es folgten das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 F-Dur op.102 von Dmitri Schostakowitsch mit Denis Matsuev am Piano und im 2. Teil Peter Tschaikowskis 6.Symphonie. „Wir spielen ein russisch-deutsches Programm, bekannte Werke, die allen gefallen“, hatte Gergiev im Vorfeld angekündigt.

Die Wahl des Klangkörpers mit einem der meistgefragten russischen Dirigenten und die Zusammenstellung des Programms hatten durchaus symbolischen Charakter. Immerhin wird 2013 der 120. Todestag des weltberühmten russischen Komponisten Peter Tschaikowski begangen. Im Falle Richard Wagners wird 2013 seines 200. Geburtstages gedacht. Zu Beginn des Konzertes erwähnte der Vorsitzende der russischen Staatsduma Sergej Naryschkin in seinem Grußwort einen weiteren Aspekt: den 230. Jahrestag der Gründung des Mariinski Theaters, der auf Erlass der deutschstämmigen Zarin Katharina II. erfolgte.

Wie aus einem „Kokon“, filigran und zart kitzelte Valery Gergiev die melodische Fülle der Lohengrin-Ouvertüre heraus, um sie nach dem kulminierenden Beckenschlag peuà peu in den ursprünglichen Zustand einer „schmelzenden Morgendämmerung“ zurück zu bringen. Sicher und souverän sang René Pape. „Wir arbeiten seit 20 Jahren zusammen“, kommentierte Gergiev. Die Zuhörer konnten erleben was Papes Markenzeichen wurde: sein sanftes und natürliches molto legato.

Die Musik des „letzten großen Symphonikers des 20. Jahrhunderts“, wie er den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch zurecht bezeichnet, beschäftigt Gergiev, der auch Chefdirigent des London Symphony Orchestra ist, intensiv. Zuletzt hatte er mit dem Mariinski-Orchester in Wien und New York einen Zyklus aus Schostakowitsch-Symphonien präsentiert. In der letzten Konzertsaison führte Gergiev in München ein Mammutprojekt durch. Er stellte dem deutschen Publikum  alle 15 Schostakowitsch-Symphonien vor. Apropos München: Im Jahre 2015 wird Gergiev Chef-Dirigent der dortigen Philharmoniker.

Das Zweite Klavierkonzert von Schostakowitsch wird oft zu den traditionellen - im Sinne des sozialistischen Realismus - Werken des Komponisten gezählt. Die Besetzung ist hier viel kompakter: vor allem fehlt es im „Blechbereich“ –  Posaunen etwa kommen nicht vor. Die musikalische Substanz im zweiten Satz durfte – im Konzert am Montag amalgamiert durch den vortrefflichen Anschlag des Pianisten Denis Matsuev – ihre ganze elegische Finesse entfalten, nicht ohne dabei an manche großen Vorgänger zu erinnern: von Mozart bis Grieg.

Sollte Schostakowitsch mit seinem Konzert jungen Pionieren huldigen und ihnen simple Weisheiten auf den Weg geben – seid kreativ, probiert was Neues aus, eine große Zukunft liegt euch vor – so sind auch hier kodierte Botschaften zu spüren.

Denis Matsuev ist jedenfalls überzeugt, dass in diesem Werk verschmitzt und augenzwinkernd geschmunzelt wird. Die Ironie zeige sich in den stilisierten virtuosen Mitteln, einer „Anleihe“ bei den Wiener Klassikern sowie an der typischen für den Komponisten wuchtig-beharrlichen Scherzomotorik, die einem Hopak nacheifere. Dies sorge für Groteske, stehe im Widerspruch zu einer harmonischen Illusion: äußerer Optimismus verberge  Sarkasmus. Matsuev avancierte in Berlin zum absoluten Publikumsliebling: die Zuhörer jubelten ihm solange zu, bis eine Zugabe unvermeidbar wurde: der dritte Satz aus Schostakowitschs 1. Klavierkonzert.

Für „Pathétique“ von Tschaikowski benötigte Gergiev kein Dirigentenpult. Das „Schluchzen“ der Geigen im letzten Satz klang etwas zurückhaltender als man es vielleicht von einigen anderen Interpretationen kennt und die letzten Töne ließen die Frage offen: ob es wirklich ein Ende war.

Die Festredner zu Beginn des Konzertes, Ronald Pofalla, Chef des Bundeskanzleramtes und Sergej Naryschkin jedenfalls spannten den Bogen weiter und bescheinigten dem Russlandjahr in Deutschland und dem Deutschlandjahr in Russland, dass diese die Völker beider Länder näher gebracht hätten. Star-Dirigent Gergiev hatte die Einladung zum Festkonzert gerne angenommen, denn „es sei immer eine großartige Herausforderung im Ausland aufzutreten“. Auch bei den vorangegangenen Freundschaftsjahren Russlands mit Italien, Spanien und Frankreich hätte er den musikalischen Schlusspunkt gesetzt.  

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